Lenz-Musik
Die Retro-Welle rollt wieder

Sonntag, 08.05.2011, 10:05 Uhr

Kein Zweifel: Im Radio läuft der hippste Sender der Region. Aber warum singt eine glockenklare Frauenstimme, digital angekratzt, von langen Nächten und verträumten Paartänzen - und klingt dabei wie aus den 30ern ins Jahr 2011 gebeamt? Plötzlich erscheint das Undenkbare möglich: Hat sich vielleicht eine technisch versierte Oma via Internet ins Studio gehackt und legt nun ein Best-of ihres Plattenschranks auf?

Weit gefehlt. Es ist Caro Emerald , die Sängerin des Retro-Sommerhits „On a Night like This“, die diesen Eindruck erweckt: Schwarzes Ballkleid, durchsichtige Handschuhe, Federschmuck im Haar - irgendwie alles wie aus einer früheren Zeit.

Oder haben wir etwa noch nicht bemerkt, dass Morgen schon längst das Gestern im Heute ist? Der Soul-Hit ihres Debüts „Deleted Scenes from the Cutting Room Floor“ katapultierte die Niederländerin Emerald, immerhin studierte Jazzsängerin, weit hinauf in die Charts. Und lässt einmal mehr tief in die Seele einer Branche blicken, die erkannt hat, dass verstaubte Musik, die lange weggelegt erscheint, noch immer aktuell sein kann.

Während Amy Winehouse mit Drogen und Alkohol derzeit eher den schlechten Gewohnheiten denn den musikalischen Ergüssen der 60er Jahre frönt, macht Duffy einfach da weiter, wo sie sich von Erfolg belohnt fühlte: Ihr fluffiges „Well, well, well“ knarzt herrlich durch die Discoboxen der Großstädte. Und Aloe Blacc , der mit „I Need a Dollar“ auf die Herkunft der Soul- und Funkbewegung aus der armen schwarzen Arbeiterschaft verwies, imitiert im Video zu „Loving You Is Killing Me“ sogar den Tanzstil von vor mindestens vier Jahrzehnten.

Keiner dieser Künstler war zu der Zeit, in der ihre Musik wurzelt, geboren. Nicht der 27-jährige Benjamin Paul Ballance-Drew, besser bekannt als Plan B, der dieses wunderbare Motown-Stück „She said“ mit femininer Stimme dahingehaucht hat. Und auch die gerade gestern 23 Jahre alt gewordene britische Soulsängerin Adele („19“, „21“) nicht. Wenn man so will, trat sie Anfang des Jahres mit ihrem wuchtigen „Rolling in the Deep “ die nächste Retro-Welle los - und lieferte früh einen der Anwärter auf den Titel „Song des Jahres“. Die „Seasons of My Soul“ ihrer Landsfrau Rumer gingen indes ein wenig unter, vielleicht, weil nicht jedem Rezensenten vergönnt war, die Lieder der Singer/Songwriterin nachts in einer verrauchten Bar zu hören.

Dabei fragt man sich unweigerlich: Retro - was ist das eigentlich? Sind es schon Adele-Pony und Aloe-Blacc-Mütze, Pauken und Trompeten - oder steckt noch mehr dahinter? Immerhin gibt es Retro-Shorts, Retro-Möbel, Retro-Spiele, Retro-Getränke und sogar Retro-Tiere, bei denen eine Art Rückzüchtung zum Ursprung ihrer Rasse stattfindet. „Retro“ = „Rückwärts“: ein Gesellschaftsblick in die Vergangenheit sozusagen, um daraus Schlüsse für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen?

Retro-Phänomene treten oft dann auf, heißt es, wenn eine Generation erwachsen wird und sich Erinnerungen an ihre Jugend zurückkauft: Afri-Cola zum Beispiel.

Während Jennifer Lopez mit „Love“ den Lambada-Klassiker neu erfinden will und die Black Eyed Peas mit „The Time (Dirty Bit)“ den „Dirty Dancing“-Hit wiederaufleben lassen, scheinen Adele, Aloe und Co. als bewusst Gestrige irgendwie schon viel weiter. Weil sie mit Coolness und Selbstverständlichkeit agieren. Weil sie keine Zweifel an der Zeitlosigkeit guter Musik aufkommen lassen. Und: Weil sie rückwärtsgewandt ihrer Zeit voraus sind.

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