Albumstreit
Jetzt streiten sie sich: Danke, Thees Uhlmann!

Samstag, 24.09.2011, 13:09 Uhr

Thees Uhlmann singt über Thees Uhlmann. Barbara Maas freut sich darüber und jubelt dem Ex-Tomte-Sänger zu. Carsten Vogel muss angesichts krummer Verse den Würgereiz unterdrücken. Ein Streit.

Barbara Maas: Er brennt und er wärmt

Nach längerer Zeit Freunde von früher wiederzutreffen, fühlt sich eigenartig an: Da ist Vertrautheit, Nostalgie und das Wissen, dass sich seit diesem „früher“ viel verändert hat. So klingt auch Thees Uhlmanns neues Album. 2006 sang er mit seiner Band Tomte die ganze Zeit von mir (und - okay - vielleicht auch von dir), heute solo von der Jugend im Dorf, vom Busfahren mit dem „Mädchen von der Kasse 2“, vom nicht besonders aufregenden Alltag im Erwachsensein: „Ich hab ein Kind zu erziehen, dir einen Brief zu schreiben und ein Fußballteam zu supporten.“

Das kann man schlicht finden, langweilig oder banal. Aber das ist das Leben manchmal auch. Wo die Musik-Maschinerie sonst oft manisch-depressive Extreme und die angeblich ganz großen Gefühle verkauft, glänzen in diesem Fall entspannt schnörkellose Rock-Songs, und die Melancholie in Uhlmanns Stimme tröstet immer noch wie ein Freund.

Die große Emphase, ein weltverändernder Musikkunstgriff fehlt Thees Uhlmann und seinen neuen Songs. Aber genau das macht sein Album zu einem Bekenntnis, das echt wirkt: So bin ich eben.

Tristesse und Alltag greifen mit grauen Klauen nach uns allen - aber dank Thees Uhlmann brauchen wir keine Angst mehr davor zu haben. Er kennt das auch, so singt er. Und verspricht: „Das Leben ist wie Feuer. Es brennt und es wärmt.“

Carsten Vogel: Die Krönung des Banalen

Kaum sieht man Thees Uhlmann auf dem Cover seines neuen Albums in einer Springsteen-Pose, schon krähen die Musikkritiker im Chor, er habe ein Boss-Album gemacht. Als Beleg muss ein Zitat im Lied „Römer am Ende Roms “ herhalten. Musikalisch und textlich hat das Debütalbum des Ex-Tomte-Sängers nichts mit dem US-Musiker gemein. Es gibt einen gewaltigen Unterschied. Beim Boss waren die Albumcover richtig missraten, aber die Musik war gut. Bei Uhlmann ist es genau andersherum.

Alles, was Tomte ausmachte, ist wie weggeblasen. Texte voller Andeutungen mit genügend Raum für eigene Interpretationen fehlen. Stattdessen: Aneinanderreihungen von Plattitüden und Peinlichkeiten. Da reimt sich „Widder“ auf „Zittern“, „gesehen“ auf „wunderschön“ und „komme“ auf „Sonne“.

Tomtes rotziger Indierock wurde einfach ersetzt durch poiselhaftes Popgedudel. Anbiedernd. Die Krönung des Banalen: Caspers monotoner Sprechgesang berührt peinlich. Sollte im Duden noch eine Erklärung für das Wort „Fremdscham“ fehlen, Uhlmann und Casper liefern sie in „Jay-Z singt uns ein Lied“.

Mit Tomte war Thees Uhlmann so cool wie sein Lieblingsverein St. Pauli . Solo ist er so tief gesunken wie derzeit der HSV: bieder, belanglos, blamabel.

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