Vorteile der Schlüsselloch-Chirurgie
Rauchzeichen im Oberbauch

Donnerstag, 24.02.2011, 12:02 Uhr

Die Schlüsselloch-Chirurgie hat für die Patienten jede Menge Vorteile. Bei Operationen an der Gallenblase , der Milz oder dem Zwerchfell sind mittlerweile kleine, kaum sichtbare Schnitte selbstverständlich.

Den Tag hat sich die Leber anders vorgestellt: Dr. Heiner Wolters steht im Operationssaal A 1 und entfernt mit seinem Kollegen die Gallenblase aus dem Bauch einer Patientin. Das Organ ist mit der Leber verklebt. Wolters kratzt, schabt, schneidet und tackert, um die Gallenblase freizulegen. Durch den Bauch wandert ein Häkchen, durch das der Arzt Strom jagt und das so wie ein scharfes Messer funktioniert. Immer, wenn er kleine Stückchen abtrennt, steigt im Bauch leichter Rauch auf. Ein paar Minuten später liegt die Gallenblase frei.

Bei all dem bleibt der Bauch der Patientin fast unversehrt. In vier „Schnittchen“, wie Dr. Emile Rijcken sie nennt, stecken die Mediziner Trichter. Die dienen als Führung für flexible Instrumente und eine besonders dünne Kamera . Mit ihnen führt Wolters eine OP durch, für die vor 25 Jahren noch der ganze Leib der Frau aufgeschnitten worden wäre.

Obwohl Sabine König - die eigentlich anders heißt - schwanger ist, haben ihr die Ärzte am UKM auch die Gallenblase entfernt. Für sie war klar, dass sie sich mit den Mitteln der Schlüssellochchirurgie operieren lässt. „Für mich stand nicht zur Debatte, einen großen Bauchschnitt zu machen“, sagt sie nach dem Eingriff. Dass die Narben kaum sichtbar bleiben, bezeichnet sie als „positive Begleiterscheinung“.

Diese sogenannte minimal-invasive Chirurgie hat mehrere unbezahlbare Vorteile: Die Patienten verlieren weniger Blut, erholen sich erheblich schneller, gehen, wenn alles gut läuft, nach drei Tagen schon wieder über den Flur, haben weniger Schmerzen - und kaum noch Narben. Nach Rijckens Worten sind die Fälle von Lungenentzündung, entzündeten Wunden und Thrombosen deutlich seltener.

Das weiß auch Sabine König zu schätzen. „Am zweiten Tag ging es mir schon recht gut“, sagte sie. Zehn Tage später sind die Fäden schon raus. Am unangenehmsten sei es gewesen, dass der Bauch noch ein, zwei Tage aufgebläht gewesen sei. Das geschieht durch Kohlendioxid, mit dem der Bauch vor der OP aufgepumpt wird, damit die Ärzte mehr Platz zum Arbeiten und eine bessere Sicht haben. „Das ist schmerzhafter als die OP-Wunden“, sagt König. Aber überhaupt kein Vergleich mit dem Bauchschnitt, durch den früher der Blinddarm entfernt wurde

Schwierig ist das Verfahren nur bei Patienten, die schon oft operiert worden sind und wo im Bauchraum viele verwachsene Narben zurückgeblieben sind. Dann haben die Ärzte während des Eingriffs schlechtere Sicht und die Patienten weniger Sicherheit. Um das zu vermeiden, entscheiden sich die Mediziner für einen großen Schnitt.

Rijcken betont: Minimal-invasive Verfahren haben viele Vorteile, aber sie sind nicht immer der beste Weg: „If you only have a hammer, everything is a nail“, erklärt der Niederländer. Er meint: Wer ausschließlich minimal-invasiv operiert, macht etwas falsch. „Man muss beides können“, sagt der 38-jährige Arzt. Entscheidend sei, was für den Patienten am besten ist.

Auch für die Ärzte hat das Verfahren erhebliche Vorteile, denn unter der geschlossenen Bauchdecke können sie besser sehen, als wenn sie den Bauch aufschneiden.

Ein Bauch ist wie ein Kühlschrank: Solange die Tür zu ist, ist alles dunkel - erklärt Rijcken.

Darum müssen die Mediziner neben ihren Instrumenten und einer Kamera auch eine Lampe einführen, sodass die Ärzte auf einem Monitor genau sehen können, wo sie sich gerade mit ihren Geräten bewegen. Auch die OP-Schwestern sehen, was der Arzt gerade macht und können schneller und besser helfen. „Die Übersicht ist besser als bei offenen Schnitten.“

Heiner Wolters ist gerade an einem schwierigen Punkt angekommen. Der Gallenblasengang, an dem er das Organ abschneiden will, ist ungewöhnlich kurz. Bevor er den entscheidenden Schnitt setzt, muss er genau sehen, wo er sein Messer ansetzen kann. „Das ist ein bisschen Fummellage“, erklärt sein Kollege Rijcken. Aber dann ist Wolters am Ziel. Die Gallenblase liegt frei im Bauchraum.

Die Ärzte schieben ein Säckchen in den Bauch, packen das Organ mit zwei walnussgroßen Gallensteinen hinein. Das größte Problem ist es, das Säckchen durch die Bauchdecke zu ziehen. Die Fremdkörper sind so dick, dass sie nicht durch die kleinen Löcher passen. Darum müssen die Ärzte die Schnitte doch vergrößern.

An der Uniklinik Münster werden nach Rijckens Worten so rund 500 Patienten im Jahr operiert: Milz, Galle oder Zwerchfell - seit dem ersten Eingriff dieser Art im Jahr 1985 durch den deutschen Arzt Erich Mühe ist das Verfahren Routine geworden. Auch für die Klinik hat das Verfahren Vorteile. Sie bekommt für jede Behandlung eine bestimmte, festgelegte Summe - egal, wie lange ein Patient auf der Station bleibt. Darum hat auch die Verwaltung ein Interesse daran, dass ihre Ärzte Verfahren anwenden, die eine möglichst schnelle Entlassung der Patienten ermöglichen.

In einem Übungsraum können die Ärzte die Bewegungen üben - ähnlich wie Astronauten vor einem Einsatz außerhalb der Weltraumstation ISS. Denn das ist nötig: Da die Geräte durch die Bauchdecke gesteckt werden, müssen die Operateure um die Ecke denken - ähnlich wie beim Steuern eines Bootes, wo man die Pinne immer in die andere Richtung drehen muss, als man das Lenkrad eines Autos bewegen würde.

Anfänger üben, einzelne Münzen anzupacken, vor schwierigen Eingriffen zieht sich auch Rijcken in das Labor zurück, um an einem Schwein die Operation zu üben. Mittlerweile ist er so fit, dass er selbst im Bauch näht - auch wenn es länger dauert. Dafür ist für den Patienten das Ungemach kürzer.

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