Westfälischer Friedenspreis
Über die Toleranz hinaus

Sonntag, 31.10.2010, 18:17 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 31.10.2010, 18:17 Uhr

Münster - In Münsters Rathausinnenhof steht die berühmte Skulptur von Eduardo Chillida, die auf den Westfälischen Frieden Bezug nimmt: „ Toleranz durch Dialog“ heißt die stilisierte Darstellung gegenüberstehender Bänke. Und so verwunderte es nicht, dass Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe in seiner Begrüßungsrede spontan diese Begriffe zitierte und die Bedeutung von Dialog und Toleranz hervorhob.

Preisträger Daniel Barenboim , der mit dem West-Eastern Divan Orchestra für diesen Dialog steht, hat mit der Toleranz aber auch ein Problem: Sie reicht ihm nicht aus. „Wir lösen den Konflikt nicht mit Waffen, nicht mit Toleranz, sondern mit Erkenntnissen“, sagte er. Seine Vorstellung, einander nicht nur zu tolerieren, sondern aufeinander zu hören und den anderen in seiner Art zu verstehen, wird vom libanesischen Cellisten Nassib Al Ahmadieh aus dem Orchester konkretisiert. „Wir Araber denken, die ganze Welt, die Medien eingeschlossen, sei pro-israelisch, und wir würden als Idioten dargestellt“, erklärt er in dem Buch „Die Kraft der Musik“, das Elena Cheah über das Orchester geschrieben hat. Und erinnert sich an sein Gefühl bei der Begegnung mit Musikern aus dem Feindesland: „Es war beunruhigend für mich, mit Israelis im selben Raum zu sitzen. Man wird erzogen, sie zu hassen, sie für üble Typen zu halten . . .“

Daniel Barenboim erzählte bei der Preisverleihung, dass sich im Orchester die Musiker aus verschiedenen Nationen nicht in homogenen Gruppen gegenübersitzen - gerade bei den Streichern seien „fast alle Pulte gemischt“. Also etwa ein israelischer und ein syrischer Geiger am gemeinsamen Notenpult, dieselbe Stimme spielend, füreinander umblätternd. Elena Cheah berichtet in ihrem Buch, dass Barenboim während der Arbeitsphasen des Orchesters bestrebt ist, selbst beim gemeinsamen Essen nationale Gruppenbildungen zu vermeiden.

Zu den Schlüsselbegriffen, die bei der Preisverleihung formuliert wurden, gehörte auch das von Guido Westerwelle benannte Gegensatzpaar Konfrontation und Kooperation - letztere sei zwar anstrengend, aber notwendig, um die Folgen der Konfrontation zu vermeiden. Laudator Bernardino León Gross stellte den Begriff der Transformation, des Wandels und der Verwandlung, für die das Orchester steht, ins Zentrum.

„Ein großartiger Dirigent lehrt die Musiker, sich aufgrund des Gehörten selbst auszubalancieren“, schreibt Elena Cheah in ihrem Buch. Daniel Barenboim weist damit nicht nur seinem Orchester den Weg zum Miteinander.

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