Ahnenforschung ist mehr als ein Hang zu Nostalgie
Reise in Uropas Welt

Viele Menschen blicken vor allem in die Zukunft, doch auch ein Blick in die Vergangenheit kann sich durchaus lohnen: Ida Prenger Berninghoff aus Ostbevern erforschte die Geschichte ihrer Familie und machte dabei eine Reise in längst vergessene Zeiten. Bis ins Jahr 1450 verfolgte sie die Spuren ihrer bäuerlichen Vorfahren – und steckte mit ihrer Leidenschaft für die Ahnenforschung auch noch die nachfolgenden Generationen an.

Sonntag, 24.06.2012, 14:06 Uhr

Wirklich einsam fühlt man sich im Wohnhaus der Ostbevener Familie Prenger Berninghoff nie: Aus zahllosen Bilderrahmen blicken sie in den Raum, die vielen Vorfahren der jetzigen Bewohner – die meisten von ihnen bereits ergraut, manchmal gezeichnet von der harten Arbeit auf dem Bauernhof. Andere stehen in der Blüte ihres Lebens, fotografiert am Tag ihrer Trauung oder Taufe.

„Das hier ist das älteste Bild, das wir besitzen“, sagt Ida Prenger Berninghoff und zeigt auf eine ziemlich dunkle, sorgsam gerahmte Fotografie in der Diele. Der Abgebildete erinnert wage an Abraham Lincoln – und tatsächlich hatten Gerhard Prenger und der einstige amerikanische Präsident nicht nur einen ähnlich gestutzten Bart: sie lebten auch ungefähr zur selben Zeit: „Er war der Ururgroßvater meines Mannes“, sagt Ida Prenger Berninghoff. „Gelebt hat er von 1828 bis 1882. Als er fotografiert wurde, war er wohl in seinen Fünfzigern.“

Gezählt habe sie die vielen Vorfahren nie, denen sie im Laufe ihrer oft mühsamen Ahnenforschung ,begegnet’ ist. Und auch die Geburts- und Sterbedaten kenne sie in den meisten Fällen nicht auswendig. Aber darum geht es der 79-jährigen Bäuerin im Ruhestand auch gar nicht – zumindest nicht in erster Linie: „Mich interessiert viel mehr, wie die Menschen damals auf unserem Hof gelebt haben“, sagt sie, „welche Schicksalsschläge sie zu erleiden hatten.“ Und natürlich gehe es ihr auch darum, „das Familienerbe zu bewahren“, die „Vergangenheit lebendig zu halten“ – ein „Faible“, das schon ihre Mutter gehabt habe: Die sammelte alles, was Aufschluss über die Familiengeschichte geben konnte – zum Beispiel Totenbriefe und -zettel, alte Zeitungsartikel und vieles mehr.

So begann Ida Prenger Berninghoffs Reise in die Vergangenheit mit der sorgfältigen Bestandsaufnahme des Prengerschen Privatarchivs: „Alle Akten der Familie lagen in einem alten Sekretär, den meine Schwiegermutter immer in ihrem Schlafzimmer stehen hatte“, erinnert sie sich. „Sie hätte die Sachen gern selbst durchgearbeitet, aber dafür hatte sie keine Zeit. Erst hat meine Schwiegermutter geheiratet, dann kamen neun Kinder. Außerdem war da die ganze Hofarbeit – sie hat es einfach nicht mehr geschafft.“

Auch die Schwiegertochter musste erst das Alter des Ruhestands erreichen, um Zeit für ihr „Faible“ zu finden: „Ich habe den Sekretär geöffnet und die Dokumente nach Jahreszahlen geordnet und übersetzt“, sagt Ida Prenger Berninghoff. „Das konnte ich, schließlich habe ich ja noch die alte Sütterlinschrift gelernt.“ Anschließend habe sie alles in den Computer getippt. „Besonders die alten Briefe, Testamente, Verträge oder Notizbücher nehme ich immer mit großer Hochachtung in die Hand“, sagt sie. „Hochachtung vor den Menschen, die sie hinterlassen haben.“

Doch so ganz ließen sich die Rätsel der Vergangenheit von zu Hause aus nicht lösen: Mehrere Male habe sie im Zuge ihrer Recherchen Archive aufgesucht, erinnert sich die Hobbyforscherin – vor allem bei der Suche im Bistumsarchiv sei sie fündig geworden. „Man muss sich eben nach und nach rantasten“, beschreibt sie ihre Suche.

Denn manchmal gleicht die Ahnenforschung einem Stochern im Nebel. Das weiß auch der Münsterische Historiker Roland Linde, der die Familienforschung auf der Grundlage der von Ida Prenger Berninghoff gesichteten Dokumente weitergeführt und aus den Ergebnissen schließlich ein Buch gemacht hat: die Chronik „Hof Prenger in Emsdetten“. Denn dort, in Emsdetten, liegen die Wurzeln des erst 1975 nach Ostbevern umgesiedelten Bauernhofs. Die Chronik wurde pünktlich zum 80. Geburtstag von Josef Prenger Berninghoff fertig. „Das war eine Überraschung für mich“, erinnert sich der Hausherr.

„Schwierig wird es immer dann, wenn die Quellen sehr weit verstreut sind“, sagt Linde, der auch Geschäftsführer der „Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung“ (WGGF) ist. „Dann muss man zum Beispiel über die Adelsarchive gehen. Der Hof ist ja im Laufe der Jahrhunderte durch ganz verschiedene Hände gewandert.“ Aber der Gang durch die Archiv-Regale hat sich auch in diesem Fall gelohnt: Bis zum Jahr 1450 konnten Roland Linde und Ida Prenger Berninghoff die Geschichte des Hofes zurückverfolgen. „Das ist ein ansehnliches Ergebnis“, sagt Linde, der schon ein gutes Dutzend Chroniken erarbeitet hat.

