Everswinkel und der ESC
Lena und der Erfolg zum Nachtisch

Samstag, 14.05.2011, 09:05 Uhr

Everswinkel - „Germany: Twelve Points!“ Das war für deutsche Grand-Prix-Fans 28 Jahre lang ein unerfüllter Traum. Von 1982 bis 2010. Von Nicole bis Lena. Als die junge Abiturientin aus Hannover vor einem Jahr nach der europäischen Punkte-Rallye tatsächlich klar als Siegerin durchs Ziel ging, war die Sensation perfekt.

Am Samstagabend findet die Party ihre Krönung, nach drei Jahrzehnten findet der Eurovision Song Contest mal wieder in Deutschland statt. Und egal, ob Lena die Wiederholung des Wunders von Oslo gelingt oder nicht - mit dem Mega-Event in Düsseldorf wird Show-Geschichte geschrieben. Die Pop-Party beschäftigt auch die Everswinkeler.

„Ich bin musikalisch an allem interessiert, was in Deutschland und weltweit passiert“, sagt Heiko Kraft . Schließlich ist er Musiklehrer, der sich über Musiktrends informieren will. Deshalb gehören auch Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ zum „Studienmaterial“. „Ich möchte bei den Schülern schon mitreden können.“ Grundschulleiter Martin Linnemanstöns beweist da Mut zur Lücke. Wie schon bei Lenas Sieg am 29. Mai 2010.

Am Contest-Tag war Linnemanstöns mit seiner Frau bei Freunden zum Essen eingeladen, sechs Paare genossen die kulinarischen Köstlichkeiten. „Kurz nach dem Nachtisch standen die Frauen dann plötzlich auf, haben sich alle aufs Sofa gesetzt und Lena geguckt.“ Die Männer blieben dagegen musikresistent am Tisch sitzen. „Wir haben uns dann aber mitgefreut.“

„Das letzte Mal habe ich das 2006 gesehen, weil die Isländer so irre sind.“ Hilke Sandner machte seinerzeit dort mit ihrem Mann Urlaub, als der Eurovision Song Contest in Athen stattfand. „Wir kamen genau an dem Abend an, und ganz Island war ausgestorben, weil alle vor dem Fernseher saßen“, und dann hat man eben mitgeschaut, erinnert sich die hauptamtliche Mitarbeiterin des HoT schmunzelnd. „Niemals!“ - Hugo Schroeter übt heute Abend Verzicht.

„Die Qualität der Lieder ist mir nicht gut genug, zumal die für eine bestimmte Zielgruppe designt werden“, sagt der IGSE-Chef und Werbe-Fachmann, der selbst in einer Band spielt und Bob-Dylan-Fan ist. Grundsätzlich findet er die Idee des Wettbewerbs gut, „und ich gönne den jungen Leuten das auch. Aber in den letzten Jahrzehnten waren nicht viele gute Nummer-1-Songs dabei“, sagt Schroeter, der Lena „nicht für eine dolle Sängerin“ hält. Der deutsche Erfolg 2010 ging an ihm vorbei.

Kraft dagegen sah den Hit-Satelliten in Oslo aufsteigen. Danach war der Eurovision Song Contest auch an der Schule mehrere Wochen ein Thema. „Ich habe mit den Schülern darüber gesprochen und mehrere Stücke umgesetzt.“

„Einen Teil werde ich mir sicher ansehen“, sagt Bürgermeister Ludger Banken, der sich aber „nicht übermäßig“ für den jährlichen Komponisten- und Sänger-Wettstreit interessiert, er nimmt das Resultat eher zur Kenntnis. Wenngleich: Unvergessen ist ihm aber noch das Jahr 1982. „Den Sieg von Nicole habe ich gesehen, daran kann ich mich noch gut erinnern.“ Damals war Banken 17 Jahre alt - genauso alt wie die erste deutsche Grand-Prix-Gewinnerin.

