Aschenbrödels Welt
Mittelalter-Partys und Filmrecherchen: Kathrin Miebach und der Weihnachtsklassiker

Kathrin Miebach ist eine Frau, die gewiss nicht auf den Mund gefallen ist und einen Saal voller Menschen charmant unterhalten könnte. Bei ihren „Aschenbrödel“-Recherchen ist sie jedoch ganz anders. „Absolut schüchtern“, sagt sie, „und kaum in der Lage, eine vernünftige Frage zu stellen.“

Dienstag, 25.12.2012, 12:12 Uhr

Das ist kein Widerspruch. Der 39-Jährigen bedeutet der Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ so viel wie anderen Leuten die Sicherheit von Omas Erbe.

Genau genommen noch viel mehr: Aschenbrödel ist ihr Vorbild, seitdem sie den Film zum ersten Mal gesehen hat. Heute organisiert die Berufsschullehrerin aus Meschede Aschenbrödel-Partys, pflegt die bekannteste Website zum Film und recherchiert Legenden und Fakten.

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist längst ein Weihnachtsklassiker . Fast jeder Regionalsender strahlt ihn mindestens einmal während der Feiertage aus und darf mit ordentlichen Einschaltquoten rechnen. In diesem Jahr ist die sich frei um das Grimmsche Märchen rankende Geschichte sechsmal Heiligabend , zweimal am Ersten Weihnachtstag und viermal am zweiten Feiertag zu sehen.

Kathrin Miebach wird sie sich Heiligabend ansehen. „Wie immer, wenn wir den Baum schmücken.“ Im Grunde genommen müsste sie gar nicht mehr auf den Bildschirm schauen. Sie kennt ohnehin jede Bewegung und jeden Satz. Und wenn Aschenbrödel sich der gemeinen Stiefmutter widersetzt und in den Stall zu ihrem Pferd Nikolaus geht, wird sich die Sauerländerin wieder daran erinnern, was sie als Kind bei dieser Szene gedacht hat. „Kaum ist die Stiefmutter weg und, zack, sitzt sie auf ihrem Pferd. Ich habe das als Kind immer sehr bewundert.“

Vielleicht wird sie auch ihren Verlobungsring vom linken Ringfinger ziehen und wieder einmal lesen, was ihr Mann in den schmalen Reif hat gravieren lassen. „Wenn du mich willst.“ Die Worte des Prinzen, der seine selbstbewusste Braut schüchtern fragt, ob sie ihn heiraten will. Für ein Märchen ist so eine Frage eine Art Revolution. Prinzen fragen ihre künftigen Prinzessinnen nicht, ob sie sie heiraten wollen. Sie heiraten einfach – basta.

„Mit fünf oder sechs Jahren habe ich den Film zum ersten Mal gesehen und wollte seitdem so sein wie Aschenbrödel.“ Jahre später organisierte sie mit ihrer Schwester eine Aschenbrödel-Party. Die erste ihres Lebens und die enttäuschendste. „Ich hatte mir an Mutters Nähmaschine ein Kleid zusammengenäht.“ Auf dem Tisch vor dem Fernseher lagen Haselnussplätzchen vor den Gastgeberinnen in bauschigen Kleidern. Die Gäste erschienen unkostümiert und werden sich den ganzen Abend über gefragt haben, was die Schwestern denn genau bezweckten.

Dabei war das so naheliegend: Sie wollten sich wie Aschenbrödel fühlen. Mutig, unbezwingbar und schön anzusehen in romantischen Kleidern.

Die Faszination für den Film ließ Kathrin Miebach nie los, sie klebte an ihr. Nach dem Fall der Mauer reiste sie mit ihrem Mann zum Schloss Moritzburg, dem wichtigsten Drehort für den Märchenfilm, und sog alles in sich auf. Das weiße Schloss, in dem heute eine Dauerausstellung zum Film zu sehen ist, die Wiesen, das benachbarte Gestüt. „Ich habe nach Bildern gesucht, die ich aus dem Film kannte“, erzählt sie. Und das waren etliche. Die Lehrerin fragte Menschen im Umfeld des Schlosses, ob sie sich an die Dreharbeiten im Jahr 1973 erinnern und ahnte schon damals, dass nicht alles wahr sein konnte, was ihr berichtet wurde. Doch das spielte keine Rolle. Märchenfilme dürfen Märchenerzählungen provozieren.

Bald danach reiste das Paar zu den Prager Studios, in dem Kathrin Miebach den Kleiderfundus vermutete. „Ich hätte mich da niemals reingetraut.“ Doch ihr Mann stupste sie an. Wozu waren sie schließlich nach Tschechien gereist? „Ich habe nach ,Drei Haselnüsse für Aschenbrödel‘ gefragt. Mehr konnte ich nicht auf Tschechisch.“ Das „Trivrisky pro popelku“ reichte – die beiden gingen durch einen Seiteneingang, wiederholten ihre Stichworte und gelangten in den Kostümfundus. „Dass das alles noch da war, hat mich begeistert“, sagt sie und grinst, weil sie an die Frau denken muss, die ihr das gewaltige Kleid von Kleinröschen zeigte, getragen auf dem Ball des Prinzen. Mit den Armen formte sie den Körper seiner wuchtbrummigen Trägerin nach. Alles klar: Kleinröschens Abendrobe. Wie nett.

In Leipzig hat Aschenbrödels treueste Zuschauerin den Regisseur kennengelernt und fühlte sich wieder wie ein kleines schüchternes Mädchen. Glücklicherweise musste sie ihn nicht viel fragen. Vaclav Vorlicek erzählte von sich aus von den Dreharbeiten, die vom Sommer auf den Winter verlegt wurden und die Aschenbrödel-Schauspielerin zwangen, mit leichten Kleidern bei minus 25 Grad durch den Schnee zu reiten. Er amüsierte seine Zuhörerin mit Geschichten über den treuen Freund Vincent, der anders als die anderen in der Schlussszene nicht seinen Hut in die Luft fliegen ließ. „Er soll total betrunken gewesen sein, weil er am Vorabend mit einigen Statisten sämtliche Rumvorräte geplündert hatte. In der Schlussszene mussten sie ihn festhalten.“ Für Fans werden solche Episoden zu wertvollem Wissen.

Einmal im Jahr organisiert Kathrin Miebach ein Aschenbrödel-Fest im Sauerland. Mit 50 oder 60 Gästen darf sie immer rechnen. Enthusiasten so wie sie, die es lieben, romantische Kleider mit Miedern und weit fallenden Röcken zu tragen. Nachmittags üben sie ihre Tänze, tafeln im Schein von Messingleuchtern, sehen den Film und veranstalten ein Quiz. Fragen nach dem Namen der Eule verbieten sich. Den kennt ohnehin jeder. Da sind Quizfragen nach dem Schauspieler, der den ersten Satz spricht, oder dem schweren Gegenstand in Aschenbrödels Dachkammerversteck schon reizvoller.

Später am Abend tanzen die Gäste ihre Aschenbrödel-Reihentänze. Die Frauen im Mieder, die Männer in Strumpfhosen – und fühlen sich so beschwingt wie Aschenbrödel und ihr Prinz.

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