Fleißiges Lieschen legt Hausmütterchen-Image ab
Do it yourself

Münster -

Die kalte Jahreszeit hat uns gefangen und damit auch die Zeit, die man gerne in warmen Strümpfen unter einer Decke daheim verbringt. 

Freitag, 24.02.2012, 15:02 Uhr

Ungeliebte Stricksocken von Oma, peinliche Häkelmützen von der Tante, kratzige Wollpullover von Mama – das einstige Hausmütterchen-Image hat in den letzten Jahren einen stillen Wandel durchlaufen. Was seinerzeit geächtet wurde, ist heute Kult. Die Szene des fleißigen Stricklieschen und emsigen Heimwerkers hat unterdessen schon einen eigenen Namen - Do it yourself (DIY). Auch in Deutschland findet diese Bewegung immer mehr Anhänger.

Das, was vor Jahren mit Omas Handarbeitskursen begann, füllt dank einiger Internetplattformen wie zum Beispiel Dawanda und Etsy heute einen eigenen Markt mit Neo-Handwerkern. Der Marktplatz für Unikate wurde zu einem weit vernetzten Industriezweig, für den man kein Designstudium braucht. Kreative können mit der Mangelware à la „handgefertigt“ und „mit Liebe zum Detail“ ihre Individualität ausdrücken. Unzählige Strick-Cafés, Kreativblogs und Foren geben Ratschläge, Hilfestellungen und stellen Schnittmuster und Nähanleitungen vor. Regelmäßig findet dazu in Münster der Design-Gipfel statt - eine Börse, die jungen Designern und Kreativen eine Plattform bietet, auf der sie ihre Produkte verkaufen können.

Die Nachfrage ist groß, da der gesellschaftliche Wunsch nach Individualität aus einer Nische einen Trend hervorgebracht hat. Produzieren statt konsumieren, heißt die Devise. Die Marke Eigenbau kennt keinen Halt mehr - egal ob beim Sägen, Bohren, Streichen, Stricken, Häkeln und Nähen. „Bei uns verkaufen neben hauptberuflichen Designern auch Hausfrauen, die einfach Spaß an ihrer Arbeit haben und einen Ausgleich zur täglich monotonen Arbeit wollen.“, so Katrin Linnemann , Mitinhaberin von Jippieh, einem Geschäft für Unikate und Kleinstauflagen in Münster.

Do it yourself - Handarbeit legt Hausmütterchen-Image ab

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  • www.jippieh-design.de, Aegidiistraße 61 in Münster

    Foto: www.jippieh-design.de
  • www.jippieh-design.de, Aegidiistraße 61 in Münster

    Foto: www.jippieh-design.de

Neben dem Wunsch nach Individualität ist Nachhaltigkeit ein wichtiger Aspekt für die Bastler. Lars Wittenbrink , Mitinhaber von "gruene wiese" aus Münster, einem Laden für stylishe öko-faire Kleidung, erklärt sich das Interesse so: „Wir wollen zeigen, dass gutes Design und eine ethisch anständige Produktion vereinbar sind. Bei uns angebotene Sneakers werden komplett in Brasilien gefertigt, inklusive der Materialien." Selbst der Naturkautschuk werde von Indigenen im Regenwald geerntet, also ohne Monokulturplantage. Es sei nicht handgemacht, aber eine interessante Kombination aus modernem Design und traditionellen Produktionsweisen, so Wittenbrink. Er glaubt, dass ein neues Interesse an Qualität gewachsen sei, was aber nicht ökologisch motiviert sei. Der Wunsch nach Individualität gebe der ökologischen Bedeutung eine gute Chance.

Nebenan verkauft Ina Hinzke, Geschäftsführerin von "Gedöööns", Kleinserien an Accessoires rund ums Wohnen. Sie sind teils fair gehandelt, teils aus sozialer Produktion in Deutschland und teils handgemacht von Designern. „Leute zeigen verstärkt Interesse an recycelten, nachhaltigen und fair produzierten Produkten, die nicht von der Stange kommen“, so Hinzke.

Aber woher kommt der Wunsch nach Individualität und Exklusivität in Zeiten der Weltwirtschaftskrise? Handarbeit hat ihren Preis, und ein Schal von H&M kostet fast weniger als ein Knäul Wolle. Und ein Knäul Wolle ist noch lange kein fertiger Schal. „Falsch“, sagt Linnemann. Auch bei ihnen gebe es preiswerte Kleidung zu erwerben. Einige T-Shirts würden genauso viel wie zum Beispiel bei s.Oliver oder Esprit. Wobei wir mit den Preisen von H&M natürlich nicht konkurrieren könne. "Aber es geht unseren Kunden vermehrt darum, sich etwas Ausgefallenes zu leisten. Dinge, die das Leben schöner machen, an denen wir uns im Alltag erfreuen können, oftmals als Geschenk oder für sich selbst", erklärt Linnemann.

Der DIY-Gedanke hat ganz unterschiedliche Gründe: Ist er für die einen ein Pendant der Punkszene – bestehend aus Selbstdarstellung, kritischer Hinterfragung von Konsumhaltung, globalisierter Gleichmacherei der Modeketten und Anti-Establishment, ist er für andere schlicht die Liebe zur Nostalgie. „Durch die vielen Ketten fehlt den Menschen die Individualität - ein eigener Stil. Sie wünschen sich Produkte in kleinen Auflagen und wollen im Sommer nicht wie jeder vierte mit den gleichen gemusterten Shirts rumlaufen“, so Linnemann.

Aber natürlich gibt es auch die, die diese Art der Individualität als sinnlose Zeitverschwendung ansehen. Vorneweg und lauthals singend der Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow: „Was du auch machst, mach es nicht selbst. [...] Was du auch machst, sei bitte schlau, meide Marke Eigenbau“. Die Gesellschaft hat aber den Wunsch nach Selbstverwirklichung und während von Lowtzow seine Individualität in Texten ausdrückt, die er mit oder ohne Omas gestrickte Socken daheim textet, wird der Boom um die Marke Eigenbau und das ökologische Verständnis weiter zunehmen.

Die kalten Temperaturen werden uns noch etwas begleiten und wem jetzt die Finger kribbeln, kann sich auf dem Deutsch-Holländischen Stoff- und Tuchmarkt am kommenden Sonntag, den 26.02., ab 11:00 Uhr, auf dem Hindenburgplatz inspirieren lassen, oder durch die warmen Räumlichkeiten von Jippieh, gruene wiese, Gedöööns und Co. schlendern.

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