Homepage Thema 2
Mumifizierte Hand gibt Rätsel auf: Eine Reliquie der Anna Katharina?

Dienstag, 13.07.2010, 00:07 Uhr

Dülmen - Aloys Rohlmann ist seit 27-einhalb Jahren Pastor in St. Pankratius Buldern, aber eine solche Geschichte hat er noch nicht erlebt. Am 11. Mai war es, da er in einer Nische der Seitenkapelle seiner Pfarrkirche eine Bildtafel entfernte, um die Reliquie des Schutzheiligen herauszunehmen: einen kleinen Knochensplitter des Heiligen Pankratius. „Ich wollte am Folgetag zum ersten Mal mit der Reliquie den Segen erteilen und damit diesen Brauch neu beleben“, erinnert er sich.

Was danach passiert, erfüllt ihn beim Erzählen noch heute mit Herzklopfen. „Ich nehm´ das ganze Ding raus, dahinter ist so ein Kasten angebracht, der vorher überhaupt nicht zu sehen war“, schildert der Pastor. Es dauert einige Zeit, bis er einen Schlüssel gefunden hat, der passt. Dann aber entdeckt er im Kasten eine mu­mifizierte Hand. „Selbst unser Küster, und der ist über 80, hat die Bildtafel nie rausgenommen - und sein Nachfolger auch nicht“, so erklärt sich Rohlmann, dass die gut erhaltene Hand nicht entdeckt wurde.

Wo kann sie herkommen? Diese Frage treibt Rohlmann die folgenden Wochen um. Er erzählt das Ganze im Kreise der Priesterschaft, und man kommt bald auf Anna Katharina Emmerick , Mystikerin und Augustiner-Schwester, 1824 in Dülmen gestorben und 2004 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Dass sie mit ihren Händen Wunder gewirkt haben soll, das weiß im Münsterland - nicht erst seit Dominik Grafs Film „Das Gelübde“ - jedes Kind.

Im In­ternet liest Rohlmanns Sekretärin in den Heimatblättern der Stadt Dülmen von 1926 und in einer Broschüre der Exhumierung von 1975 nach, in denen das Tagebuch der Luise Hensel abgedruckt ist. Dort schreibt die Schriftstellerin und Freundin der Em­merick: Dass fünf Wochen nach dem Tode der später Seliggesprochenen „ein Holländer für die Leiche unheimliche Summen“ habe zahlen wol­len. Und: dass bei den Bürgern die Mär umging, Anna Katharina Emmericks Leichnam sei gestohlen worden.

Hensel selbst, so schildert sie in ihrem Tagebuch, will daraufhin zwei Totengräber bestochen und, mit einer Blendlampe versehen, die Leiche der Freundin auf dem Friedhof ausgegraben haben. Und siehe, sie war noch da. „Meine Vermutung ist“, so Rohlmann, „dass Luise Hensel da eine Hand als Reliquie an sich genommen hat“. Etwas, das sich der Dichter Clemens Brentano, der in seinen Schriften das Leben der Mystikerin sorgfältig dokumentierte, mehrfach gewünscht hat: Hätte sie die Hand doch genommen, um zu sehen, ob sie weiter Wunder wirke. . .

Kurz nachdem Luise Hensel das Grab öffnete je­denfalls, ließ auch der Dülmener Bürgermeister die Anna Katharina noch einmal exhumieren, weil sich die Leute so sehr sorgten um den Leichnam. Bei dieser Gelegenheit habe man „das Gesicht und die Füße gesichtet“, so Pastor Rohlmann. Die Gliedmaßen seien ja eingewickelt gewesen, und nun fragt sich der Geistliche, ob womöglich - da gar nicht erwähnt - zu diesem Zeitpunkt schon eine oder beide Hände gefehlt hätten.

Auch der Biograf der Luise Hensel schrieb später in ihrer Lebensbeschreibung, sie habe sich die Hand der Anna Katharina als Reliquie gesichert. Und auf Fotos der Exhumierung 1975, anlässlich der Seligsprechung der Augustinerschwester, seien weder die linke noch die rechte Hand zu sehen, sagt der Bulderner Pastor. Zu diesem Anlass jedenfalls wurde dem Skelett ein Stück Elle entnommen, das beim Bistum Münster aufbewahrt wird. Diese echte Reliquie hat Bischof Felix Genn nun der münsterschen Rechtsmedizin für einen DNA-Abgleich der Bulderner Hand zur Verfügung gestellt.

„Fest steht bereits, dass es von der Form her eine Frauenhand sein muss“, verrät Rohlmann. Ob es allerdings die der Anna Katharina Emmerick ist, wird spätestens in 14 Tagen feststehen, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist. „Ich kann mir vorstellen, dass Luise Hensel die Hand vor ihrem Tode dem Bulderner Pastor anvertraute, der vierzig Jahre im Amt war, und dieser dann die Reliquie in der Mauernische hinter der Bildtafel des heiligen Pankratius verbarg“, sagt Rohlmann. Schließlich ging ja die Angst um, der Leichnam oder Teile davon könnten gestohlen werden.

Günter Scholz, Emmerick- Experte und -Buchautor aus Dülmen, glaubt nicht, dass es sich hier um die Hand der Seligen handelt. Literarisch sei das nicht überliefert, widerspricht er der Theorie des Bulderner Pastors. So habe Brentano zwar vor dem Tode der Mystikerin den Wunsch geäußert, man möge nach ihrem Hinscheiden ihre Hand sichern. Doch habe der Dichter danach auch klargestellt, dass er eben dies nicht getan habe.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/168072?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F35537%2F596157%2F596480%2F
Ex-Verwaltungschef verliert alle Ansprüche auf eine Abfindung
Die fristlose Kündigung des früheren Verwaltungsleiters des NRW-Landgestüts in Warendorf ist rechtmäßig. Der Ex-Verwaltungschef verliert alle Ansprüche auf eine Abfindung.
Nachrichten-Ticker