Klassiker auf Rädern
Ein „Direktoren-Auto“

Montag, 16.08.2010, 14:08 Uhr

Greven - Die Anekdote kennt Dieter Marx aus dem Effeff: Konrad Adenauer brauchte als Kanzler der jungen Bundesrepublik natürlich ein standesgemäßes Automobil aus deutscher Produktion. Warum es ausgerechnet ein 300er Mercedes wurde? Weil dem Opel Kapitän ein paar Millimeter Einstiegshöhe fehlten. Um in dem frühen Wirtschaftswunder-Auto Platz zu nehmen, hätte Adenauer ganz unstandesgemäß den Hut abnehmen müssen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später muss Dieter Marx über diese Geschichte schmunzeln. Denn nach heutigen Maßstäben lässt die mattschwarze Karosse Baujahr 1951 beim Thema Kopffreiheit nichts zu wünschen übrig. Und auch die weiteren Werte belegen, dass sich der Kapitän in der Oberklasse seiner Zeit eigentlich nicht zu verstecken brauchte. Unter der geschwungenen Motorhaube mit den seitlich abgesetzten Radkästen brachte ein Reihen-Viertakter mit sechs Zylindern und stolzen 58 PS (43 KW) die fast 1,3 Tonnen schwere, selbsttragende Karosserie in 24 Sekunden auf die Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern. 2,5 Liter Hubraum sorgen für ein grundsolides Motorengeräusch und den Vorschub, den das Dreiganggetriebe mit Lenkradschaltung auf die Achse bringt.

„Ein Direktoren-Auto“, beschreibt Dieter Marx seinen Oldtimer und öffnet wie zum Beweis das Portal: Die Türen des Wagenfonds schwingen nämlich nach hinten auf, damit Herr Direktor sich bequem in die Fischgrät-gemusterten Polster fallen lassen konnte. Dieter Marx sieht sich selbst allerdings lieber mit der Fahrermütze hinter dem Lenkrad - und als detailversessener Heger und Pfleger seines Prachtstücks. Knapp 49 000 Exemplare baute Opel von dem so genannten „Kapitän ´51“ zwischen März 1951 und Juli 1953. Von 48 noch angemeldeten Fahrzeugen weiß Dieter Marx. Eine Zahl, die für ihn eine Verpflichtung darzustellen scheint.

Eine Aufgabe und Liebhaberei, die vor 15 Jahren ihren Anfang nahm. Es war nicht der erste Oldtimer, den sich Dieter Marx damals zulegte, aber ein besonderer. Jahrgang 1950 ist der Grevener, und er wollte ein Auto aus der Zeit seiner Geburt. So, wie andere Zeitungsausgaben oder Weine aus ihrem Geburtsjahr sammeln. Dieter Marx wurde in Hamburg fündig, wo der Vorbesitzer das gute Stück gerade bis auf die letzte Schraube zerlegt, restauriert und wieder zusammengebaut hatte. Nun zog es ihn überraschend in die Karibik, und Dieter Marx nutzte die Gunst der Stunde, verhandelte gut und schnell und blättere 20 000 Deutsche Mark für seinen Traum-Oldtimer hin.

Das hätte auch für einen Neuwagen gereicht. Warum also unbedingt ein altes Schätzchen? Dieter Marx gibt eine ebenso einfache wie emotionale Begründung: „Früher konnte ich im Rückspiegel leicht erkennen, ob da ein Ford oder ein Opel kommt. Heute sieht alles gleich aus. Autos wie mein Opel Kapitän haben noch Charakter und ein unverwechselbares Aussehen.“

Die Garage an der Karlstraße sieht entsprechend dem Hobby des Besitzern aus wie Höhle eines Jägers und Sammlers: Hinten links ein Original-Ersatzmotor, auf den Regalen rechts zernarbte Felgenkappen, daneben Trittbrettleisten und Sechs-Volt-Birnen. „Mit Oldtimern wie dem Kapitän ist es wie früher in der DDR: Sobald etwas zu haben ist, kauft man es - bevor nichts mehr da ist“, erklärt Dieter Marx, wie sein umfangreiches Ersatzteillager zustande gekommen ist.

Seine Begeisterung kennt keine Grenzen. „Man kann alles auseinander schrauben, vieles selber machen“, erzählt er froh. Er freut sich über jeden der rund 3000 Kilometer, die er seinen Kapitän pro Jahr bewegt, und darüber, dass in den vergangenen 15 Jahren praktisch nichts repariert werden musste. Er mag die einfache Mechanik und den „Motor, der nicht kaputt zu kriegen“ ist. Er schätzt die Patina der Jahrzehnte wie den mehrfach geflickten Original-Bodenteppich. Und er liebt die Details, von dem kleinen Blumenstrauß am kargen Armaturenbrett bis zur Packung Chesterfield-Zigaretten auf der Hutablage. Und dann muss Dieter Marx über sich selbst schmunzeln. „Man ist doch irgendwie bekloppt“, meint er. Stimmt vielleicht - aber die Menschen drehen sich um und sehen verwundert noch mal genauer hin, wenn der „Bekloppte“ mit seinem Opel Kapitän, Baujahr 1951, vorbei fährt.

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