Interview
Muff Potter: „Wir sind selbst unsere größte Referenz“

Heute erscheint das neue Album „Gute Aussicht“ von Muff Potter. Und die mittlerweile 7. Platte der Band aus Rheine bzw. Münster hat gute Aussichten ein Erfolg zu werden. Sänger Nagel und Drummer Brami sprachen im Lenz-Interview mit Carsten Vogel über musikalische Einflüsse, das Spielen mit Sprache, die Finanzkrise und Münsters Musikszene.

Freitag, 17.04.2009, 10:04 Uhr

Ihr habt gerade euer siebtes Album aufgenommen. Wird das mittlerweile zur Routine?

Nagel: Nein. Natürlich gibt es eine positive Routine. Das ist ja in künstlerischer Hinsicht ein negativ besetztes Wort, weil immer assoziiert wird, dass Routine und Leidenschaft sich gegenseitig ausschließen. Aber das ist bei uns nicht so.

Brami: Außerdem haben wir bisher jede Platte woanders aufgenommen. In anderen Städten, in verschiedenen Studios. Diese Platte haben wir live eingespielt, das ist ja noch mal was ganz anderes.

Was ist das Besondere daran, ein Album live einzuspielen?

Brami: Es ist weniger perfekt, dafür aber direkter. Es ist nicht so fett produziert, das ist auch nicht das Ziel. Und es macht Spaß.

Jeder Künstler behauptet angesichts einer neuen Platte, dass dies die beste sei...

Nagel: Es ist das Beste, was wir im Moment machen können. Genauso wie vor vier Jahren „Von wegen“ das absolut beste Album war, was wir zu dem Zeitpunkt machen konnten. Ich bin stolz drauf, dass wir als Band in der Lage sind, auch andere Sachen anzubieten und nicht immer eine Platte nach der anderen heraushauen, auf der dieselben Akkorde nur rückwärts gespielt werden. Das wäre langweilig. Und wenn das mit Routine gemeint ist, dann haben wir als Künstler hoffentlich diese Routine durchbrochen.

„Gute Aussicht“ ist nicht wirklich kommerziell, oder?

Nagel: Das kann ich gar nicht sagen. Ich glaube, es wird unsere erfolgreichste Platte. Aber ist das dann automatisch "kommerziell"? Das Wort muss man sowieso neu definieren. Es passt nicht mehr in die Zeit. Die Koordinaten, wie man das Wort vor zehn Jahren benutzt hat, greifen heute nicht mehr. Heute kann vieles nebeneinander existieren. Es gibt ja nicht mehr nur den einen, sondern viele verschiedene Mainstreams. Es ist eben nicht mehr so, dass mehr Melodie automatisch kommerziell meint.

Was kommt beim Songschreiben zuerst? Musik oder Text?

Nagel: Immer zuerst die Musik. Als Texter bei Muff Potter denke ich mir gar nicht so viel aus, sondern gehe mit offenen Augen durch die Welt und nehme meine Umwelt auf. Ich erfinde keine phantastischen Geschichten. Was ich sehe, spucke ich in meinen eigenen Worten wieder aus. Es ist, als ob ich mit einem Spiegel rumlaufen würde, der dann teilweise ein bisschen verzerrt ist...

…und du hast ein Faible für Wortspiele. Beispielsweise „Der schönste Platz ist immer an der Hypotheke“ oder „Hier gibt es alles auf Pump (up the jam)“.

Nagel: Ich bin daran interessiert Sachen auf den Punkt zu bringen und eine eigene Sprache dafür zu finden. Deswegen spiele ich gerne mit Wörtern. Da gibt es zum Beispiel einen Satz von Brami auf der Platte: „Bäume ohne Rinde mit Kreuzen davor“. Das ist so ein starker Ausdruck, da hat man hat das Szenarium direkt vor Augen. Oder auch so ein Satz wie „Niemand will mehr Rüben ernten“. Es ist es für mich eine Herausforderung, nicht immer die gleichen Metaphern zu benutzen, sondern eine Sprache zu finden, die nicht ausgelutscht ist. Und „Rüben ernten“ wurde bestimmt noch nie gesungen.

Brami: Am Ende wird es immer viel mehr, als man denkt.

Nagel: Wir haben das bewusst zurückgeschraubt. Auf „Heute wird gewonnen, bitte“ waren so viele Wortspiele, dass es ermüdend wurde und uns selbst nicht mehr gereizt hat.

