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Zeitzeuge aus Wettringen: „Das St. Josefshaus war ein Kinderknast“

Montag, 10.05.2010, 11:05 Uhr

Wettringen - Über 50 Jahre ist es her, dass Karl W. (Name ist der Redaktion bekannt) aus dem ehemaligen Heim am St. Josefshaus entlassen wurde. Aber vergessen hat er diese Zeit niemals. „Es war eine Verwahranstalt, ein Kinderknast “, sagt er noch heute voller Bitterkeit.

„Es gab Zellen, in denen Kinder bis zu drei Wochen eingesperrt wurden. Wir wurden ständig geschlagen, bei jeder Kleinigkeit. Im Herbst wurden wir zur Kartoffelernte an Bauern ausgeliehen. Geld haben wir dafür nie gesehen. Wenn wir gelacht haben, bekamen wir eine Ohrfeige. Wenn wir traurig waren, wurden wir ins Bett gesteckt. Und an Feiertagen wie Weihnachten bekamen wir Beruhigungsmittel.“

Eigentlich will Karl W. gar nicht mehr über diese Zeit reden. „Es bringt ja doch nichts mehr.“ Dennoch hat er seine Erlebnisse im Wettringer St. Josefshaus vor einigen Wochen in einem 15-seitigen Bericht niedergeschrieben, der der MV vorliegt. Es ist ein Dokument der Unmenschlichkeit, das betroffen, traurig und wütend zugleich macht.

Bereits am 16. März hatte in der MV ein anderer ehemaliger Bewohner im St. Josefshaus, Alexander Pieper, von erschütternden Demütigungen, Misshandlungen und sexuellen Attacken berichtet, die er in der Nachkriegszeit in der damaligen Einrichtung, die bis Mitte der sechziger Jahre von der Bischöflichen Stiftung Haus Hall in Gescher getragen wurde, erlitten hatte.

Karl W. war etwa zehn Jahre später im St. Josefshaus. Er ist heute 66 Jahre alt. Geboren wurde er 1944 im Ruhrgebiet. Bereits bei seiner Geburt wurde er von den Nazis zum Heimkind abgestempelt: Seine Vater war ein belgischer Zwangsarbeiter. Das reichte, um der Mutter das Kind wegzunehmen.

Karl W. war damals vier Jahre alt. Dennoch erinnert er sich genau an dieses traumatische Erlebnis. „Plötzlich stand da ein Polizist in blauer Uniform und eine dicke Frau in der Tür. Meine Mutter schrie, nahm mich, stellte mich hinter die offene Tür und sich selbst davor. Ich sah, wie der Polizist meine Mutter festhielt, während mich das dicke Fräulein vom Jugendamt mit Gewalt aus der Ecke zog. Ich versuchte, mich zu wehren, aber ich war ja gerade vier Jahre alt. Ich weiß nur, dass ich schrie - und dann auf einmal nichts mehr.“

Von nun an wuchs Karl W. als „Fürsorgezögling“ in Heimen auf. An seinen ersten Heimaufenthalt von 1949 bis 1951 hat er keine Erinnerung mehr. 1951 kam er in ein Heim in Handorf, wo er bis 1954 blieb. Daran hat er keine nachteiligen Erinnerungen. Die folgenden fünf Jahre bis 1959 verbrachte er im St. Josefshaus in Wettringen. Es sollte für ihn die schlimmste Zeit seines Lebens werden.

Der hochintelligente Junge mit einem Intelligenzquotienten von 130 wurde als Sonderschüler eingestuft. Gelernt hat er im St. Josefshaus so gut wie nichts. Als er 1959 mit 14 Jahren entlassen wurde, konnte er weder schwimmen noch Fahrrad fahren. Trotzdem brachte er es später bis zum Personalchef eines großen Lebensmittelunternehmens und selbstständigen Unternehmensberater.

