Die Hungersnot am Horn von Afrika
Der Kreislauf des Elends: Millionen von Menschen suchen in Lagern Hilfe

Montag, 18.07.2011, 06:07 Uhr

Münster - Das Horn von Afrika ist eine vergessene Weltregion und die Dürre dort eine „stille“ Katastrophe: Nur wenige dramatische Bilder dringen zu den Nachrichtensendern durch - anders als große Erdbeben oder massive Fluten ist der Hunger in dieser Region eine schleichende, fast unsichtbare Entwicklung: Dabei sind Millionen Menschen von der Ernährungskatastrophe am Horn von Afrika betroffen. Es ist eine der größten humanitären Tragödien in einem der schrecklichsten Gebiete der Welt, in dem es besonders schwer ist, zu helfen.

Unicef-Sprecher Rudi Tarneden : „Es kommt hier fast alles zusammen.“ Die Wetterextreme sind ein Hauptgrund für die schlechte Ernährungslage. Es gebe seit zwei Jahren kaum Regen. Und wenn doch einmal Niederschläge fielen, dann so stark, dass Überschwemmungen schwere Zerstörungen anrichteten. „Die Lebensgrundlagen der Landwirte sind zerstört“, so Tarneden.

Dazu kommt seit Jahren der zermürbende Bürgerkrieg in Somalia. Wegen der Auseinandersetzungen können die Hilfsorganisationen im Süden dieses Landes nur eingeschränkt operieren. „Deshalb machen sich die hungrigen Menschen auf die Flucht. Sie suchen Hilfe in großen Camps, wo sie wenigstens notdürftig versorgt werden“, meint Tarneden.

Doch das werde immer schwieriger. Denn in einigen Lagern leben inzwischen so viele Menschen wie in einer Großstadt. Beispiel ist Dadaab in Nordkenia, das größte Flüchtlingslager der Welt, wo 400 000 Flüchtlinge zusammengepfercht sind - täglich kommen Hunderte dazu.

Die Mitarbeiter von Unicef erleben tagaus, tagein, was das bedeutet: „Die Menschen waren wochenlang unterwegs. Und hier kauern sie nun in extremer Hitze und Trockenheit zusammen, viele haben die Augen voller Staub von dem starken Wind“, berichtet Tarneden. Ein Drittel der Kinder seien mangelernährt. Selbst ein Zelt besäßen nur wenige.

„Der Hunger fällt oft erst auf, wenn es zu spät ist“, meint Tarneden. Hautkrankheiten, Untergewicht und eine Schwächung seien Anzeichen des Mangels.

Das Risiko, sich mit ansteckenden Krankheiten zu infizieren, sei im Lager extrem hoch. Unicef kümmert sich besonders um die Bereitstellung und Anwendung von therapeutischer Zusatznahrung. „Das ist angereicherte Milch, die geringer konzentriert ist. Denn die ausgehungerten Kinder sind nicht mehr daran gewöhnt, gehaltvolle Nahrung zu sich zu nehmen. Der Körper muss langsam wieder an Nahrung gewöhnt werden“, so Tar­neden.

In einem zweiten Schritt wird dann eine spezielle Erdnusspaste mit Milch verteilt, eine sehr nahrhafte Kost, die junge Kinder besonders gut vertrügen und die rasch für Zunahme sorge. Ausgegeben wird die Nahrung von geschulten Kräften in Ernährungszentren vor Ort.

Doch auch sauberes Wasser und die medizinische Grundversorgung sind riesige Probleme. Die Vereinten Nationen sprechen nicht ohne Grund von der derzeit größten Ernährungskrise der Welt.

Care ist bereits seit 1991 in Dadaab tätig und leitet die Bereiche Nahrung, Wasser und Bildung vor Ort. Flüchtlinge erhalten auch Matten, Eimer, Hygienepakete und psychologische Betreuung. Über 80 Prozent der Neuankömmlinge sind Frauen und Kinder, die auch häufig Gewalt und sexuelle Übergriffe erdulden mussten.

Hunger und politisches Chaos sind seit Langem ein Thema in der Region. Der Besuch von Angela Merkel in der vergangenen Woche war in der Region ein wichtiges Signal: „Das neue Afrika-Konzept der Bundesregierung spricht von einer Partnerschaft auf Augenhöhe. Aber das muss vor allem bedeuten, dass man seine Partner nicht aus dem Auge verliert“, erklärte der Hauptgeschäftsführer der Hilfsorganisation Care Deutschland-Luxemburg, Anton Markmiller. Die Ursachen der Krise, politische Instabilität, Armut, Wetterextreme, seien bekannt.

Deshalb müsse die Bundesregierung endlich Ernst machen mit einer vorausschauenden Unterstützung der Krisenregion. „Sonst nimmt dieser Kreislauf des Elends kein Ende.“

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