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Ein Bankier kritisiert die Banken

Dienstag, 25.11.2008, 18:11 Uhr

Münster - Durch die Finanzmarktkrise ist die WestLB in das Zentrum von Übernahmespekulationen und Fusionsfantasien geraten. Mit Ludwig Poullain , dem Gründer und ehemaligem Vorstandsvorsitzenden der WestLB, sprach unsere Mitarbeiterin Rebekka Merholz .

Herr Poullain, in der Öffentlichkeit werden in Bezug auf die Finanzkrise fast ausschließlich die Manager an den Pranger gestellt. Kann man sie allein verantwortlich machen oder gibt es weitere Schuldige?

Poullain: Ich bin immer vorsichtig mit dem Wort Schuld. Sie haben Missbrauch betrieben, Schuld ist ein schwerwiegendes Wort. Mir ist in diesen Tagen durch Gespräche erst klar geworden, dass eigentlich mit der Ära Schröder, mit dem Beginn der rot-grünen Koalition, die Schleusen geöffnet worden sind. Hier sind Gesetze für die Freiheit der Märkte erlassen worden. „Deutschland muss ein großer Finanzplatz werden“, diese Worte sind auch von denen gefallen, die heute für die Einschränkung sprechen. Herr Müntefering war seinerzeit Vorsitzender der SPD-Fraktion und hat diesen Kurs voll mitgetragen. Und jetzt versucht man das wieder zur Ordnung zurückzudrehen. Ein schwieriges Unterfangen.

Ein Versuch, der Krise Herr zu werden, war das Rettungspaket der Bundesregierung. Wie bewerten Sie das?

Poullain: Das Paket ist riesengroß, und es übersteigt ja unser aller Vorstellungskräfte, was dort getan worden ist. Es führt sicherlich zu Gesundungsprozessen materieller Art, die Banken bekommen Eigenkapital und ihre Sicherheit zurück. Das heißt, sie haben Garantien gegenüber anderen Banken. Mehr kann man nicht tun, und mehr sollte man auch nicht tun.

Trotzdem scheint das Vertrauen innerhalb der Finanzbranche nicht wiederhergestellt zu sein.

Poullain: Der Staat hat eingegriffen, und das ist eine Sache, die dem System fremd ist. Ich gebrauche mal ein Bild: Der Markt ist gesund und hat ein krankes Organ. Es wird ihm ein neues eingepflanzt. Jetzt stellt sich die spannende Frage, auf die ich auch keine Antwort weiß: Nimmt der Markt das fremde Organ an oder stößt er es ab? Die Finanzmärkte bestehen zu 95 Prozent aus Psychologie. Momentan ist das Vertrauen weg. Und das kann man auch nicht kaufen.

Wie kann das Vertrauen denn dann wiederhergestellt werden?

Poullain: Das ist eben das Gute am Markt: Irgendwo ist Schluss, und irgendwo muss man ihn sich selbst überlassen. Und auch die dort tätigen Kräfte.

2009 steht die Bundestagswahl und somit auch ein heißer Wahlkampf an. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Parteien die Finanzkrise für ihre Zwecke nutzen.

Poullain: Ich hoffe, ich zünde fast eine Kerze an, dass die Finanzkrise und auch ihre Folgen nicht Themen des Wahlkampfes sein werden. Das wäre verheerend. Ich hoffe, dass die politischen Parteien soviel Verantwortungsgefühl haben, dass sie das rauslassen und sich nicht gegenseitig hierfür verantwortlich machen. Und es würde ja, wenn es in den Wahlkampf hinein kommt, nur zu mehr Regulierung kommen, und das würde schaden.

Wird sich die Krise denn, wie vielfach behauptet, auch auf die Wirtschaft negativ auswirken?

Poullain: Die Sorge, wie weit sich die Krise auf die Wirtschaft auswirkt, ist eigentlich mehr stimmungsmäßig als realistisch zu sehen. Stimmungen kann man jedoch nicht kaufen. Die Dinge werden sich wieder beruhigen. Ich kann aber nicht sagen, ob es wieder Rückschläge gibt. Was mich an dieser Szene stört, dass die Banker nicht reden, sie sind so verschwiegen. Sie sagen nicht, was sie noch in ihrer Kiste haben. Da besteht noch ein Gefahrenpotenzial.

Welche Konsequenzen werden die Banken aus der Krise ziehen?

Poullain: Die Banken werden das, was sie waren: Dienstleister. Und diese Auswüchse werden nicht wiederkommen. Gewinne der Banken werden zurückschrumpfen, wo sie hingehören, ohne dass der Staat eingreift. Dann wird Ruhe eintreten, und dann werden die Erfinder kommen und sagen, was man alles mehr machen kann mit dem Geld. Diese Versuche werden immer wieder gestartet. Gier, immer mehr rauszuholen, ist Trieb der Menschheit.

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