„Eiskunstlauf ohne Ton“ enthält mit der Textzeile „So fressen ihn die wilden Maden“ eine Anspielung auf dein Buch „Wo die wilden Maden graben“. Ist das gewollt?

Nagel: Ich zitiere gerne und ich baue gerne Referenzen ein. Manchmal nehme ich Texte von anderen Bands und stelle nur ein Wort um. Das ist ein bewusstes Spielen. Bei „Eiskunstlauf ohne Ton“ habe ich im Prinzip mit einem Zitat von mir selbst gespielt. Selbstreferenzen gibt es bei Muff Potter öfter…

Brami: ...Schützengraben ist ja zum Beispiel auch ein Song von der zweiten Platte...

Nagel: ... oder auf „Bordsteinkantengeschichten“ gibt es den Song „I love Fahrtwind“ und auf „Heute wird gewonnen, bitte“ taucht der „Fahrtwind“ als Anspielung wieder auf. Wir sind selbst unsere größte Referenz, unsere eigene Messlatte. Wir orientieren uns immer an unserem eigenen Schaffen – mehr als an anderen Bands.

Ist eure aktuelle Single „Blitzkredit Bop“, neben der Anspielung auf die Ramones, auch eine Anspielung auf die Finanzkrise?

Nagel: Den Text habe ich geschrieben, bevor ich von der Finanzkrise gehört habe. Ich bin nicht der Finanzexperte, der jeden Tag die Financial Times liest und die Blase hat kommen sehen. Hinterher dachte ich aber: Scheiße, bis unsere Platte rauskommt, ist das Lied nicht mehr aktuell (lacht). Aber es hat sich ja gezeigt, dass ich mir da keine Sorgen machen muss, weil alles immer weiter den Bach runtergeht. In dem Song geht es vor allem um eine Lebenshaltung, die gut zu unserer Band passt: nichts zu haben und trotzdem ein hedonistisches Leben führen zu wollen. Noch bemerkenswerter an dem Song ist, dass ich in dem Moment, als ich ihn geschrieben habe, gar nicht wusste, wie aktuell er für Muff Potter sein wird. Plötzlich hatten wir keinen Plattenvertrag mehr und mussten uns eine Menge Geld leihen, um die Platte zu machen. Das ist fast schon lustig.

Der Opener „Ich und so“ erinnert mich an Ton Steine Scherben , Motörhead und Mudhoney. Was hört ihr gerne? Was sind eure Einflüsse?

Nagel (lacht): Ton Steine Scherben und Motörhead passt doch ganz gut. Im Ernst, wir hören ziemlich unterschiedliche Musik. Wir verarbeiten viele Einflüsse.

Brami: Viele verschiedene Einflüsse vor allem.

Nagel: Ich freue mich darüber, in einer Band spielen zu können, die viele Sachen integriert und trotzdem nach sich selbst klingt. Letztes Jahr habe ich Soul für mich entdeckt: Otis Redding, Nina Simone. Natürlich werden Muff Potter niemals so klingen, dennoch kann man das an einigen Stellen auf dem Album heraushören. Wir sind nicht mehr auf Orientierungssuche. Wir haben als Band dieses Selbstbewusstsein, wir vertrauen darauf, dass es einen Muff-Potter-Sound gibt. Und ich weiß auch, was ich kann und was nicht. Deshalb mache ich nicht von heute auf morgen eine Soul-Platte.

„Gute Aussicht“ klingt zum Teil nach einer rauen Version von Kettcar oder Tomte...

Nagel: Finde ich nicht. Schroffer. Ich glaube, das ist die Crux deutschsprachiger Texte: sofort werden die Referenzen in dem Bereich gesucht. Klar, dass man dann immer dort nach Ähnlichkeiten sucht. Maximum Respect an beide Bands, aber wir hören selbst fast nie deutschsprachige Musik. Es ist ganz klar englische und amerikanische Musik, die uns beeinflusst hat und immer noch beeinflusst. Ich glaube auch, dass das bei Kettcar und Tomte genauso ist.

Hat man Angst bei denen sonst abzukupfern?

Nagel: Nein. Sicher, in Deutschland wurde der Rock'n'Roll nicht gerade erfunden. Wenn der Faschismus nicht rausgebombt worden wäre, dann müssten wir vielleicht noch Marschmusik hören. Deshalb ist völlig klar, sich als Rockmusik-Fan auf westliche Einflüsse zu beziehen.

