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Tobias Rau hat kein Heimweh nach dem Stadion

Freitag, 12.03.2010, 20:03 Uhr

Bielefeld - Ob ihn die Leute noch erkennen, in der Öffentlichkeit? Tobias Rau winkt ab. „In Bielefeld, wo ich studiere, vielleicht, sonst nicht.“ Doch da irrt der frühere Nationalkicker. Kaum hat er das kleine Café am münsterschen Ring betreten, reckt der Inhaber neugierig den Kopf. Und das Mädel hinter der Theke spendiert ihm spontan eine Cola.

Jede Menge Interviews gibt der 28-Jährige derzeit, obwohl sein Ausstieg aus dem Profi-Sport ein gutes halbes Jahr her ist. Inzwischen hat der gebürtige Braunschweiger sein erstes Semester an der Bielefelder Uni hinter sich. Sport und Pädagogik studiert er auf Lehramt. Und doch scheint es für viele noch rätselhaft, wie sich ein junger Mann im besten Fußballalter gegen den Profisport - und für ein Leben „als Normalo“ - entscheiden kann.

Bereut hat er das nicht. Drei Wochen, erzählt er, habe er im Sommer überlegt, das Trikot von Arminia Bielefeld gegen Studi-Klamotten zu tauschen. „Dann war die Sache durch“, sagt er knapp und schaut nach draußen. Tobias Rau ist kein Mann vieler Worte. Seine Augen sehen aus, als gehe viel vor in seinem Kopf. Was er davon preisgibt, ist mit Zurückhaltung formuliert.

Kein Wunder. Wer beim FC Bayern München mit Fußballgiganten wie Oliver Kahn die Kabine teilte, wer von den Medien beim Rauf auf die Karriereleiter bejubelt und beim Run­ter geschmäht wurde, hat Routine im Umgang mit der Presse. „Irgendwann kommt man damit klar“, sagt der Mann mit dem scheuen Lächeln. Indem man die Berichte nicht mehr lese, sich nicht mehr schere um das Bild, das der Boulevard von einem zeichne. Und indem man mehr auf die Leute setze, „die wirklich wissen, was sie von einem zu halten haben“.

Tobias Rau will keine Abrechnung mit dem Profisport. Dafür hatte seine Zeit als Nationalspieler genug gute Seiten. Er verhehlt es nicht: „Wenn du erkannt wirst, egal wo, dann ist das auch schmeichelhaft“. Die Kehrseite aber ist die Gewissheit, unter Beobachtung zu stehen, stets drauf achten zu müssen, wie man sich gibt in der Öffentlichkeit. „Und dieses Gefühl ist geblieben, bis heute.“

Wenn er sich so in seinem neuen Leben bewegt, unter Kommilitonen, unter Schülern, die er im Rahmen eines Schulpraktikums unterrichtet, dann kommen natürlich viele Fragen. Wie Uli Hoeneß denn so sei, etwa. „Nett“, sagt Tobias Rau dann, „sehr menschlich.“ Über den Manager des FC Bayern München könne er nur Gutes erzählen. Das sei einer, der auch mal helfe, „und das ist selten im Fußball“.

Rau bemüht kein Klischee, wenn er sagt, dass es da bloß um Kohle geht, darum zu funktionieren, komme, was wolle. „Denn tust du es nicht, kannst du gehen“. Der Druck ist riesig, will man sich bei den Erstligisten halten. Freundschaften unter Spielern entstehen nur selten, dafür ist die Konkurrenz zu massiv. Ob man privat Probleme hat oder keine Lust auf Training, ist irrelevant. „Schwächen solltest du nicht zeigen in der Kabine, da verstellt sich jeder, das ist eine Scheinwelt.“

Wichtig sei, einen guten Ausgleich im Privaten zu haben. So wie er selbst, der seit dem Abitur mit seiner Freundin zusammen ist. Sie hat ihn begleitet, von der Regionalliga in Braunschweig nach Wolfsburg, wo er beim Bundesligisten Vfl zum Nationalspieler reifte. Sie zog sogar mit nach München. Im Stadion aber saß sie selten. „Fußball ist nicht so ihr Ding“, verrät Rau. Auch nicht, Spielerfrau zu sein. Seine Herzensdame hatte stets ihr ei­genes Leben, studierte auf Lehramt, während er in großen Stadien kickte.

„Und dieses Studentenleben kam mir immer sehr verlockend vor“, gibt er zu. Ein Leben ohne den Fußballzirkus, ohne die ständigen Erwartungen, aber auch ohne jenen Adrenalin-Kick jedes Wochenende, „wenn du ins Stadion einläufst. Das ist ein tolles Gefühl“, sagt der 28-Jährige . Doch ob er gesund sei, dieser Kick, den normale Leute vielleicht ein- bis zweimal im Leben erleben, bezweifelt er. Daher lebt er nun gesünder.

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