Artisten-Wunderkind Eike von Stuckenbrok
Außerhalb der Schwerkraft

Donnerstag, 28.07.2011, 00:07 Uhr

Eike ist gerade aufgestanden. Lässig schlappt er in Turnschuhen die pompöse Showtreppe in Münsters GOP-Varieté herunter und fährt sich durchs gewollt wirre Haar. „Sorry“, sagt er und blinzelt raus in den sonnenhellen Nachmittag, „normalerweise sehe ich die Stadt erst im Dunkeln.“ Klar, sein Tagesrhythmus ist anders als der „normaler“ 22-Jähriger. Während die am Arbeitsplatz sitzen oder die Hörsaalbank drücken, ackert Eike von Stuckenbrok für seine aktuelle Show und erklettert auf der Bühne im Akkord Schaufensterpuppen. Schlafen legt er sich dann meist erst, wenn die Sonne wieder aufgeht. Münster hat Glück, konnte das GOP-Variété doch das deutsche Artisten-Wunderkind für die Show „Dummy“ gewinnen. Noch bis September steht der Wahl-Berliner hier mit Unterhaltungskünstlern aus aller Welt vor bunt gemischtem Publikum. Berührungsängste kennt er nicht – manchmal kommen wildfremde Leute nach der Show in seine Garderobe und sagen: „Eike, das war toll eben, lass uns noch ’was trinken gehen.“ In einer solchen Nacht, in der das A­drenalin noch hoch war von der Show, traf er kürzlich auf Münsters Straßenfestival „Flurstücke“ Artistenkollegen aus Spanien. Die Welt des Varieté ist klein, und das ist gut so: Bietet sie doch ein Stück Heimat für Leute wie ihn, der für Monate des Engagements fern ist von Zuhause und damit von seiner Freundin. Einsam aber, sagt Eike, fühlt er sich nicht, „ich lebe und arbeite ja rund um die Uhr mit Menschen, die ich mag.“ Das enge Zusammensein mit ihnen stört ihn nicht, im Gegenteil – selbst, wenn er einen Film guckt, „muss ich mich sofort irgendwem mitteilen“. Glück im Leben und im Beruf, das ist etwas, das Eike nicht dem Zufall überlässt. „Man kann Glücklich-Sein vermehren“, sagt er, „indem man erst mal wahrnimmt, dass man es ist.“ Für ihn habe das mit Aktion und Reaktion zu tun. So könne man im Zimmer hocken und warten, dass was Tolles passiert. „So aber passiert nix.“ Auch, wenn er blutjung aussieht, an diesem Nachmittag kurz nach dem Aufstehen – Eike von Stuckenbrok weiß, wovon er spricht. Mit 14 Jahren verließ er sein Elternhaus in Brandenburg, um allein nach Berlin auf die Artistenschule zu gehen. „Das war ein großer Schritt, aber ich fand das cool“, erinnert er sich. Meine Eltern haben zu allem eine Meinung, die ich verstehen kann Dass seine Eltern – sie Lehrerin, er Architekt – ihn und seine Entscheidungen schon als Kind ernst nahmen, das habe ihm das Selbstbewusstsein gegeben, in schwierigen Situationen er selbst zu bleiben. Auf der Artistenschule zum Beispiel, die er vier Tage vor Ende schmiss. „Wir sollten da etwas tun, was mir gegen den Strich ging – und haben mir gedroht, dass ich den Abschluss nicht kriege, wenn ich mich weigere.“ Er blieb hart und wurde schließlich nicht in der Schule, sondern im Chamäleon, dem Berliner Varieté-Theater, geprüft. „Die Lehrer saßen un­ten, und ich stand oben auf der Bühne, da, wo ich für mein Engagement sowie gearbeitet hätte“, erzählt er. „Das war gut fürs Ego.“ Auch in seinen Shows weiß Eike, was er will. „Dummy“ ist ein Programm, das ihm von Regisseur Markus Pabst auf den Leib geschneidert wurde und sich aus Eikes eigener Akrobatik-Nummer mit einer Schaufensterpuppe entwickelt hat. Eike fühlt sich hier ernst genommen. „Das ist nicht immer so, wenn ich, als 22-Jähriger, daherkomme – und will 40-Jährigen sagen, wie Varieté heute funktioniert.“ Korsetts, Regeln, lästige Pflichten, all das ist für ihn generell schwer zu ertragen. „Steuern machen, Rechnungen schreiben“, lacht er, „da muss mir meine Freundin auf die Finger hauen.“ Eine Mischung aus leichter Unterhaltung­ und ernsteren, zwischenmenschlichen Themen zu machen, das ist, was ihn wirklich interessiert. „Die besten Dinge“, philosophiert er, „kommen aus dem Nichts, lassen sich nicht erzwingen, die fließen aus mir raus – und dann kriege ich das auch mit 40 Grad Fieber auf die Reihe.“ Durchhalten zu können, das wird von ihm und seinen Kollegen – die ja freiberuflich arbeiten – erwartet. So ist Marjorie Nantel, die als Dehnungskünstlerin in Münster gerade an seiner Seite spielt, im vierten Monat schwanger. Ihn selbst konnten mehrere Bänderrisse an den Füßen nicht von seiner Arbeit abhalten. Auch bei „Dummy“ gibt es für Eike kein Double – und kein Sicherheitsnetz. Deshalb ist seine Angst vor schlimmen Verletzungen verständlich. Dass ihm so etwas passieren könnte wie Samuel Koch, dem jungen Stuntman, der bei „Wetten dass?“ verunglückte und nun zur Bewegungslosigkeit verdammt ist: Bei dieser Vorstellung hebt Eike wortlos seinen Arm, auf dem sich eine dicke Gänsehaut gebildet hat.

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