Nina Kronjäger im Interview
„Kitsch erdrückt den Konflikt“

Samstag, 16.04.2011, 07:04 Uhr

Münster - Nina Kronjäger war am Donnerstag erst in einer Folge der Krimireihe „ Marie Brand “ zu sehen, Anfang Mai kommt sie im ZDF-Film „Tod am Engelstein “ wieder auf den Bildschirm. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Harald Suerland erzählte die Schauspielerin, was sie an den unterschiedlichen Rollen reizt.

Was war die besondere Herausforderung in diesen beiden Filmen? Einmal waren Sie die Pflegerin eines behinderten Schach-Meisters, in „Tod am Engelstein“ spielen sie die Schwester von Stefanie Stappenbeck, die ihre vermisste Mutter sucht. . .

Nina Kronjäger: Man muss ja auch Geld verdienen, damit fängst es erstmal an. Und: Beide Rollen sind nicht unbedingt das, wofür ich normalerweise angefragt werde: Es sind radikalere, andere Typen. Ich spiele ja sonst auch gerne in diesen gut gelaunten Komödien mit. Aber wenns mal wie hier die sprödere, andere Richtung, ist, dann mag ich das zur Abwechslung ganz gerne.

Es sind Rollen mit eher tragischem Charakter. Dominieren die momentan in ihrer Arbeit?

Kronjäger: Das gibt es immer mal wieder, es gibt immer solche Phasen, in denen das vermehrt stattfindet.

Ihr Komödiendurchbruch war Katja von Garniers Film „Abgeschminkt“. Stimmt es, dass Sie sich eine Fortsetzung vorstellen könnten?

Kronjäger: Darüber machen wir gerade Witze. Ich habe auf der „Lola“-Verleihung Katja Riemann getroffen, und wir haben uns köstlich amüsiert bei dem Gedanken und rumgesponnen. Es ist eine gute Idee, weil der Film fast dokumentarisch war und weil er im Leben von vielen Leuten, die ich getroffen habe, so etwas wie einen Meilenstein bedeutet. Man könnte in einer Fortsetzung sehr viel von dem einbauen, was uns seitdem begegnet ist. Das war ja damals auch so: Es ist sehr viel von uns persönlich in das Buch eingeflossen.

Dramatische und komische Rollen wechseln Sie also ganz bewusst?

Kronjäger: Ja, es wechselt, je nach Angebot. Auch meine Agentin freut sich sehr über diese Angebote, denn in Deutschland wird ja gerne der Unterschied gemacht - man glaubt, Schauspieler aus Komödien könnten keine ernsten Rollen spielen. Deshalb freut es mich, dass diese andere, vehementere Phase zu sehen ist. Ich könnte aber auf Komödien nicht verzichten, das wäre ja ein trauriges Leben! (lacht) Wobei Komödien zu drehen nicht so lustig ist, wie man sich das vorstellt - das ist auch harte Arbeit.

Was war die größte Herausforderung bei den aktuellen Rollen?

Kronjäger: Natürlich war „Tod am Engelstein“, diese dramatische Auseinandersetzung in Bayern, die größere Herausforderung. Das Buch schwächelte ein wenig, da konnte man sich nicht einfachen auf den Text draufsetzen - und dann hat die Regisseurin sehr gute Ideen entwickelt oder ist meinen Ideen gefolgt. Aber das ist ja auch immer so: Kein Buch der Welt wird komplett umgesetzt. Ein Autor hat immer eine andere Sprache als ein Schauspieler, und wenn einer öfter sagen lässt „nun ja“ und ich sage es normalerweise nicht, dann sage ich das auch nicht im Film. Es ist normal, dass man sich das mundgerecht macht oder den ein oder anderen Punkt eines Konflikts anders spielt.

Das ging also über Details hinaus?

Kronjäger: Ja. Wenn ich sage „Das Buch schwächelte“ meine ich nicht die Konstruktion, sondern die Dialoge. Das Buch hätte man auch als grauenvolle Schmonzette spielen können, sich auf jeden Konflikt draufsetzen im Sinne von: „Jetzt fließen noch mal Tränen.“ Es ist gelungen, das rauszunehmen und die Konflikte konkret werden zu lassen. Vieles im Fernsehen ist grauenvoll, denn was Richtung Kitsch geht, erdrückt den Konflikt. Das habe ich schon oft in Filmen erlebt, wo es mir die Schuhe ausgezogen hat.

Der Zuschauer sieht wahrscheinlich gar nicht, wie das vermieden wurde, weil er denkt: Das Buch ist die Basis?

Kronjäger: Natürlich ist das Buch die Basis, aber dann kommen die einzelnen Leute und hängen, wie meine Agentin es so schön sagte, an das Skelett ihr Fleisch dran.

Bei Marie Brand spielte ihr ehemaliger Lebensgefährte Thomas Heinze mit. Wie war das?

Kronjäger: Wir haben gar keine Szene zusammen, Aber auch das wäre kein Problem.

Sie sind weiterhin befreundet?

Kronjäger: Ja klar, wir haben zwei Kinder zusammen.

Welche Rolle spielt das Theater in Ihrer Arbeit?

