MS-Gesellschaft
Im Kampf gegen die Krankheit

Mittwoch, 18.11.2009, 14:11 Uhr

Münster - Andreas Gehling ist auf den Rollstuhl angewiesen, die Hände verweigern zunehmend ihre Dienste und auch das Sprechen wird langsam mühseliger. Aber die Hände legt er trotzdem nicht in den Schoß, lässt sich durch die fortschreitende Multiple Sklerose nicht aus der Bahn werfen. Täglich sitzt er noch an seinem PC und bereitet Musiksendungen für den Bürgerfunk auf Radio AM vor. Die Sendung „Radio 19/4“, in der er einmal im Monat Neuerscheinungen aus Jazz und Pop vorstellt, ist sein Lebenselixier. „Ich muss das Beste aus der Krankheit machen und meine Kraft sinnvoll einsetzen“, sagt der 49-Jährige selbstbewusst.

„Wenn mich die MS nicht bremsen würde, wäre ich gar nicht hier, sondern in Brasilien .“ Fasziniert ist der Ethnologe von der Kultur der Hopi-Indianer, „die mich am meistern geprägt haben. In ihrer Weltsicht ist der Mensch im Einklang mit der Natur.“

Daher ist er seinen Lehrern auf der von Franziskanern geführten Kollegschule, die er als Kind in Mettingen besucht hat, heute so dankbar für die Wurzeln, die sie damals bei ihm gelegt haben. Gehling schmunzelt: „Die Pater brachten damals aus den Ferien Wein aus Portugal oder hin und wieder einen Indianer aus Brasilien mit.“ Sein Interesse an fremden Kulturen war erwacht.

Zu Beginn seines Ethnologie-, Geschichts- und Publizistik-Studiums war er schon so sehr mit der Materie vertraut, dass er eine ethnologische Fachzeitschrift an den Start brachte. Mitten im Schaffensdrang sah er plötzlich doppelt. Die Diagnose traf ihn wie ein Hammerschlag: Multiple Sklerose. Mit 26 Jahren. „Den Weg vom Arzt zu meiner Freundin werde ich nie vergessen. Ich habe die Last der Welt auf meinen Schultern getragen.“

Mit Cortison ging es zunächst weiter. Er ignorierte die Krankheit, stürzte sich wieder in die Arbeit - bis ihn weitere Krankheitsschübe bremsten. Die Multiple-Sklerose-Gesellschaft hat ihn immer wieder unterstützt, hat bei der Suche nach einer behindertengerechten Wohnung geholfen und sich dafür eingesetzt, dass er seit dem Frühjahr täglich einen Assistenten an seiner Seite hat, der über den LWL finanziert wird.

Bei kulturellen Veranstaltungen der MS-Gesellschaft ist er immer dabei. Und Tagesausflüge, etwa zum Bonner Guggenheim-Museum, die er sich mit seiner geringen Erwerbsunfähigkeitsrente nicht leisten kann, waren Balsam für sein Seelenleben.

Doch mit solchen Ausflügen ist es längst vorbei. Öffentliche Mittel wurden der Multiple-Sklerose-Gesellschaft gestrichen und das Spendenaufkommen ging zurück. Vor zwei Jahren musste aus Geldmangel sogar eine halbe Beraterstelle wegfallen, bedauert Ulla Boomgaarden von der MS-Gesellschaft, die von 1800 Betroffenen im Bezirk Münster weiß. „Dabei müssten wir unsere Angebote angesichts der steigenden Beratungsnachfrage eigentlich steigern.“ Aber ohne Mithilfe von Spendewilligen geht es nicht.

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