Nachrichten
Von wegen steifer Bock

Mittwoch, 15.06.2011, 18:06 Uhr

Ahlen / Frankfurt - „Das ist ein steifer Bock, der hat hier nichts zu suchen!“ Mit zarten 13 wurde Franz Wichmann , Judo-Schwergewicht aus Ahlen, mit dieser Botschaft seines damaligen Trainers beim JC 74 Ahlen förmlich überrollt. Zu steif, der Franz, der schon mit elf Jahren Feuer und Flamme war, am liebsten jeden Tag auf die Matte gegangen wäre? Nein, Mama und Papa Wichmann hielten dagegen, schickten ihren Bub weiter zum Training - zum Glück. Mit 14 kämpfte der heute 49-Jährige erstmals in der Seniorenklasse, bezwang gar seinen Coach. Der Beginn einer unglaublichen Karriere, die Wichmann am Samstag bei der Weltmeisterschaft in Frankfurt mit der Goldmedaille krönen will.

„Zu den Top fünf zähle ich mich schon“, sagt der Landwirt, der zudem in der präventiven Medizin tätig ist, selbstbewusst. „Aber auf den Polen und den Holländer muss ich aufpassen.“ Die Konkurrenz bei der WM ist groß, allen voran die internationale, das weiß Wichmann. Verstecken muss sich der Super-Schwergewichtler des JC Pelkum, der in der Altersklasse Ü30 M4 (45 bis 50 Jahre) antritt, darum nicht. Allein seine Erscheinung ist imposant: Bei 1,96 Meter Körpergröße bringt er stattliche 145 Kilogramm auf die Waage. Nicht selten finden sich die Gegner in seinem riesigen Schatten wieder - und auf der Matte.

Seine Erfolge kann er kaum mehr zählen. 2008 gelang ihm bei der Europameisterschaft in Sindelfingen der ganz große Coup. Nach Bronze in Prag 2007 holte er sich die Goldmedaille. „Ein unbeschreiblicher Moment, weil die EM ein echtes Heimspiel war.“ 2009 in Lignano (Italien) und 2010 in Porec (Kroatien) folgten nochmals zwei Bronzemedaillen. Nicht minder erfolgreich verliefen seine drei Weltmeisterschaften. 2008 in Brüssel und 2009 in Sindelfingen stand unterm Strich Bronze, 2010 in Budapest langte es zu Rang fünf. „Jetzt will ich Gold“, greift Wichmann nach Höherem.

Dass der ehemalige Bundesligakämpfer (JG Ibbenbüren) so erfolgreich ist, verdankt er auch seinem nimmermüden Ehrgeiz, seiner ungeheuren Disziplin. Mit 18 Jahren musste er sich nach dem frühen Tod des Vaters um den Hof und seine zehn Geschwister kümmern. „Eine völlig neue Lebenssituation“, erinnert sich Franz Wichmann, der irgendwie alles unter einen Hut brachte, nebenbei jeden Freitag zum Judo-Training ging. Damals nur einmal die Woche. Das langte, um mit 19 Jahren erstmals bei einem Turnier für die Nationalmannschaft des Deutschen Judo-Bundes (DJB) zu kämpfen. „Andere in meinem Alter haben locker 15 Stunden die Woche geschwitzt. Dafür hatte ich keine Zeit.“

Die erste Berufung in die nationale Auswahl endete aber nicht gerade erfreulich. Nach einem Disput mit dem ehemaligen Bundestrainer Albert Verhülsdonk wurde Wichmann gefeuert. „Ich hatte just meinen Kampf verloren, als irgendjemand auf mich einredete und mir keine schönen Dinge an den Kopf warf. Das war zu viel, ich feuerte zurück, ohne zu wissen, dass ich gerade den Nationaltrainer beschimpfte. Das erzählte mir wenig später ein Freund“, muss Ahlens Judoka noch heute über die Geschichte schmunzeln.

Seiner Karriere tat das keinen Abbruch. In seiner Zweitliga-Zeit in Pelkum blieb er gar fünfeinhalb Jahre ohne Niederlage. Kein Wunder, dass die Erstligisten reihenweise Schlange standen. Doch diesen Schritt machte Wichmann erst mit 35 Jahren, als er für fünf Jahre zu den Judo-Giants nach Ibbenbüren in die höchste deutsche Klasse wechselte. Ein echter Spätzünder könnte man meinen, der jetzt mit 49 Jahren noch mal zu Gold greift.

Optimal vorbereitet ist Wichmann auf jeden Fall. Den letzten Schliff hat er sich in der vergangenen Woche beim Trainingslager in Erlangen geholt. Zuvor hat er runde acht Wochen intensiv gearbeitet, um auf den Punkt genau fit zu sein. Bereits am Mittwoch machte sich das Ehrenmitglied des JSV Nippon zusammen mit seiner Lebensgefährtin Cornelia Platzeck auf den Weg in die Main-Metropole. „Wir packen das“, sagen beide im Brustton der Überzeugung. Es riecht nach Gold.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/232483?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F35537%2F594850%2F595168%2F
Nachrichten-Ticker