Klassiker auf Rädern
Abschleppseil statt Schminkkoffer

Freitag, 12.11.2010, 17:11 Uhr

Greven - Trotz knappen Raumangebots: Auf ein paar Dinge verzichtet Andrea Beuning nicht, wenn sie mit ihrem lotus-grünen Spitfire MK III auf Tour ist. Für Abschleppseil, Überbrückungskabel, Motorbetriebsanleitung, Bremsflüssigkeit und das englische Zollwerkzeug muss der Kosmetikkoffer schon mal zu Hause bleiben. „Ich bin eben ein bisschen anders“, lächelt die junge Mutter keck, die mit viel Selbstbewusstsein in einer Männerdomäne unterwegs ist. „Da bin ich wohl die erste weibliche Vertreterin in Ihrer Oldtimer-Serie“, empfängt sie den Zeitungsmann, den sie ohne Umstände in die Garage führt.

„Hoffentlich springt er an.“ Die kleine Frau fleezt sich in die flache Flunder. 160 Zentimeter zu 120 Zentimeter. Die beiden passen perfekt zusammen. Kräftiges Pumpen des Gaspedals, Zünden, der Anlasser dreht nur zögerlich, doch dann vibriert das Heckteil des englischen Traditionssportlers, während der raue Sound von englischer Rallye-Herrlichkeit zeugt.

Nein, ein museales Stück fährt die Spitfire-Liebhaberin nicht. Das ist ein Nutzfahrzeug. Ein Auto, mit dem Andrea Beuning alt werden möchte und ein Alter, dass sie gar nicht kaschieren will. Da spricht auch eine ganze Spur von Pragmatismus aus der Auto-Frau, die gerne gemeinsam mit ihrer Schwester zu den großen Spitfire-Treffen fährt und nebst Auto dort als Exoten-Braut begutachtet wird. Immer wenn sie zum Werkzeug greift, weiß sie, dass der Eingriff in das Innenleben ihres MK III Folgen haben kann. Schnell mal einen Radwechsel? Dann diagnostiziert man ein defektes Radlager und, und, und, grenzenlose Mängellisten.

In der Szene kursieren Leidensgeschichten über Spitfire-Fahrer. Andrea Beuning kann das nicht schocken, denn mit dem Spitfire ist sie erwachsen geworden. Mit Abitur und Führerschein war klar, dass nur ein Spitfire in die heimische Garage kommen durfte. Eine Anleihe bei Papa, der als Hobby-Restaurator von Isettas, Kabinenrollern und anderen Schmuckstücken für Andreas Gene verantwortlich war, und ihr unbedingter Wille sorgten für die Umsetzung des Traums. Der stand zunächst ganz in gelb vor dem Haus am Schründerring. Doch so ganz perfekt war diese automobile Liebe noch nicht. Andrea wollte das Vorgängermodell. „Da hatte ich mich einfach ins Heck verliebt.“ Kleine runde Rückleuchten, geschwungene Formen. Ein Typ, den Andrea Beuning suchte und fand. Dass es nur eine motorlose Karosse war, die ihr auf einem Schrottplatz in Bremen begegnete, konnte die junge Frau nicht von ihrem nächsten Abenteuer abhalten. Noch in Bremen spendierte sie dem Spitfire-Blech ein Zinkbad. Was Oldtimer-Puristen möglicherweise schockt, zieht die Spitfire-Frau konsequent durch. Rahmen, Motor und Technik des gelben MK IV kombiniert sie mit der Traditionskarosse. Andere Teile, die sie nicht mehr braucht, tauscht sie bei einem Händler gegen Ersatzteile, die sie dringend braucht.

Wochenlang sind die ölverschmierten Hände Andreas Markenzeichen. Vieles macht sie selber. Nur um Schweißen und Elektrik macht sie einen großen Bogen. Braune Augen helfen, wenn es darum geht, Freunde zur Mitarbeit zu bewegen. 1994 wird das Jahr der Kompletterneuerung.

Inzwischen ist ihr Spitfire wieder in die Jahre gekommen. Der Lack blättert, Rost blüht, hier und da rappelt es und manchmal träumt Andrea Beuning von einem niegel-nagel-neuen Audi TT. Doch schon als sie den flachen Flitzer wieder in die Garage fährt, folgt der Treueschwur. „Mit diesem Wagen möchte ich alt werden.“

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