„Das St. Josefshaus war für mich ein Kinderknast. Wir wurden nicht erzogen, wir wurden verwahrt - und wenn es den Aufsichtspersonen in den Kopf kam, psychisch und physisch misshandelt“, sagt Karl W. heute. „Wenn wir nicht spurten, gab es Schläge mit dem Rohrstock. Und derjenige, bei dem der Stock kaputt geschlagen wurde, musste 50 Pfennige für einen neuen Rohrstock bezahlen. Das war wirklich pervers.“

Die Gruppen im St. Josefshaus hatten eigene Namen. Die von Karl W. hieß „Wikinger“ und bestand aus 36 Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren. Der Tagesablauf war immer derselbe: Kirche, Schule, Mittagessen, Arbeit. Die Verpflegung war eintönig. Zum Mittagessen gab es fast immer nur Eintopf, morgens und abends Stullen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir mal ein Schnitzel oder einen Hähnchenbollen bekommen hätten“, schreibt Karl W. „Die Küchenarbeit ging ja noch. Aber die Arbeit auf den Äckern und im Garten unseres Heimes oder bei den Bauern der Umgebung war wirklich hart.“

An einen besonders krassen Vorfall erinnert sich Karl W. noch heute. „Ich war so zehn, elf Jahre alt und arbeitete in der Küche. Es muss so gegen Mittag gewesen sein - da passierte es. Einer Aufsichtsperson hatte wohl irgendetwas missfallen, was ich getan oder gesagt hatte. Ich wurde fürchterlich zusammengeschlagen und für Stunden in einer Toilette eingesperrt. Erst später wurde ich rausgelassen und auf der Krankenstation versorgt.“

Auch an die hygienischen Zustände erinnert sich Karl W. genau. „Samstags war immer Unterwäschetausch. Wir mussten uns mit der gebrauchten Unterhose in einer Reihe aufstellen und die Unterhose öffnen, sodass der Erzieher hineingucken konnte, ob sie sauber war. Wenn nein, gab es Schläge. Wenn wir auf die Toilette gehen wollten, um ein großes Geschäft zu machen, mussten wir uns beim Erzieher zuerst zwei Blatt Toilettenpapier holen. Auf der Toilette selbst gab es kein Papier. Geduscht wurde nur in einer Art Badehose. In die Badehosen hinein greifen durften wir nicht, das war strengstens verboten.“

Rückzugsmöglichkeiten, eine Privatsphäre gab es für die Heimkinder des St. Josefshauses nicht. Und natürlich auch kein Postgeheimnis. Die Briefe der Kinder wurden geöffnet, manchmal wurden sie ihnen auch vorenthalten. Karl W.: „Meine Mutter schickte mir oft Pakete, bestimmt sechsmal im Jahr. Aber die bekam ich nie. Der Erzieher hat sie einfach an die anderen Kinder verteilt.“

Auch sexuelle Übergriffe habe es St. Josefshaus gegeben, sagt Karl W., Genaueres will er dazu nicht sagen, er empfindet das heute noch als entwürdigend. „Aber das ging deutlich über die üblichen Pimmelspiele hinaus.“

Als besonders pervers habe er den monatlichen Gang zur Beichte empfunden, der für die Heimbewohner Pflicht gewesen sei. „Der Beichtvater war gleichzeitig der Direktor der Anstalt. Der war von den Missionaren aus Hiltrup. Der wollte immer alles ganz genau wissen und hat uns richtig ausgefragt. Und dann wurde man zwei, drei Tage später zu ihm gerufen und musste sich für das, was man gebeichtet hatte, rechtfertigen und wurde bestraft. So viel zum Beichtgeheimnis.“

Der Bericht von Karl W. schließt mit einem Fragenkatalog an das Bistum Münster als Träger des damaligen St. Josefshauses und an das Landesjugendamt, in dem er seine schweren Vorwürfe noch einmal zusammenfasst. Hoffnung, auf sein Schreiben eine Antwort zu bekommen, hat er allerdings nicht.

Bei einem Besuch des St. Josefshauses hat er kürzlich mit einem leitenden Caritas-Angestellten - die Caritas Rheine ist heute Träger der Einrichtung - über die Situation am damaligen St. Josefshaus gesprochen. „Das war der Trend der Zeit“, erhielt er damals als Antwort.

„Fürsorge, Bildung und Erziehung - das hätten wir Kinder von so einem Heim wie dem St. Josefshaus erwarten dürfen. Stattdessen gab es für uns nur Misshandlungen, Demütigungen, Isolation, harte Arbeit und stupides Nachbeten von irgendwelchen Psalmen“, resümiert Karl W. heute bitter.

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