Brami: In der deutschen Rockmusik-Szene gibt es ernstzunehmende Musiker wie Paul Kuhn. Die haben sich damals auf amerikanische – in diesem Fall – Jazzmusik berufen. In Deutschland gab es ganz einfach den Nährboden dafür nicht.

Was findet ihr besser: Vinyl oder CD?

Nagel: Vinyl. Ich habe zwar auch noch einen MD-Player, aber mein iPod kotzt mich tierisch an. Klar ist das praktisch, wenn man soviel unterwegs ist. Dann will ich natürlich nicht nur fünf verschiedene Platten dabei haben. Aber praktisch ist nicht gleich gut. Und weniger Leidenschaft als Rumscrollen geht bei Musik nicht.

Verfolgt ihr die aktuelle Musikszene?

Nagel: Ja, wir sind schließlich Musikfans. Wenn ich nicht selbst Musik machen würde, würde ich vielleicht weniger Musikmagazine lesen. Aber dadurch, dass ich mich in der Szene bewege und viel auf Tour bin, bekomme ich immer alles mit.

„Niemand will den Hund begraben“ ist einer der Songs mit Chor auf dem Album. Er wurde mit dem Chor, der im Wacken-Film zu sehen ist, aufgenommen. Wie kam das zustande?

Nagel: Wir wollten einen großen Chor in dem Lied haben. Zum einen, weil es sich anbietet und zum anderen, weil wir etwas richtig Großes mit musikalischem Pathos machen wollten. Da der Song von Landflucht handelt, lag es nahe, einen kleinen Chor vom Dorf zu nehmen. Wir haben mal als Band zusammen in einem Kino in Erlangen den Film „Full Metal Village“ gesehen, den ich für eine der besten Dokumentationen der letzten Jahre halte. Also habe ich in eine Suchmaschine „Chor Wacken“ eingegeben, bin mit ein paar Klicks bei der Telefonnummer des Chorleiters gelandet und habe ihn angerufen. Der war direkt aufgeschlossen. Völlig unkompliziert.

Warst du jemals auf dem Wacken Open Air?

Nagel: Nee. Letztes Jahr wollte ich hin, weil Kreator dort gespielt haben und ich den Sänger Mille gut kenne. Aber irgendwie…

Brami (lacht): Ich finde das geil: Ich bin dann aber meistens eher auf dem Zeltplatz als vor der Bühne.

Münsters Musikszene: Donots, Muff Potter, Ghost of Tom Joad, H-Blockx...

Nagel: ...Dean Dirg.

Kenne ich nicht. Nie gehört.

Nagel: Großartige Band, ich glaube, mittlerweile wohnt keiner mehr von denen in Münster. Eine der besten Bands überhaupt. Die müssen unbedingt in dem Interview auftauchen (lacht).

Wie ist denn Münsters Musikszene?

Nagel: Alive and kicking. Die Szene ist schon phänomenal. Aber es ist auch klar, woher das kommt: Das hat mit der hohen Fluktuation an Studenten zu tun.

Und mit der kleinen Club-Szene?

Nagel: Ja. Damals, vor ein paar Jahren, als Brami noch in Köln gewohnt hat, haben wir gesagt, wir wollen jetzt öfter proben. Weil wir aus Rheine kommen, haben wir uns bandintern bewusst auf Münster als Stadt geeinigt, weil es eine super Homebase für eine Band ist.

Als Band aus Münster ist man nicht als provinziell verschrien?

Nagel: Das würde ich über Bands aus kleineren Städten nie sagen. Eine der großartigsten Bands aus Deutschland, Blackmail, kommt aus Koblenz. Da würde mir jetzt nicht einfallen...

Brami: … The Notwist kommen aus Weilheim!

Nagel: … und die Boxhamsters aus Gießen. Das muss man alles immer relativ sehen.

Gab es mal in der Band so richtig Knies, dass ihr gesagt habt: Schluss, aus, vorbei?

Nagel: Ja. Schon öfter. Oder?

Brami: Nee. Nicht so, dass wir dachten, was sind jetzt die Perspektiven.

Nagel: Vielleicht nicht, dass wir gedacht haben, wir sind jetzt so zerstritten, dass wir keine Musik mehr zusammen machen könnten. Tendenziell ist das immer in der Phase, in der wir uns jetzt gerade auch befinden. Das ist einfach die härteste Phase für eine Band, nicht nur für uns. Zwischen Studio und Veröffentlichung liegen zwei bis drei Monate, in der ganz viele Kleinigkeiten abgehandelt werden müssen: Artwork, Songreihenfolge und –auswahl. Da entzündet sich schnell mal ein Streit. Wenn die Platte endlich raus ist und wir auf Tour sind, weiß ich, warum wir das machen: nämlich für die Musik und nicht fürs Business.

