80 Jahre Lengerich - Artikel - Content
„Dat Höhrrohr“ hat das Feuer entflammt

Dienstag, 26.10.2010, 17:10 Uhr

Lengerich - „Zeitung mit der Schere lesen“, sagt Friedel Snethkamp als er seinen dicken Ordner auf den Tisch legt und dabei froh gelaunt lächelt. „Das haben wir schon in der Schule gelernt.“ In dieser wohlsortieren Akte sind sie archiviert, alle Aktivitäten der vergangenen Jahre, fein säuberlich abheftet in Klarsichtfolien. Chronologisch geordnet, versteht sich, befinden sich hier sämtliche Artikel, die erschienen sind über den Männergesangverein „Heimatklang“ Settel , die der plattdeutschen Theatergruppe und dann noch einige zu seiner Typisierungs-Aktion für einen Leukämiekranken. „Ich hab mal einem jungen Finnen geholfen. 10 000 Euro gesammelt, was 254 Typisierungen ermöglichte“, erwähnt der muntere Vor-Ruheständler so ganz nebenbei. Langeweile, das ist ein Begriff, den der just 60-Jährige so gar nicht mit Inhalt zu füllen weiß. Engagiert wie er ist, „könnte ich wohl noch zwei Leute einstellen“, flachst er.

Dagegen sind Worte wie „Gemeinschaft“ und „Geselligkeit“ zwei ganz wichtige Dinge, die ihn praktisch sein Leben lang begleiten und denen er sehr wohl Lebendigkeit zu verleihen weiß. Nach 30-jähriger Vorstandsarbeit im MGV „Heimatklang“, wovon er neun Jahre als erster Vorsitzender ausübte, bis Ralf Krumme ihn 2006 dieses Amtes beerbte, genieß er nun den Titel „Ehrenvorsitzender“. Das bedeutet allerdings nicht, dass er seine Hände in den Schoß legt und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt. Mehr als 70 Mal hat er bereits die Anmoderation bei den plattdeutschen Inszenierungen der Theatergruppe übernommen und dabei gerne das neugierige Publikum motiviert: „Nich kniepig sien met Applaus. Dat is de Lauhn för usse Laienspielers. Un dann könnt se tüschkendüör auk äs iäms Luft haalen.“

Auch organisiert er mit seiner besseren Hälfte - Gattin Ulrike - den Vorverkauf. Ein nicht unerheblicher Aufwand bei mehr als 2000 Karten. Ulrike Snethkamp, ihres Zeichens auch ambitionierte Laiendarstellerin, hatte bis 2004 bereits 56 Bühnenauftritte hinter sich und war schon des Öfteren für die Regie verantwortlich.

Grad mal 17 Jahre jung war Friedel Snethkamp, als er sich in den Männergesangverein aufnehmen ließ: „Mein Bruder war dabei und nahm mich irgendwann mit.“ Wann der allererste Kontakt zum Theater entstand? „In der Schule mit Schneewittchen und dem Weihnachtsspiel“.

Auf dem Sängerfest 1957 im Festzelt erlebte Snethkamp das erste Mal eine plattdeutsche Aufführung, bei der er sich köstlich amüsierte und sozusagen Feuer fing. Was wurde gegeben? „Dat Höhrrohr“, die illustre Schmonzette um einen Öhm, der gerne nur das wahrnahm, was ihm gefiel.

Die plattdeutsche Theatergruppe des MGV besteht bereits seit 1927. Aus Erzählungen weiß Snethkamp, so ist es überliefert, dass die ersten Aufführungen in Settel - Open Air würde man heute wohl sagen - auf einer Wallhecke, einer Erhöhung, stattfanden. „Heute steht uns in der Gempt-Halle modernste Übertragungstechnik mit Head-Sets zur Verfügung. Auch, wenn die Halle mit 300 Zuschauern bis auf den letzten Platz besetzt ist, kann uns in der letzten Reihe noch jeder gut verstehen“, skizziert der Maschinenbaumeister die gegenwärtigen Spielbedingungen.

Natürlich gab es, wie wohl überall, in den 30/40er Jahre eine Spielpause, besser gesagt: eine Zwangspause. Die Freunde der plattdeutschen Mundart mussten zwölf Jahre auf die gute Unterhaltung dieser Güteklasse verzichten. Erst 1948 stiegen wieder einige ambitionierte Sänger in die Kostüme, um ihr Publikum mit „Kösters Klingelbühl“ zu belustigen.

Munter und recht originell belebten die Sangesbrüder, des MGV „Heimatklang“ und zum Teil auch ihre Gattinnen, den Bühnenboden ab diesem Zeitpunkt wieder fast jedes Jahr. Snethkamp selber schnupperte 1969 erst- und auch einmalig bei „Tante Frieda“ Bühnenluft. Ein Jahr später ging er zur Bundeswehr. Eine Flaute machte sich in den 70er Jahren breit. Das Interesse an der plattdeutschen Mundart schien zu schwinden. Der Fernseher - so vermutet Snethkamp den Grund - mit seinen immer umfangreicher werdenden Unterhaltungsshows trat in Konkurrenz zu den handgemachten „Live-Acts“.

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