St. Anna-Fahrt in einen Hindu-Tempel
Götter, Lärm und Räucherstäbchen

Mittwoch, 24.03.2010, 11:03 Uhr

Neuenkirchen. Ein regnerischer Tag, grau in grau. Plötzlich, mitten im Industriegebiet, direkt daneben ein Werksgelände mit riesigen Brücken-Stahlträgern, das stillgelegte Kraftwerk und der Glaselefant im Maximilianpark in Sichtweite, kommt das Ziel in Sicht - bunt, rot-weiß gestreift, mit zwei filigranen Türmen: der Hindu Shankarar Sri Kamadchi Ampal Tempel . Ihn besuchten 40 Neuenkirchener im Rahmen der „Begegnung der Religionen“ am Samstag.

Eine ungewöhnliche Kulisse. Außen und innen. Der Tempel beherbergt die Schreine der Hauptgöttin Sri Kamadchi Ampal - der Göttin „mit den Augen der Liebe“ - und fünf weiteren Göttern. Der Hauptpriester Arumungam Paskarakurukkal und seine Helfer huldigen ihnen dreimal täglich. Die ehrenamtlichen Führer Angelika Belhustedde und Ulrich Kroker erklärten den neugierigen Neuenkirchenern ausgiebig die Bedeutung des Hinduismus und der einzelnen Gottheiten, die in Hamm alle aus Granit bestehen.

Um punkt zwölf Uhr mittags beginnt lautstark der Gottesdienst, die „Puja“: eine Minute lang, begleitet von Rasseln, läutet eine Glocke. Überall riecht es nach Räucherstäbchen . Orientalische Musik begleitet den ganzen Gottesdienst. Der Priester folgt einem fest vorgeschriebenen Weg durch die Schreine, die Gläubigen folgen ihm mit gefalteten Händen. Der erste ist ganz wichtig: „Ganesha“, der Gott mit dem Elefantenrüssel, er befreit von allen Hindernissen. Der Gläubige bittet um Vergebung für seine falschen Taten, alles was ihn behindert in seinem jetzigen, aber auch in seinen früheren Leben. Als Widerstände gelten auch seine irdischen Ängste. Ganesha sorgt dafür, dass der Gläubige frei durch den Tempel passieren kann. „Er hat immer ein dickes Bäuchlein“, hatte vorher Angelika Belhustedde. „Ohne das hätte er nicht den Platz, um die vielen Hindernisse der Gläubigen aufzunehmen“.

Die zweite Station ist der Zentralschrein, in Hamm der Göttin Sri Kamadchi Ampal geweiht. Bei ihr ist alles etwas aufwändiger: Der Schrein ist größer und besteht aus mehreren Räumen. Sie bekommt eine längere Weihe, einen mehrarmigen Leuchter und drei Schalen Obst statt einer. Der Singsang und die Bitten sind lauter und langer. Auch ihrem Wächter, dem Löwen vor dem Schrein, wird gehuldigt. Der Helfer - eine Art „Ministrant“ - geht mit dem Leuchter anschließend durch die Menge. Jeder darf kurz die Hände daran halten und sich über den Kopf streichen, um die Energie der Göttin auf sich zu übertragen.

Danach folgen alle anderen Schreine. Die Götter werden als lebende Wesen angesehen, sie werden gewaschen (nur beim ersten Gottesdienst am morgen), es wird ihnen mit Gesang und Schwenken des Öllichts um sein Gesicht gehuldigt, sie werden liebevoll mit Blumenblüten bestreut, es wir ihnen zu essen hingestellt, dabei unter anderem auch Kokosnüsse aufgeschlagen. Zuletzt geht der Priester noch einmal die Hauptgöttin Sri Kamadchi Ampal. Dauer der Zeremonie: 45 Minuten bis eine Stunde.

„Wie viele Götter gibt es im Hinduismus? „Wissen die Götter“, erklärte Ulrich Kroker und meinte es keinesfalls lapidar oder despektierlich. Der Hindu hat kein Gottverständnis wie die christliche, jüdische oder islamische Kirche. „Bei etwa einer Milliarde Hinduisten, die keiner Organisation wie unserer Kirche angehören, sondern jeder für sich an seine Götter glaubt, ist das schwer zu sagen“.

Ein Gott ist unfassbar, das heißt: nicht beschreibbar. Wäre er es, wäre er kein Gott. Auch Tiere können Gottheiten sein, so wie man auch in Tieren wiedergeboren werden kann. Die Seele eines Hindu ist dazu verdonnert, durch Menschen, Tieren und Göttern von Leben zu Leben zu wandern, bis ihr Karma erfüllt ist und im großen Nirwana endet, in dem es keine Hindernisse mehr gibt. „Nehmen Sie eins mit“, sagte Kroker. „Es ist im Hinduistischen Sinne alles eine große Einheit“. Beim tamilischen, natürlich vegetarischen Mittagessen konnte die Gruppe die Eindrücke des Tages verarbeiten und sich über das Erlebte ausgiebig austauschen.

Die nächste Begegnung der Religionen findet am Samstag, 6. November, mit einer Fahrt zum Buddhistischen Tempel Dortmund statt. Infos dazu wird die MV frühzeitig bekannt geben.

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