Der Sorgerechtsfall der Vera P.
Kampf ums Kind im Internet

Samstag, 08.01.2011, 17:01 Uhr

Münster - Die Fotos ihrer beiden Kinder stehen im Bücherregal . Vera P. (37)*, eine energische Frau mit mittelamerikanischen Wurzeln, sitzt in ihrem aufgeräumten Wohnzimmer in Kinderhaus. Sie kämpft mit den Tränen. Ihr Sohn Max* (3 ½) lebt bei seinem Vater, Sophie* (1 ½) bei einer Bereitschaftspflegerin. „Ich bin hilflos“, schluchzt sie, „mein Sohn soll eine Gefahr für meine Tochter gewesen sein.“

122 Kinder wurden im vergangenen Jahr vom münsterischen Jugendamt aus ihren Familien genommen. „Die Entwicklung“, gibt auch Jugendamtsleiterin Anna Pohl zu, „ist nicht gut.“ Weder für die Eltern noch für die Kinder. Emotionale Betroffenheit spielt da hinein. Das Jugendamt urteile nach anerkannten „Kinderschutzstandards“. Pohl: „Wir haben immer ein Vier-Augen-Prinzip“.

Der Fall Vera P. schlägt derweil in Internet-Kreisen Wellen. Dafür sorgt Heinz-Peter Tjaden aus Wilhelmshaven. Der Redakteur, Autor und Blogger kämpft an verschiedenen Fronten gegen Jugendämter, Familiengerichte und deren vermeintliche Fehlentscheidungen. Vera P. hat ihn über Facebook kennengelernt. Und der rührige „Kommissar Internet“ (61), der sich laut eigenem Blog um den Wilhelmshavener Oberbürgermeister-Job bewerben will, dokumentiert den Fall penibel auf http://kinderunwohl.blogspot.com/.

Aus dem 155-seitigen Gutachten wird da zitiert, das dem Familiengericht über Vera P. und ihre Kinder vorlag. Etwa von der Einschätzung, dass der kleine Max seine Schwester bedroht habe. Tjaden spielt sich als Rechtsberater von P. auf. Als ihn weder das Jugendamt noch das Familiengericht bei Verhandlungen mit der Mutter zulassen wollen, lässt er sich zum „Taufpaten“ der beiden Kinder machen. Sein Fazit: Dafür, der Mutter beide Kinder zu entziehen, gebe es keinen Grund.

Jugendamtsleiterin Anna Pohl lebt seit Jahren mit Anfeindungen aus dem Internet. Betroffene Familien haben hier Blogs gegründet, die nicht wenig gelesen werden. Pohl setzt auf Selbsthilfegruppen betroffener Eltern. „Viele Mütter lassen sich von uns begleiten - letztlich geht es um das Wohl des Kindes.“ Das Internet funktioniert dagegen nur wie ein Pranger.

Wer sich mit Vera P. unterhält, erfährt schon, dass ihr Leben viele Tiefen hatte. Trennungen, unverschuldete Untersuchungshaft, Arbeitslosigkeit, Probleme mit dem neuen Partner, Gewalterfahrungen. Manchmal, wenn das Jugendamt zu Besuch war, gibt sie zu, sah es chaotisch in ihrer Wohnung aus. Das war direkt nach dem Umzug nach Münster, nach der Geburt ihrer Tochter. Da fühlte sie sich überfordert, von ihrem Freund allein gelassen.

Ist diese Phase jetzt vorbei? Nach einer Momentaufnahme kann das keiner sagen. Das Jugendamt verlässt sich auf längere Beobachtungen - auch auf Expertenuntersuchungen, an denen Vera P. mit ihrem Partner und den Kindern teilgenommen hat.

Im Internet geht derweil die Hatz weiter. Der selbst ernannte Kinderrechts-Anwalt Tjaden protokolliert jeden neuen Schritt im Fall Vera P. Unlängst hat er eine Umfrage in seinem Blog gestartet. Bei dem kam Münster auf Platz 3 der unbeliebtesten Jugendämter.

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