Architekturstudenten planen mit dem Klima
Die Suche nach der perfekten Stadt

Sonntag, 08.05.2011, 18:05 Uhr

Steinfurt / Münster - Es ist der perfekte Ort. Die Sonne geht gerade unter, der Blick schweift von wunderschönen Häusern in die Ferne, der Rotwein hat die richtige Temperatur. Alles passt. Fast. Irgendwie zieht es am Rücken. Ein Durchgang zwischen zwei Häusern bündelt den Wind, der schiebt sich auf die Restaurantterrasse und macht es ungemütlich. Hätte der Architekt des Nachbarhauses den Durchgang an anderer Stelle geplant, die Gäste könnten windstill sitzen.

Wie Klima, Stadtform und Architektur zusammenhängen, das untersuchen Professor Joachim Schultz-Granberg und Professor Sven Pfeiffer von der Fachhochschule Münster gemeinsam mit dem Kollegen Professor Ralf Pasel von der Akademie für Baukunst in Rotterdam und Studenten beider Hochschulen.

In der vergangenen Woche klopften die Architekten im Strömungslabor des Fachbereichs Maschinenbau in Steinfurt bei Professor Hans-Arno Jantzen an die Tür. Jantzen, der sonst für Automobilhersteller oder Kraftwerksbauer forscht, stellte den angehenden Architekten seinen Windkanal zur Verfügung. Die hatten zahlreiche Modelle im Vorfeld berechnet und gebaut, die nun ihre Nase in den Wind halten und sich beweisen mussten.

„Nach den Berichten über zunehmende Tornados, häufiger werdende heiße Sommer und dem Erstarken der Disziplin Klimatologie sowie Fragen der Stadthygiene stehen hier viele offene Fragen im Umgang mit dem Kontext Klima und einer damit verbundenen Suche nach nachhaltigen Stadtmustern im Raum“, erklärte Schultz-Granberg, dass es um viel mehr als windstille Plätze im Restaurant geht.

Zum Beispiel um Feinstaub, der die Innenstädte belastet. Können Architekten Städte entwerfen, in denen die Luftzirkulation so funktioniert, dass der Feinstaub wie durch einen Staubsauger aufgesogen wird?

Sind die ersten Modelle der Studenten noch recht abstrakt, geht es im zweiten Schritt in die konkrete Planung. Dafür haben sich die Hochschullehrer die beiden Häfen in Münster und Rotterdam ausgesucht. Nicht ohne Grund. Beide liegen auf dem nördlichen Breitengrad 51,9. „Wir gehen also von einer Klimazone aus“, erklärt Pasel.

Wobei die Häfen nicht zu vergleichen seien und die Studenten deshalb vor ganz unterschiedlichen Anforderungen stünden.

„Unsere Überlegungen stecken in den Kinderschuhen. Bisher hat man die Architektur aus den räumlichen Strukturen und nicht aus den klimatischen abgeleitet“, weiß Professor Pasel. Die Studenten sollen sich nun zum Beispiel mit Fragen wie der Durchlässigkeit von Stadträndern, der Form und Umströmung von Gebäuden, der Ausrichtung, Porosität, der Topografie und dem Mikroklima beschäftigen.

Aber wie sieht die klimatisch perfekte Stadt letztlich aus? „Das weiß ich auch noch nicht“, sagt Professor Joachim Schultz-Granberg. Vielleicht könnte sie ganz simpel aussehen. „Ich bin mir jedenfalls sicher, dass sie nicht hochtechnologisch ist“, sagt der Architekt. Und be­­stimmt wird es in den Restaurants solch einer Stadt auch nicht im Rücken ziehen.

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