Da kommt bestimmt auch die Unsicherheit auf, wie das Album bei Fans und Kritikern ankommt und wie es sich verkauft?

Nagel: Ehrlich gesagt, das spielt da gar nicht mit rein. Wir haben eine andere Geschichte: Als wir als 16-jährige Dorfpunks angefangen haben, hätten wir nie gedacht, dass wir überhaupt jemals das machen, was wir jetzt machen. Diese Band wurde nicht mit dem Gedanken an Karrierismus gegründet und hat sich niemals in die Richtung entwickelt. Natürlich wollen wir erfolgreich sein, aber dieser Gedanke ist beim Songschreiben und beim Aufnehmen einer Platte nicht präsent.

Brami: Beim Songschreiben ist es eher vordergründig, dass man sich selbst kickt. Der Gedanke, ob das vielen Leuten gefällt oder vielen Leuten nicht gefällt, steht hinten an. Das muss erst einmal uns gefallen. Und das ist auch einer der Gründe, warum es uns seit Ewigkeiten gibt.

Was passiert denn, wenn jemand aus der Band sagt, er möchte sich gerne niederlassen mit Kind und Kegel?

Brami (lacht): Wenn man ein Kind hat, kann man ja nichts mehr machen. Ernsthaft: Bisher war das nie ein Gedanke. Wenn so was passiert, dann passiert es eben. Dafür sind wir alle viel zu ungeplant.

Nagel: Es gab seit acht Jahren keinen Wechsel in der Band. Und bei den Besetzungswechseln vorher war der Grund eher das viele Touren. Natürlich ist ein normales bürgerliches Leben schwer zu vereinbaren mit dem, was wir machen. Aber ich zum Beispiel strebe so ein normales bürgerliches Leben gar nicht erst an. Mein Freund Thees [Uhlmann, Sänger von Tomte] hat eine zweijährige Tochter, eine eigene Plattenfirma: Klar geht der manchmal am Stock. Aber, er zieht das durch. Das bürgerliche Leben wird doch immer falsch dargestellt. Man kann Vater oder Mutter sein, ohne ein standardisiertes bürgerliches Leben führen zu müssen. Gerade jetzt in der sogenannten Finanzkrise, in der alles so unsicher ist, werde ich in der Haltung bestätigt, die ich schon immer hatte. Es ist nichts mehr sicher, inwiefern soll man da überhaupt noch planen? Selbst viele Leute, die alles genau geplant haben, stehen heute ohne Job da. Ich habe mich nie lange mit Planungen aufgehalten, sondern immer das gemacht, was ich in dem Moment machen wollte.

Wann bist du nervöser? Bei einer deiner Lesungen oder bei einem Konzert?

Nagel: Bei einer Lesung.

Brami (lacht): Ich auch. Ich sitze immer mit einem riesigen Schlapphut in der letzten Reihe und habe Angst, dass er sich verhaspelt.

Nagel: Man ist ganz alleine für den Erfolg oder Misserfolg verantwortlich. Weil man keine Rückendeckung vom Schlagzeuger hat. Nicht mal der Lärm kann das übertünchen. Man muss wirklich pointiert sein. Mittlerweile geht’s schon besser, aber als ich jetzt das erste Mal alleine unterwegs war und zwei Stunden lang Leute unterhalten sollte, da hatte ich wahnsinnigen Respekt vor dem Format. Natürlich war das umso befreiender, als der erste Abend direkt cool war und ich den Applaus nicht mal teilen musste. Das ist toll fürs Ego.

Ihr seid beim Vainstream, aber sonst fehlt Münster in den Tourdaten, oder?

Brami: Das ist kein böser Wille, das hat sich bei den Tourdaten für das Frühjahr leider nicht ergeben. Wir fahren aber im Herbst noch einmal auf Tour, und dann werden wir sehen, ob wir in Münster spielen. Aber es ist ein bisschen schwierig hier: Wo spielt man in Münster?

Im Gleis?

Brami: Das ist zu knapp, Skaters Palace dann wieder zu groß…

Nagel: Der Bielefelder Termin war ursprünglich für Münster geplant. Aus verschiedenen Gründen hat das nicht geklappt. Und da die Frühjahrstour diesmal eine sehr kurze Tour ist, mussten wir uns entscheiden. Wir finden das echt schade.

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