Mögliche Quellen

In der Regel kann man die Ahnentafel bis etwa 1700 zurückverfolgen. Soweit reichen die Kirchenbücher zurück, eine der wichtigsten Quellen. In Münster wird man vor allem im Bistumsarchiv, Georgskommende 19, fündig.

Auch das Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen (Bohlweg 2) kann hilfreich sein. Eine zentrale Internetseite bei der Suche nach dem richtigen Archiv ist www.archive.nrw.de .

Ab circa 1875 wurden Personenstandsdaten auch von den Standesämternerfasst. Sie sind ebenfalls eine Fundgrube für Familiengeschichtsforscher.

Zusätzlich gewähren Armeeverzeichnisse und Passagierlisten von Schiffen, die deutsche Auswanderer in ihre neue Heimat brachten, oder andere historische Zeugnisse Einblicke in die Welt der Vorfahren.

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Den Wunsch, die Wurzeln der eigenen Familie Stück für Stück zurück zu verfolgen, kann der Historiker gut verstehen: „Es ist ja etwas ganz Besonderes, den eigenen Namen in uralten Dokumenten zu finden“, sagt er. „Das ist schließlich nicht irgendwer, von dem ich da lese. Das ist zum Beispiel mein Ururgroßvater.“

Spannend (und bisweilen sogar etwas unangenehm) werde es dann, wenn die Vorfahren nicht nur mit Heldentaten von sich reden gemacht hätten: „Manchmal erfährt man, dass jemand aus der eigenen Familie auffällig wurde und in Prozessakten auftauchte, weil er Abgaben nicht zahlte oder aus anderen Gründen vor Gericht erscheinen musste.“

Doch oft ist es viel mehr als nur die Neugier oder ein Hang zur Nostalgie, der die Hobby-Familienforscher auf den Dachboden und in die Archive zieht: „In der letzten Zeit kann man gerade bei den Landwirten einen Trend zur Rückbesinnung beobachten“, sagt Linde. „Erst stand die Modernisierung der Höfe im Vordergrund, die Spezialisierung, das wirtschaftliche Überleben.“ Inzwischen werde das Interesse an den eigenen Wurzeln wiedererkannt, am „Erbe als Kapital“.

Mehr noch: Gerade Familien, die in der Landwirtschaft tätig sind und in früheren Zeiten einen besonders großen Zusammenhalt pflegten, spüren heute deutlich die Veränderungen der Moderne, die Brüche, die sie mit sich brachte. Rückbesinnung und Bewahrung des Familienerbes werden da nicht selten zum Bedürfnis: „Früher wurde die Verwandtschaft noch mehr gepflegt als heute“, sagt Ida Prenger Berninghoff. „Damals blieben die Nachkommen meist auf dem Hof, heute erlernen sie andere Berufe und gehen irgendwann fort. Da ist es wichtig, dass man zusammenhält, dass das Familienerbe gepflegt wird.“

„Bis etwa zum Zweiten Weltkrieg war die Gesellschaft noch mehr oder weniger statisch angelegt“, bestätigt Dr. Wolfgang Bockhorst, stellvertretender Leiter des LWL-Archivamtes für Westfalen. „Man blieb in derselben Stadt, übte meist denselben Beruf aus wie die Eltern, befolgte bestimmte Regeln bei der Heirat – zum Beispiel, dass man derselben Religion oder sogar Konfession angehörte.“ Durch den Krieg, die damit verbundene Vertreibung, die Freizügigkeit in Europa und andere Faktoren habe sich das Bild dann gewandelt, seien viele Familien auseinandergerissen und in weit entfernte Gegenden verstreut worden. „Viele Menschen merken heute: Meine Wurzeln liegen ja gar nicht in Münster, sondern ganz woanders.“

Dass das Interesse an der Vergangenheit inzwischen groß ist, zeigt sich zum Beispiel auch bei der Tagung der dem LWL-Archivamt angeschlossenen „Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung“. Jedes Jahr im März können sich Interessierte in Altenberge über das Know-How der Ahnenforschung informieren. „Wir helfen ihnen dort ein wenig auf die Sprünge“, sagt Bockhorst.

Erfahren können angehende Familienforscher dann zum Beispiel, dass ein Besuch im richtigen Archiv von unschätzbarem Wert sein kann: Spuren der Familiengeschichte finden sich unter Umständen in bereits erwähntem Bistumsarchiv an der Georgskommende in Münster oder im Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen (siehe auch Infokasten auf S. 7). „In den Archiven sollte man sich direkt an die Mitarbeiter wenden“, sagt Bockhorst, „am besten mit einer konkreten Frage. Oft gibt es ja mehrere Möglichkeiten, eine Quelle zu interpretieren.“

Für Ida Prenger Berninghoff und ihre Familie hat sich die Suche nach den eigenen Wurzeln auf jeden Fall gelohnt. Nicht allein, dass ihr Wissen über die Vergangenheit jetzt um ein Vielfaches größer ist als vor Erstellung der Chronik: Auch die nachfolgenden Generationen wurden schon vom Genealogie-Virus angesteckt. „Meine Enkelin Friederike – sie lebt übrigens in der 20. Generation seit der Ersterwähnung des Hofes – zeigt auch schon Interesse an der Ahnenforschung“, sagt die Oma.

Und Tochter Reinhild ist sehr dankbar dafür, dass ihr das Sichten, Ordnen und Digitalisieren der vielen Akten und Urkunden erspart blieb: „Ich habe zwar auch Interesse an der Ahnenforschung“, sagt sie, „bei der vielen Arbeit auf dem Hof hätte ich aber gar keine Zeit dafür. In zwei Generationen fangen wir dann wieder neu damit an.“

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