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100-Tage-Bilanz: Münsters Bischof Felix Genn zieht erstes Zwischenfazit

Freitag, 03.07.2009, 12:07 Uhr

Münster - Kommenden Montag (6. Juli) ist es exakt hundert Tage her, dass Bischof Felix Genn (59) in einem feierlichen Pontifikalamt im überfüllten St.-Paulus-Dom durch Kardinal Joachim Meisner in sein Amt eingeführt wurde.

Kirche sei nicht in erster Linie eine „Agentur für Werte und Sinnfragen“, sagte er an diesem 29. März in seiner ersten Predigt. Vielmehr sei sie „zuerst Verweis auf Jesus, Ort seiner Gegenwart und der Gemeinschaft mit ihm“. Bischof Genn ermutigte die zwei Millionen Gläubigen im Bistum Münster dazu, ganz bewusst in der „Spur des Glaubens“ und in der Sendung des Bistumsgründers Liudger zu bleiben. In einem Interview äußert sich der 75. Nachfolger des heiligen Ludgerus auf Fragen der Bischöflichen Pressestelle in Münster.

Herr Bischof, wie fällt eine erste, noch vorläufige Bilanz nach hundert Tagen in ihrem Dienst als „episcopus monasteriensis“ aus?

Bischof Felix Genn: Mit Bilanzen zu arbeiten, vor allem im Blick auf einen pastoralen und geistlichen Dienst, fällt schwer. Ich bin nur dankbar und froh, so gut aufgenommen worden zu sein. Ich sehe aber auch, dass sehr, sehr viel zu tun ist, dass so viele Aufgaben auf mich warten, dass ich in Ruhe und Gelassenheit sortieren muss, um bei einem jeweiligen Termin den jeweiligen Ansprechpartner oder der jeweils angesprochenen Gruppe gerecht zu werden.

In den ersten Monaten sind Sie unermüdlich im Sprengel unterwegs gewesen: von Wilhelmshaven und Garrel im Norden bis Recklinghausen und Kevelaer im Süden. Wie fühlen Sie sich bisher an- und aufgenommen?

Genn: Ich fühle mich wirklich von Herzen an- und aufgenommen. Es ist ein ermutigendes Signal, dass die Menschen mir persönlich, aber vor allem ja auch dem Amt des Bischofs so großes Wohlwollen und Interesse entgegen bringen. Das macht es mir leicht, Fuß zu fassen, bedeutet aber zugleich auch Herausforderung und Anspruch.

Für heute möchte ich einfach den Gläubigen aus dem Bistum Münster, aber auch den vielen anderen Menschen dafür danken, dass sie mir in den ungezählten Begegnungen und Momenten der vergangenen 100 Tage mit soviel Herzlichkeit und Freude entgegen gekommen sind. Das hat mich wirklich auf eine ungemein schöne Weise in meinen Dienst an den mir nun anvertrauten Schwestern und Brüdern und in diesen neuen Lebenseinschnitt hinein getragen.

Namentlich den Westfalen, auch den Oldenburgern wird eine gewisse Sturheit nachgesagt. Mit den Münsterländern müsse man erst „einen Sack Salz essen“, bevor man mit ihnen richtig warm werde, heißt es in einem Ondit. Ist das so?

Genn: Ich habe mit den Münsterländern noch keinen Sack Salz gegessen, mich wohl aber immer wieder neu gefragt, warum man den Westfalen „Dickköpfigkeit“ nachsagt. Wenn ich diese Frage stelle und dabei betone, ich sei dem noch nicht begegnet, erhalte ich von Münsterländern immer die Antwort, dass das noch komme.

Ist etwas völlig anders als in Essen oder vorher in Trier? Hat Sie etwas sehr überrascht?

Genn: Überall sind Menschen. Ich erinnere mich daran, dass ich immer wieder auf die Frage, warum ich Priester werden wollte, schon als Student geantwortet habe: „Ich möchte gerne mit Menschen zu tun haben.“ Das habe ich in allen Diensten, die ich bisher ausfüllen wollte, reichlich erfahren. Mir fällt es nicht schwer, auf Menschen zuzugehen, mit ihnen zusammen zu sein. Es ist eigentlich eine sehr einfache Sache auf der Welt, freundlich zu sein und zuvorkommend und ohne Misstrauen Menschen zu begegnen.

