Bund kürzt Programme für Langzeitarbeitslose
Verein Horizonte muss Ein-Euro-Jobbern kündigen

Mittwoch, 29.12.2010, 19:12 Uhr

Ennigerloh - Für Dieter Schulz war es ein gutes Jahr. Neun Monate davon war der gelernte Pflasterer beim Gebrauchtmöbelhandel des gemeinnützigen Vereins Horizonte in Ennigerloh beschäftigt. „Möbel auf- und abbauen“, sagt der Hartz-IV-Empfänger, „das kann ich nach zwei Bandscheibenvorfällen noch.“

Davor war er zwei Jahre arbeitslos und dankbar für die Chance, sich endlich wieder einen Rhythmus ins Leben zu holen. Morgens um viertel nach fünf aufzustehen und erst spätnachmittags wieder nach Hause zu kommen. Auch kam bei dem Ein-Euro-Job ein bisschen was rum. Schulz: „Es macht zufrieden, wenn man für das Geld vom Staat auch etwas tut.“

Auf 3000 Quadratmetern Verkaufsfläche reihen sich im Möbellager gebrauchte Schlaf- und Wohnzimmer sowie Elektroartikel aus Haushaltsauflösungen anein­ander. Es gibt eine Ecke für gebrauchte Bücher, eine für Kleidung und eine für Porzellan. Genug Gelegenheit, rund 90 Langzeitarbeitslose sinnvoll zu beschäftigen. Ob beim Auf- und Abbau, beim Liefern von Möbeln oder im Verkauf, hängt vom jeweiligen Talent ab.

Dass ihm von diesen Plätzen ab 2011 nur noch 30 bleiben, erfuhr Geschäftsführer Dr. Ralf Thorwirth im Oktober von der Arbeitsagentur. Und? „Ja, Mist“, hebt er gereizt die Schultern.

Die meisten seiner Mitarbeiter im Alter zwischen 20 und 62 Jahren haben gar keine Ausbildung, oder sie ist lange her. Vielen fehlt der Führerschein oder ein Auto. Sechs Monate dürfen sie bei Horizonte bleiben, „mit der Chance auf Verlängerung, wenn das die Integrationschance erhöht“, sagt Thorwirth. Denn das ist das Ziel: Langzeitarbeitslose aus dem gesamten Kreis Warendorf in Arbeit zu holen und sie, wenn möglich, wieder fit zu machen für den Arbeitsmarkt.

So können sie sich etwa in der Deko-Artikelwerkstatt, in der Schreinerei und der Schlosserei handwerklich weiterbilden, das sieht hinterher gut im Zeugnis aus. Alle drei Bereiche fallen ab 2011 ebenso weg wie 40 bis 75 Prozent der Arbeitgeber-Bruttolohnkosten, eineinhalb der drei Sozialarbeiterstellen und Zuschüsse von unterm Strich rund 250 000 Euro pro Jahr.

Für Thorwirth, der im vergangenen Jahr 25 seiner Mitarbeiter in Arbeit vermittelt hat, „ein frustrierendes Signal von der Bundespolitik, wenn da statt Anerkennung nur oberflächliche Sprüche kommen. Ich glaube nicht, dass sich die Politiker wirklich mal mit dem Schicksal von Langzeitar­beitslosen auseinandergesetzt haben“. Im Kreis Warendorf bleiben 2011 von 300 Ein-Euro-Jobs nur noch hundert übrig.

Er habe gern bei Horizonte gearbeitet, sagt der ehemalige Pflasterer Schulz aus Neubeckum, nie sei er mit Widerwillen erschienen, dafür aber jeden Tag. „Bis auf eine Woche Grippe, da konnte ich mich nicht mehr bewegen.“ Damit ihm sein lieb gewonnener Rhythmus nicht verloren geht, hat er mit Ralf Thorwirth ausgemacht, künf­tig ehrenamtlich zu ar­beiten.

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