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Versicherungen rechnen ihre Kunden vorsorglich älter

Freitag, 15.01.2010, 16:40 Uhr

Münster - Mit dem Alter ist das so eine Sache. Geht es nach Udo Jürgens , dann fängt das Leben bekanntlich mit 66 Jahren an. Johannes Heesters sang schon zum Jahrtausendwechsel, dass er die 100 locker schafft. Inzwischen ist er stolze 106. Und auch viele deutsche Versicherer sind sich ziemlich sicher, dass ihre Kundschaft steinalt wird - zumindest sind die meisten Rentenversicherungen, Riester-Verträge und Rürup-Renten so angelegt, dass der Versicherte steinalt werden muss, bevor der Kunde seine eingezahlten Beiträge wieder herausbekommt.

Schließt ein heute 30-jähriger Mann einen Riester-Vertrag ab, dann muss er im Regelfall 95 Jahre alt werden, damit sich die Versicherung für ihn auch wirklich rechnet. Eine Frau gleichen Alters muss sogar stolze 99 Jahre alt werden, damit sich die Versicherung auszahlt. Verbraucherschützer bemängeln vor diesen Hintergrund, dass Riester-Renten dem Kunden meist mit dem Argument verkauft werden, das eingesetzte Geld sei sicher. Schließlich schreibt der Gesetzgeber vor, dass mindestens das eingezahlte Kapital wieder an den Kunden ausgeschüttet werden muss. „Wenn der Versicherer damit rechnet, dass der Kunde 95 Jahre alt wird und der Versicherungsnehmer ein paar Jahre vorher stirbt, dann ist die Rendite oft katastrophal“, sagt der Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein . Der Finanzfachmann war jahrelang bei einer großen deutschen Versicherung tätig. Heute untersucht er mit seiner Firma Mathconcepts Finanzdienstleistungen.

Grundlage für die großzügigen Annahmen sind die sogenannten Sterbetafeln, mit denen die Versicherungsunternehmen rechnen. Berechnet werden diese Tafeln von Versicherungsmathematikern, den sogenannten Aktuaren. Die Experten berechnen regelmäßig, wie alt der Durchschnitts-Deutsche wird. Aktuell gilt für Rentenversicherungen beispielsweise die Sterbetafel DAV 2004R. Diese nimmt an, dass ein heute geborenes Mädchen 103 Jahre alt wird. Eine Junge wird laut Tabelle 99 Jahre alt. Selbst ein heute 35 Jahre alter Mann hat demnach noch 58 Jahre vor sich, seine gleichaltrige Frau wird nach Berechnungen der Versicherungsmathematiker 98 Jahre alt. „Das ist ambitioniert“, sagt Kleinlein. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden prognostiziert beispielsweise für einen heute geborenen männlichen Säugling eine durchschnittliche Lebenserwartung von knapp 83 Jahren.

Die Aktuare kalkulieren hingegen großzügiger. „Die Versicherung soll für die Kunden auch in den nächsten 40 Jahren halten“, sagt Michael Steinmetz, Geschäftsführer der Deutschen Aktuarvereinigung. Deshalb müsse auch immer der medizinische Fortschritt mit eingerechnet werden.

Gebunden sind die Unternehmen an die Vorgaben ihrer Aktuare allerdings nicht. Einige Gesellschaften nutzen eigene Sterbetafeln, die sie jedoch nicht öffentlich machen. Die Tafel muss lediglich von der Finanzaufsicht BaFin genehmigen werden. Die Bonner Behörde berücksichtigt dabei nicht in erster Linie die Interessen der Verbraucher, sondern das Finanzpolster der Versicherer, damit dieser seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann. „Die BaFin muss zuallererst dafür sorgen, dass das Unternehmen nicht kippt“, sagt Kleinlein. Gerade bei Rentenversicherungen, die nicht auf einen Schlag, sondern monatlich ausgezahlt werden müssen, ist die Rendite fraglich, warnen auch Forscher der Freien Universität Berlin, die Hunderte Riester-Modelle durchgerechnet haben. Im Einzelfall müsse der Kunde für sich entscheiden, ob er einen Vertrag abschließt, der keine Absicherung der Hinterbliebenen oder eine vererbbare Rente vorsieht.

Trotz der Kritik der Verbraucherschützer kann sich der Abschluss einer Riester- oder Rürup-Rente für den Kunden als lohnenswert erweisen. Grund sind die staatlichen Zuschüsse, die sich über die Jahre auf mehrere Zehntausend Euro summieren können. Beim Wohn-Riester, der mit staatlichen Zulagen einen laufenden Immobilienkredit tilgt, stellt sich die Frage der Sterblichkeit ohnehin nicht.

Nach Ansicht der Versicherungsbranche ist der Risikopuffer in den Sterbetafeln kein Nachteil, da die entstehenden Risikoüberschüsse unter allen Kunden aufgeteilt würden. Faktisch darf das Unternehmen allerdings 25 Prozent des sogenannten Sterblichkeitsgewinns selbst einstreichen, bis vor einigen Jahren waren es nur zehn Prozent. Der Profit steigt durch die großzügig kalkulierte Sterbetafeln, klagen deshalb die Verbraucherschützer.

Anders sieht es bei Lebensversicherungen aus, für die andere Sterbetafeln gelten. Ein 30 Jahre alter Raucher wird nach Schätzungen der Aktuarvereinigung nur 71 Jahre alt. Für den Kunden bedeutet der mutmaßlich frühere Zeitpunkt seines Ablebens, dass er bei Vertragsabschluss höhere Risikozuschläge zahlen muss.

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