Umgekehrt ist es so: Wenn ich misstrauisch gemacht werde, bin ich in Begegnungen immer eher blockiert. Es kostet dann mehr Überwindung. Aber das ist in Essen genauso gewesen wie in Trier. Warum sollte es hier anders sein? Wohl merke ich, dass die Kirche, auch in ihrer amtlichen Struktur, hier in Münster mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit ist, so dass Menschen im Stadtbild den Bischof unmittelbarer wahrnehmen. Das konnte im Bistum Essen in keiner Weise so sein, weil dort eine multi-kulturelle Gesellschaft die Städte prägt.

Haben Sie bereits einmal den angebotenen „nachbarschaftlichen“ Ratschlag Ihres emeritierten Vorgängers, Bischof Reinhard Lettmann, in Anspruch genommen?

Genn: Ich begegne Bischof Reinhard immer wieder und erlebe dabei sehr großes Wohlwollen. Wenn ich ihn etwas frage, erhalte ich die angemessene Antwort, die von der großen Diskretion bestimmt ist, dem neuen Bischof seinen Stil, seine freie Hand zu lassen.

Sie haben den Kennenlernprozess in der großen Flächendiözese Münster mit einem „Crashkurs“ verglichen: Mit welcher Priorität gehen Sie vor, um die fünf Regionen, die Institutionen und Menschen, also Land und Leute, kennenzulernen?

Genn: Zunächst möchte ich den Begriff „Crashkurs“ erklären: Wenn ich nämlich in den letzten Wochen gefragt wurde, ob ich mich schon eingelebt habe, habe ich immer den Vergleich gewählt mit einem Crashkus, um eine bestimmte Sprache zu lernen. Wenn jemand auf die Schnelle Englisch oder Griechisch lernen soll, macht er das manchmal in einem Crashkurs. So geht es mir im Augenblick in Münster. Ich muss die Strukturen, die Menschen, die Systeme fast nach Art eines Crashkurses lernen, um möglichst schnell rein zu kommen und angemessen auf Fragen und Entscheidungsherausforderungen zu reagieren.

Zunächst ist es mir wichtig, dass ich die einzelnen Regionen kennen lerne. Da hat Münster als Stadt schon einmal einen Vorteil; denn die Menschen können mich – vor allem im Dom – immer wieder erleben. Bewusst bin ich mehrfach in das Oldenburger Land gegangen, um gerade den Menschen dort die Erfahrung zu vermitteln: Ich möchte auch für Eure Region und Eure Gemeinden der Bischof sein.

Dasselbe gilt für den Niederrhein. Die Region Borken/Steinfurt ist bisher etwas zu kurz gekommen. Recklinghausen stand noch vor den Sommerferien auf dem Plan. Es gibt kein bestimmtes System. Die Anfragen sind so vielfältig, dass ich im Grunde genommen nicht nachkomme.

Ich muss dabei sicherlich auch Menschengruppen enttäuschen, bin aber dankbar, in meinen bischöflichen Mitbrüdern und dem Generalvikar gute Ratgeber zu haben, die mir helfen, die unterschiedlichen Anforderungen angemessen zu sortieren.

Sie müssen allerdings auch noch dazu bedenken, dass ich überdiözesan durch meine Tätigkeit bei Adveniat, durch den Vorsitz in der Kommission „Geistliche Berufe und kirchliche Dienste“ der Deutschen Bischofskonferenz und durch die Mitarbeit an der Übersetzung des Messbuches stark beansprucht bin. Die Dinge müssen so auf die Reihe gebracht werden, dass ich nicht nur überlebe, sondern dass ich in den Anforderungen angemessen, sensibel, wachsam und aufmerksam leben kann.

Ziemlich am Anfang stand ein Tag der Seelsorgerinnen und Seelsorger. Wird es dieses Begegnungstreffen künftig regelmäßig geben?

Genn: Darauf kann ich noch keine angemessene Antwort geben. Zunächst einmal möchte ich mit dem Priesterrat klären, ob es im Rahmen des Priesterjahres eine Begegnung für die Priester geben sollte. Mit den einzelnen Räten (für die Pastoralreferentinnen und –referenten, für die Diakone und für die Priester) wäre dann abzuklären, welche Orte es für eine gemeinschaftliche Begegnung dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dem Bischof geben kann.

Zwei Regionen des Bistums, Steinfurt/Borken und der Niederrhein, warten auf einen neuen Weihbischof? Wann ist damit zu rechnen?

Genn: Ich weiß es nicht. Der Heilige Vater hat mir zugesagt, zwei neue Weihbischöfe zu ernennen. Noch vor meinem Urlaub werde ich die Kandidatenliste einreichen und dann gilt es, sich in Gelassenheit und in Geduld zu üben.

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