Kronjäger: Das Theater ist genauso wichtig wie Film. Manchmal kommt es öfter vor, im Moment etwas weniger. Zuletzt habe ich immer mit dem Dramatiker und Regisseur René Pollesch in Berlin zusammengearbeitet, etwas anderes konnte ich mir gar nicht mehr vorstellen. Denn es hat mit konventionellem Stadttheater nichts zu tun, dafür ist man dann versaut. Ich bin aber auch allergisch gegen die Hierarchien des normalen Theaterbetriebs: fünf wichtige Männer, und der Rest sind dienstbare Frauen. Da sträuben sich bei mir die Nackenhaare. Am Anfang meiner Festanstellung ist mir das auch passiert, schlecht behandelt zu werden, weil jemand Lust hatte, seine Macht auszuspielen.

Aber es gibt ja nicht nur männliche Regisseure und Intendanten, sondern zum Beispiel auch eine bekannte Ex-Intendantin, die im Umgang sehr schwierig sein soll . . .

Kronjäger: Ja, aber ich rede jetzt nicht von Frauen wie Margaret Thatcher, die machen unsere Welt auch nicht besser. Frauen können besser zuhören und denken sozialer. Wenn das im Theater mehr stattfinden würde, wäre es besser. Dann wären nicht unbedingt alle Aufführungen besser, aber die Arbeitsbedingungen. Und ich zum Beispiel funktioniere viel besser, wenn die Arbeitsbedingungen gut sind. So lange es nicht um die Sache geht, sondern um etwas anderes, ist das schlecht. Uns das passiert eben nicht bei Pollesch. Anderes Theater reizt mich nicht, das Drehen reizt mich mehr - die Arbeit, das Körperliche, das Drehen bei verschiedenen Bedingungen. Ich würde zum Beispiel einen Film ablehnen, der nur drinnen spielt, außer es ist ein spannendes Kammerspiel. Es macht mir Spaß, mich mit den Elementen auseinanderzusetzen.

Auf ihrer Agenturseite gibt es aber zwei kleine Interview-Filme in Englisch und Französisch, die sehr über die Sprache funktionieren: gleicher Inhalt, unterschiedliche Frauen. Haben Sie das bewusst so gestaltet?

Kronjäger: Da habe ich gar nicht nachgedacht. Das ist dann wohl tatsächlich durch die Sprache passiert. Wir Schauspieler sind ja aufgefordert, kurz zu dokumentieren, wie es mit einer anderen Sprache geht. Da macht man sich eben einen Gag draus.

Sie haben mal in einer vierteilige Krimireihe im ZDF mitgewirkt, „Team Berlin“ - das kriegt man leider auch nicht auf DVD . Warum gab es nur vier Folgen?

Kronjäger: Das war dem ZDF damals zu innovativ. Es sprach wohl zu sehr nur die jungen Leute an, und es war ihnen auch formal zu weit vorne. Was ich witzig finde, denn jetzt würden sie vielleicht gegenteilig argumentieren, aber vor zehn Jahren war das wohl so. Der Kameramann hat sich damals eine Menge einfallen lassen . . .

Das weiß ich jetzt nicht mehr so genau . . .

Kronjäger: Nee, ist klar, das weiß ich besser (lacht). So hat er sich mal auf einen Gepäckwagen der Bahn draufschnallen lassen, weil er damit schneller war. Wir haben viel improvisiert, was total Spaß gemacht hat.

Finden Sie, das etwa in den gegenwärtigen „Tatort“-Krimis solche Ansprüche eingelöst werden?

Kronjäger: Ich finde, der „Tatort“ ist einer der seltenen Filme, wo man weiß: Das wird laufen. Deswegen kann man sich ganz schön viele Experiment erlauben.

Sie haben ja mal in einer sehr experimentellen Folge mitgewirkt, in „Waffenschwestern“ . . .

Kronjäger: Das Experiment war schon, dass der Hessische Rundfunk in diesem Jahr einen zusätzlichen „Tatort“ produzieren musste. Und dann war da Florian Schwarz, der Autor und Regisseur. Einer, der gerne Genres ausprobier, einer der wenigen in Deutschland. Das fand ich toll: Frauen und Waffen zusammengebracht, und die Kommissar wird fast reingezogen, das war schon super. In der Richtung könnte es mehr geben.

Noch eine kleine Frage zu Ihrer Biografie, da heißt es: Längerer Auslandsaufenthalt in Frankreich: Was hat es damit auf sich?

Kronjäger: In Paris war ich von 2000 bis 2001. Mein Freund Thomas Heinze hatte damals mit einem internationalen Produzenten eine Firma gegründet, und sie wollten von Paris aus tätig sein. Deswegen sagte er: „Wollen wir nach Paris gehen?“ und ich sagte nur „Auja auja!“ Ich habe mein kreatives Ausjahr genommen, habe an einem Dokumentarfilm gearbeitet und den Schnitt betreut. Nach dem Jahr wäre ich am liebsten ganz dort geblieben, aber das war nicht ganz Thomas´ Ding, und dann sind wir eben wieder abgezischt.

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