Streit bei „Humanitas“
Ausbeutung? Ehemalige Mitarbeiter klagen gegen Pflegedienst

Dienstag, 19.07.2011, 08:07 Uhr

Münster - Drei Mitarbeiter haben es nach rund zwei Jahren beim Pflegedienst Humanitas nicht mehr ausgehalten und gekündigt. Zwei von ihnen haben sich rechtlichen Beistand geholt, klagen vor dem Arbeitsgericht. „ Doppelschichten mit 18-Stunden-Tagen und nur zwei freie Tage im Monat waren keine Seltenheit“, wirft Krankenschwester Christine Pohl ihrem Ex-Arbeitgeber vor.

Die Humanitas-Geschäftsleitung will diese Vorwürfe nicht stehen lassen: Natürlich gebe es „Arbeitsspitzen“, räumt Geschäftsführer Oliver Aitcheson ein, insbesondere, wenn sich Mitarbeiter kurzfristig krank meldeten.

„Dass wir grundsätzlich und wissentlich zu wenig Personal einstellen“, so Aitcheson, sei nicht der Fall. Auch von den angeprangerten 18-Stunden-Arbeitstagen will man bei Humanitas nichts wissen: „Die Mitarbeiter haben nicht mehr als zehn Stunden gearbeitet“, sagt Kerstin Medding, die in Münster die Pflegedienstleitung hat.

Beratungsgespräche seien nicht bezahlt worden, Hauswirtschafterinnen bei Fällen eingesetzt, bei denen rechtlich eine Fachkraftpflicht bestehe, nennt Krankenschwester Pohl dagegen Vorwürfe gegen Humanitas.

Wer die Dienstanweisungen nicht befolgte, dem wurde mit Abmahnung gedroht.

Mitarbeiter hätten bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet. „Wer die Dienstanweisungen nicht befolgte, dem wurde mit Abmahnung gedroht.“ Mit Personalengpässen sei argumentiert worden, um Mitarbeiter aus dem Urlaub zurückzuholen.

Ihr ehemaliger Kollege Sebastian Ellerhorst wartet nach seinen Worten noch auf das Urlaubsgeld für 19 Tage. Und Krankenschwester Alexandra Burlage beklagt, dass eine gute Patientenversorgung angesichts der verheerenden Rahmenbedingungen nicht mehr möglich gewesen sei. „Humanitas ist schon lange nicht mehr human“, sagt sie und will sich an einen Notrufeinsatz erinnern, der bei der Pflegekasse abgerechnet worden sei, aber gar nicht stattgefunden habe.

Die Pflegedienstleiterin habe beim Eingang des Notrufs darauf verwiesen, dass eine Mitarbeiterin eineinhalb Stunden später bei der normalen Abendrunde vorbeikomme. In anderen Fällen seien Zivildienstleistende ohne fachliche Begleitung zu Notrufeinsätzen geschickt worden.

Nachdem Beschwerden der Mitarbeiter „in der Humanitas-Zentralverwaltung in Essen nichts halfen“, so Pohl, habe sie den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Westfalen-Lippe verständigt, der wiederum den Landesverband der Pflegekassen Westfalen-Lippe informierte.

Im vergangenen Jahr bereits seien bei gesetzlich vorgeschriebenen Überprüfungen von Humanitas in Münster einige Leistungskriterien nicht erfüllt worden, erklärt die Referatsleiterin Pflege beim Medizinischen Dienst, Dr. Barbara Gansweid. So seien etwa individuelle Wünsche zur Körperpflege nicht genügend beachtet worden, auf besondere Anforderungen von Demenzkranken sei nicht ausreichend eingegangen worden. Auch die Noten für pflegerische Leistungen insgesamt seien bei der letzten Überprüfung „nicht prickelnd“ gewesen, so Gansweid. Es musste nachgebessert werden.

Die Humanitas-Geschäftsführung verweist indes auf die allgemein schwierige Situation der Branche: „Wir haben einen Pflegefachkräftemangel“, beklagt Geschäftsführer Aitcheson. Zugleich stellt er fest: „Die alten Menschen warten auf uns.“ Von „permanenten“ Missständen will er, wie er sagt, keine Kenntnis haben.

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