Spionage in Münster
Stasi bespitzelte Werner Thissen

Freitag, 15.04.2011, 21:04 Uhr

Münster - Der Pfarrer, dem die Staatssicherheit der DDR den Decknamen „IM Erich Neu“ gab, war nicht nur in seiner Gemeinde im Ruhrgebiet beliebt.

Auch Geistliche in Münster trafen sich in den 1980er Jahren gerne und regelmäßig mit ihm, hat Helmut Müller-Enbergs , Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin, herausgefunden: „Besonders der heutige Hamburger Erzbischof Werner Thissen war für die Staatssicherheit interessant.“

Damals war er im Bistum für Personal zuständig. Was er und viele andere Gesprächspartner des Pfarrers nicht ahnten: Alles, was sie ihm anvertrauten, landete auf Agenten-Schreibtischen in der DDR - dort brannte man darauf zu erfahren, was die katholische Kirche über die Situation in Polen denkt, wo die Solidarnosc-Bewegung den Aufstand probte.

„Der Arm der Stasi in den Westen war lang - und nach Münster besonders dick“, betont Müller-Enbergs. 16 inoffizielle Mitarbeiter (IM) waren in den 80ern in Münster tätig - „nur in vier Städten in NRW gab es mehr Agenten“, hat er herausgefunden. Besonders brisant: Bei allen handelte es sich um Westdeutsche, die in Münster lebten und arbeiteten - vom Landwirt bis zum Versicherungsvertreter.

Und die interessierten sich nicht nur für die Kirche. In der Unibibliothek arbeitete „IM Park“, er klopfte die Buchbestellungen der Studenten auf DDR-Linientreue ab und fertigte anschließend Profile an. „Ziel war es, Stasi-Nachwuchs zu rekrutieren“, sagt Müller-Enbergs. „Wirklich gelungen“ sei dies jedoch nicht.

Ziel war es, Stasi-Nachwuchs zu rekrutieren

Auch Polizeiführungsakademie und Polizeipräsidium waren im Visier der Stasi. Die Details in Abhörprotokollen sind „beeindruckend“, so Müller-Enbergs.

Daneben interessierten sich die Agenten für Friedensbewegung und Anti-Atom-Gruppen, DDR-kritische Initiativen wie „Glasnost-Kontakt“ und „Hilferuf von drüben“, die Bundesanstalt für Fettforschung und militärische Einrichtungen. Auch beim Regierungspräsidenten saß laut Müller-Enbergs ein IM - Deckname: „Wantel“.

Mindestens 389 Münsteraner waren Ziel der DDR-Spionage. „Münster“, so sein Fazit, „war für die Stasi aus nachrichtendienstlicher Sicht deutlich wichtiger als viele andere Städte.“ Damit hatte er zu Beginn seiner Forschungen nicht gerechnet. Sein Rat an die hiesigen Wissenschaftler: „Sie sollten sich das Thema unbedingt genauer anschauen“ - weitere Überraschungen seien nicht ausgeschlossen.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/130993?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F35537%2F594850%2F595988%2F
Liveblog: So hat Europa gewählt
Europawahl: Liveblog: So hat Europa gewählt
Nachrichten-Ticker