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Machtwille im Maßanzug

Donnerstag, 19.01.2012, 16:01 Uhr

Seine Geheimakten, die er über US-Präsidenten und Mächtige des öffentlichen Lebens anlegte, wurden nie gefunden, sein Patriotismus artete in Paranoia gegen Andersdenkende aus, und sein Spürsinn ließ ihn früh die Bedeutung von Spurensicherung am Tatort erkennen. J. Edgar Hoover , Gründer und Leiter der Bundes- und Strafverfolgungsbehörde FBI , wird in Clint Eastwoods kluger und komplexer privater und politischer Biografie „ J. Edgar “ als Mann mit Widersprüchen porträtiert und in einer Meisterleistung von Leonardo DiCaprio dargestellt.

Der läuft in dem fünf Jahrzehnte umfassenden Biopic zu Höchstform auf, wenn er den Mann, der acht Präsidenten diente und die kriminaltechnische Entwicklung revolutionierte, in seiner Größe und in den Charakterschwächen imposant, bemitleidenswert und abstoßend spielt. Er ist der vitale Gründer des FBI, das 1920 noch Bureau of Investigation hieß und sich gegen Polizei und Kongressabgeordnete durchsetzen muss. Er ist der Mann im Maßanzug mit Machtwillen, der systematisch Daten sammelt und katalogisiert und Gangster wie John Dillinger von seinen Agenten, den G-Men, zur Strecke bringen lässt.

Auf der politischen Ebene ist Hoover wie Senator Joseph McCarthy, den er als Opportunist verachtete, der Kommunistenjäger, der Anarchisten jagt und für ihre Deportation sorgt. Hoover ließ den Bürgerrechtler Martin Luther King abhorchen, schreckte andererseits vor Richard Nixons Überwachungsmethoden zurück.

Clint Eastwood erzählt die Geschichte Hoovers in immer erkennbaren Rückblenden, die in der Zeit springen. Den Rahmen bildet die (fiktive) Biografie, die er gegen Ende seines Lebens einem Agenten in die Schreibmaschine diktiert. Mit diskretem Humor schildert Estwood Hoovers Beziehung zu seiner treuen Sekretärin (Naomi Watts), mit viel Sensibilität seine starke Bindung an die Mutter (Judi Dench) und seine lebenslang unterdrückte Homosexualität in der Beziehung zum stellvertretenden Direktor Clyde Tolson (Arnie Hammer).

Einen großen Teil nimmt der Fall der Entführung und Ermordung des Babys von Charles Lindbergh (Josh Lucas) ein, den das FBI löste. Das gespaltene Verhältnis Hoovers zu Robert Kennedy (Jeffrey Donovan, „Burn Notice“) kommt ebenso vor wie seine Leidenschaft für Rennpferde. Wer sich für amerikanische Geschichte und Mentalität interessiert, sollte „J. Edgar“ auf keinen Fall verpassen.

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