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In der Höhle des Löwen - Maikundgebungen der Gewerkschaften

Freitag, 01.05.2009, 19:05 Uhr

Remscheid - Kaum tritt der selbst ernannte „Arbeiterführer“ in Remscheid ans Mikrofon, da ertönt ein gellendes Pfeifkonzert. „Geh nach Hause“, „was machst du hier?“, begrüßen aufgebrachte Gewerkschafter den Gastredner Jürgen Rüttgers auf der zentralen Maikundgebung des DGB in NRW .

20 Minuten später erntet der Ministerpräsident nach einer stark emotionalen Rede sogar vereinzelt verschämten Beifall. Der Sicherheitsbeamte kann den vorsorglich bereitgehaltenen Schirm weglegen: Es fliegen weder faule Eier noch Tomaten.

Mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise wagt sich Rüttgers in die Höhle des Löwen. 2006 hat der Regierungschef zuletzt auf einer Maikundgebung in Düsseldorf geredet - und war wegen seiner „Privat-vor-Staat“-Politik gnadenlos ausgepfiffen worden. Danach sagte Rüttgers aus „Termingründen“ zwei Jahre ab. In Remscheid schlägt der Regierungschef nur soziale Töne an. Managerschelte („Ich habe kein Verständnis für Banker, die sich die Taschen vollmachen“) und das Bekenntnis zur Mitbestimmung kommen bei organisierten Arbeitnehmern besser an als Privatisierungen. „Kolleginnen und Kollegen“, umschmeichelt Rüttgers die Zuhörer. Die Pfeifkonzerte werden vorübergehend leiser.

Als Konsequenz aus der Finanzkrise fordert Rüttgers eine neue Politik der Sicherheit und setzt auf den DGB als Verbündeten für eine Erneuerung der Marktwirtschaft. „Der Turbokapitalismus hat ausgedient, der Marktradikalismus ist out“, schreit Rüttgers mit heiserer Stimme im Jargon eines Gewerkschaftsfunktionärs. „Schwätzer“, „Aufhören“, skandieren einige empörte Gewerkschafter. In der ersten Rede senkt der Protestblock die Daumen. Ein junger Mann mit Zylinder und Fliege ruft „Verräter“. DGB-Kreischefin Bettina Reckert will ordnend eingreifen - Rüttgers weist sie mit einem „Lassen Sie mal!“ zurück.

Das Gros der 2000 Zuhörer auf dem Remscheider Rathausplatz hält sich zurück. Es gibt Würstchen, die Linkspartei verkauft Bier für einen Euro. Bei strahlendem Sonnenschein ist es friedlich. „Hier ist nicht Kreuzberg“, sagt ein Würstchenbrater ironisch. DGB-Landeschef Guntram Schneider verlangt mehr Einsatz der Politik zum Erhalt der Arbeitsplätze. Rüttgers klatscht und strahlt, als ihn Schneider öffentlich lobt. „Der Ministerpräsident hat recht, wenn er sagt, NRW bleibt ein Industrieland.“

Jürgen Rüttgers, der lange mit ernstem Gesicht auf der Bühne verharrt, wirkt am Ende der 90-minütigen Maikundgebung erleichtert. DGB-Chef Schneider hat vorhergesagt, dass es kein Spaziergang in Remscheid wird.

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