Überfluss macht krank
Zehn Jahre Klinik für Psychosomatik / Viele Patienten haben Essstörungen

Münster -

Essstörungen gehören zu seinem Alltagsgeschäft. Seit zehn Jahren gibt es die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Domagkstraße. Ihr Leiter Prof. Dr. Gereon Heuft berichtet im Gespräch mit WN-Redakteur Günter Benning über die hohe Zahl essgestörter Kranker. Etwa 50 Prozent seiner Patienten leiden darunter, zu 90 Prozent junge Frauen.

Donnerstag, 01.12.2011, 19:12 Uhr

Der Advent ist die Hoch-Zeit der Kalorienbomben. Stollen, Lebkuchen, Festtagsessen – für Menschen mit Essstörungen muss das eine schlimme Zeit sein?

Heuft : Ja, es gibt Menschen mit Anorexie , also Magersucht, die enorme Angst haben, normal-kalorisches Essen zu sich zu nehmen. Sie fürchten das „Normalgewicht“, obwohl sie oft extrem untergewichtig sind. Wir reden von jungen Frauen, die bei 1,70 Meter Größe noch 38 Kilo wiegen. Übrigens für 20 Prozent von ihnen endet die Anorexie tödlich – eine Sterbequote wie bei kindlicher Leukämie.

Haben Essstörungen zugenommen

Heuft: Bei Anorexie gibt es eine leichte Zunahme. Aber die Bulimie und die Binge-Eating-Störung – bei der Menschen übermäßig essen, ohne gegenzusteuern – die nehmen offensichtlich zu.

Auch das Sozialverhalten ändert sich. Familien sind instabil, die Arbeit fordert Männer und Frauen. Hat das Auswirkungen auf Essstörungen?

Heuft: Studien zeigen, dass Essstörungen viele Ursachen haben. Wahrscheinlich spielt das Nahrungsmittelüberangebot eine Rolle. In der ehemaligen DDR hat es keine Bulimia nervosa gegeben – heute gibt es sie auch in Ostdeutschland. Dann ist aber auch ein Grund der Umgang mit dem Körper in unserer Gesellschaft – besonders mit dem weiblichen Körper. Übrigens nimmt das auch bei Männer zu, weil in Zeitschriften wie „Men‘s Health“ heute der männliche Körper thematisiert wird.

Früher gab es Cola in 0,3-Liter-Flaschen. Heute gibt es 1,5 Liter-Flaschen. Warum ist das so – und was bewirkt es?

Heuft: Einmal geht es um den Preis – man will preiswert sein. Aber manche Menschen – also etwa Binge-Eating-Patienten – schütten dann eben 1,5-Liter-Cola an einem Abend in sich hinein. Inklusive der dazugehörigen Menge Zucker. Hinzu kommt, dass es überall etwas zu essen gibt. Viele Patienten haben gar kein Gefühl mehr dafür, ob sie schon gegessen haben oder nicht. Der Essrhythmus ist völlig zerstört.

Früher aß man zu festgelegten Zeiten. Auf dem Land klingelte mittags sogar eine Glocke dafür. Heute ist das in den Familien anders?

Heuft: Ja, es gibt keinen Essrhythmus mehr. Wir stellen sogar fest, wenn junge Patienten am Wochenende nach Hause kommen, zur Belastungserprobung, dann haben sie unglaubliche Schwierigkeiten. Wann aufgestanden wird, wann gebruncht wird, wann es Kaffee gibt – da gibt es praktisch keine festen Regeln mehr. Das funktioniert für die Patienten nur, wenn sie sich einen ganz eigenen Rhythmus aufbauen.

Was bewirken die zahlreichen Körpervorbilder in den Medien?

Heuft: Die Überflutung mit körperbezogenen Bildern – wo Kleidung in der Werbung mehr auszieht als verhüllt – führt zu einem dauernden Vergleich. Für eine junge Frau ist das ein hochsensibles Thema. Sich immer mit diesen Bildern zu vergleichen, ist eine schwierige Herausforderung. Bulimie- und Binge-Eating-Patientinnen schwingen oft zwischen Diäten – es gibt etwa 500 auf dem Markt – und Essanfällen. Immer geht es ums Selbstwertgefühl und um Selbststeuerung. Sie wollen sich selbst modellieren.

Gibt es eine Beziehung zwischen schulischem und privatem Leistungsdruck und Essstörungen?

Heuft: Man geht von einem Zusammenhang aus. Der Druck von den Eltern – zumal, wenn sie beruflich erfolgreich sind – ist oft erheblich. Es gibt Eltern, die leben in einer Illusionswelt, was ihre Kinder betrifft. Sie erwarten noch mehr Leistungen als sie selbst schon erbracht haben.

Wir erleben gesellschaftliche Veränderung wie die Auflösung der traditionellen Familie. Welche Auswirkungen wird das in Zukunft haben?

Heuft: Ich befürchte größere Auswirkungen. Der Selbstwertdruck nimmt immer weiter zu, weil Menschen sich immer aufgefordert fühlen, sich in ihrem Leben zu verwirklichen. Was immer das auch meint.

Die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie feiert am Mittwoch (7.12.) um 19.30 Uhr ihr Jubiläum im Hörsaal S8 des Schlosses. Prof. Dr. Martina de Zwaan (Hannover) spricht über Behandlungsstrategien bei Anorexie.

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