Politik Inland
Joachim Gauck, der Stasi-Jäger

Mittwoch, 30.06.2010, 00:06 Uhr

Die Bürger wollen einen Präsidenten fürs Volk – ein Staatsoberhaupt mit Herz. Diese Sehnsucht wird umso stärker, je mehr das Vertrauen in die Köpfe der etablierten Parteien abnimmt. Horst Köhler ist dafür das beste Beispiel. Die Erwartungshaltung der Regierenden hat er nicht erfüllt – aber bei den Deutschen hatte er einen Stein im Brett. Aus Köhlers Scheitern den Schluss zu ziehen, ein Kandidat von außen, dem das Regel- und Mahlwerk des Berliner Polit-Betriebes fremd ist, sei weniger geeignet als ein gelernter Partei-Demokrat, verkennt schlicht die Stimmung im Lande. Im Gegenteil. Einer wie Joachim Gauck täte dem bewährten System der Parteiendemokratie gut – als Brückenbauer zwischen Bürger und Staat. Gauck hat ein schwerwiegendes Manko: Er ist der Kandidat von Rot-Grün . Und: Natürlich wird er von den beiden stärksten Oppositionsparteien kräftig instrumentalisiert. Er ist nicht der Überparteiliche. Dennoch: Der frühere evangelische Pfarrer in Rostock hat es verstanden, die Welle der Begeisterung für ihn weit ins Lager von Union und Liberalen überschwappen zu lassen. Sie mögen den „linken liberalen Konservati-
ven“ wegen sei­-
ner Überzeugungen. Wegen seiner Art, wie der 70-Jährige „Ethik und Moral“ verkörpert und druckreife Sätze spricht, statt sich in hilflose Phrasendrescherei zu flüchten. Auch wenn das Staatsoberhaupt in Deutschland nicht viel zu sagen hat: Einer wie Joachim Gauck hat das Zeug dazu, sich den Bürgern glaubhaft mitzuteilen. Er könnte die Etablierten das Fürchten lehren, weil er sie zu durchschauen vermag und ihnen – wenn es nottut – auf die Finger zu klopfen versteht. Und das wohl kaum als Marionette von Rot und Grün. Gauck ist kein Gauckler. Er ist einer, der es aufgrund seiner DDR-Vergangenheit gelernt hat, sich aus Fesseln und Sachzwängen zu befreien. Gauck beweist Prinzipientreue. Standhaft hat er sich geweigert, sich bei den Linken anzubiedern – um Stimmen zu betteln. Er wurde Pfarrer, weil er in der DDR nicht Journalist werden durfte. Sein Vater verschwand in einem sibirischen Lager, als Gauck elf Jahre alt war. Er hat die Wende 1989 von Rostock aus mit geprägt. Er wurde zum Stasi-Jäger. Für viele Ostdeutsche stellt Gauck eine Integrationsfigur dar. Im Westen verkörpert der Wahlberliner das gute Gewissen: jederzeit wählbar für Anhänger von Schwarz-Gelb. Deshalb ist die Bundespräsidenten-Wahl mehr als nur eine arithmetische Übung. Horst Köhler hätte den Deutschen Antwort geben müssen auf die globale ökonomische Krise. Leider wollten diejenigen, die ihn gerufen hatten, diesen Rat nicht mehr hören. Das Krisenrad dreht sich gleichwohl weiter. Das kommende Staatsoberhaupt wird sich der Sinnkrise der parlamentarischen Demokratie zu stellen haben. Wie kein anderer aller Kandidaten, die heute zur Wahl stehen, ist Joachim Gauck für eine solche Herausforderung prädestiniert. Der Mann hat Charisma. Er ist ein Intellektueller. Er kann das Volk überzeugen und die Parteigrenzen überwinden.

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