Und was macht der Vorsitzende des Kulturkreises? Zuschauen. „Aber nicht in Deutschland.“ Holger Beller, der schon die Vorentscheidungen über den Song gesehen hat, ist zurzeit auf Urlaubsreise in England, setzt aber auf die Übertragung durch die BBC. Und er hat einen großen Vorteil: Von England aus darf er mit abstimmen für Lena.

Das kann man aber noch steigern: „Ich gucke nicht nur, ich bin da!“, freut sich Alverskirchens CDU-Chef Torsten Schwarthoff, der das Ticket samt Rahmenprogramm seiner Frau Kirstin zum Geburtstag schenkte. Den Eurovision Song Contest sieht er als großen Spaß. „Ich genieße das Event, freue mich, wenn die Leute eine gute Show bieten, fiebere aber nicht mit.“ Mit Lena sei das Ganze interessanter geworden. Stefan Raab ist genau der Richtige, um das Thema voranzutreiben“. Für den erklärten Metallica-Fan war aber klar, nur nach Düsseldorf fahren zu wollen, „wenn ich mein Metallica-T-Shirt anziehen darf“. Das will er heute unterm Sakko tragen.

Nach Lenas Erfolg mit Satellite „habe ich gedacht, das ist mal etwas Anderes“, erinnert sich Hilke Sandner. Dann sei Lena gut vermarktet worden. Dass man jetzt nur den Song habe auswählen können, die Sängerin aber schon feststand, findet sie nicht gut. „Das hat ja nicht wirklich etwas mit Mitentscheidung zu tun.“ Ähnlich sieht es Kraft. „Ich hätte mir lieber einen anderen Interpreten gewünscht. Das Musikstück und wie Lena es umsetzt - gut und schön. Es hätte aber auch andere Künstler gegeben.“ So sei die Sache uninteressant geworden. Bürgermeister Banken glaubt gar, dass sich der Zauber von Lena etwas verflüchtigt habe. „Im Vergleich zu vor einem Jahr hat sie viel von ihrem Charme eingebüßt“, nun sei sie in der Tretmühle drin, wenngleich ihm der Song durchaus gefalle.

„Taken by a Stranger“, heißt das auserwählte Stück. „Ich finde den Song sehr gut, er setzt einen anderen Akzent. Es wäre falsch gewesen, mit einer Art Klon von Satellite anzutreten“, ist Beller von dem Werk durchaus angetan. „Ich hätte sie nicht noch einmal aufgestellt. Das Mädchen wird vielleicht zu sehr durch den Wolf gedreht“, meint Schwarthoff. Der Song sei durchaus „solide“, aber kein Vergleich zum Siegersong 2010. „Der war ungewöhnlich, der hatte unheimlich was drauf. Man hatte das Gefühl, das ist was Neues“. Hugo Schroeter formuliert es krass: „Wenn das der Gewinnersong wird, würde ich mir über die Songschreiberei in Europa meine Gedanken machen.“

Nach einem ernüchternden Halbfinale revidiert Schwarthoff seinen zunächst skeptischen Tipp: „Ich denke dass Lena den innovativsten Song hat und doch wohl unter die ersten fünf kommen wird.“ Der Bürgermeister sieht sie unter den ersten sieben, Holger Beller zeigt sich „ mal mutig: Ich glaube schon, dass sie unter die ersten Drei kommen wird.“ „Unter den ersten Fünf wäre schon ganz schön, so patriotisch bin ich dann doch“, gibt sich Schroeter versöhnlich.

Die Viertklässler Insa, Nareen, Jette, Jorinde, Robert, Jannik, Simon und Karim aus der 4c finden das Lied dagegen klasse. Die Papp-Lena - von Opel Elmer aus Warendorf zur Verfügung gestellt - nahmen sie freudig fürs Foto in ihre Mitte und fiebern dem heutigen Abend entgegen. Vor allem, weil sie alle zuschauen dürfen, wie sie glücklich erzählen. Lena finden sie alle toll. Germany: Twelve Points - das würde ihnen ganz leicht über die Lippen gehen.

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