„I Told You So“-Sängerin Leslie Clio im Interview
Das neue Gesicht des Soul

Münster - Ihren Stil beschreibt sie als modernen Soul-Pop mit einem Touch Retro: Die in Berlin lebende Leslie Clio landete mit ihrer Debüt-CD „Gladys“ direkt auf Platz 11 der Album-Charts. Über ihren Senkrechtstart im Musikgeschäft sprach die 26-jährige Sängerin, die Ende April in Münsters Gleis 22 gastiert (ausverkauft), mit Anne Koslowski.

Freitag, 15.03.2013, 07:03 Uhr

„I Told You So“-Sängerin Leslie Clio im Interview : Das neue Gesicht des Soul
Leslie Clio, Jahrgang 1986, wuchs bei ihrer Mutter, mit der sie viel reiste, in Hamburg auf. Foto: Kate Bellm

Deine Konzerte sind alle ausverkauft. Die Spielstätten sind aber auch sehr klein. Warum habt ihr euch für so kleine Locations entschieden?

Wir gehen im Herbst erneut auf Tour und dann spielen wir auch in größeren Hallen. Ich bin ja noch Newcomerin. Im Studio bin ich zwar ein alter Hase, aber live haben wir als Band noch nicht wahnsinnig viel gespielt. Deswegen ist es gesünder, wenn sich das organisch entwickeln kann und klein anzufangen. Wir spielen nicht seit Jahren zusammen und wurden als Band entdeckt. Sondern es ist alles noch neu, so dass man das jetzt gemütlich auf einer kleinen Tour einspielt und eine gute Zeit hat. 

In welcher Konstellation seid ihr unterwegs?

Insgesamt sind wir zu fünft. Vier Berufsmusiker kommen mit mir auf Tour. Ein Keyboarder, der auch Gitarre spielt, einer, der die Tasten drückt und auch E-Gitarre mal spielt sowie ein Drummer. Das ist aber auch noch nicht so festgelegt. Wir müssen jetzt erstmal gucken, wer welche Parts übernimmt. 

Du bist bislang nur als Vorband getourt, aber nicht alleine als Haupt-Act. Macht dich das nervös?

Nö, gar nicht. Deswegen proben wir intensiv vor der Tour. Und deswegen ist die Tour auch so klein, damit man gesund und organisch wächst. 

Wie viel Bühnenerfahrung hast du? 

Ich habe mein Leben lang Theater gespielt und immer im Chor die Soloparts gesungen, insofern stand ich schon viel auf Bühnen, aber nicht mit Band als Leslie Clio-Performance. Das hat sich erst nach Fertigstellung der Platte entwickelt. Ich habe vorher mit Gitarristen kleine Konzerte gegeben, aber keine Shows mit meiner Musik. 

Was war das beste für dich, als Vorband von den jungen Soul-Musikern Michael Kiwanuka und Joss Stone zu touren? 

Reine Bühnenerfahrung hat mir das gebracht. Das allererste Mal war genau vor einem Jahr in Bielefeld , in der Zeit hat sich sehr viel entwickelt. Jeder Support-Act, den ich gespielt habe, war eine gute Möglichkeit, herauszufinden, was ich will. Dazu sind Support-Acts ja auch da – alleine vom Soundcheck her, wie man seine Box haben will, was Leslie Clio am besten kann. Wie sich das Tourleben anfühlt, wusste ich schon. 

Du hast dich dem Retro-Soul verschrieben. Steckt dahinter eine Sehnsucht nach vergangenen Zeiten?

Das sind einfach meine Wurzeln, damit bin ich groß geworden. Ich war nie zeitgenössisch unterwegs, sondern habe alte Sachen wie zum Beispiel alten Soul, Blues, Gospel, afrikanische Musik oder Spiritual gehört. Das sind Klänge, die in meinem Unterbewusstsein manifestiert sind. Wenn ich Musik mache, findet das natürlich seinen Ausdruck, mehr als elektronische Musik zum Beispiel. Wenn du mich ansiehst, sehe ich ja nicht wie Dusty Springfield aus. Und meine Platte ist auch kein klassischer Soul, der nach Motown klingt. Die Platte ist eher Soul-Pop, basslastig mit Trip-Hop-Elementen. Der Soul kommt nur durch meine Stimme rein. 

Du hast in der Schulzeit jahrelang Gesangsunterricht an einer Musikschule genommen und vor deinem Umzug nach Berlin für ein Jahr eine Ganztags-Gesangsausbildung in Hamburg gemacht. Zusätzlich hast du aber auch autodidaktisch Musiktheorie im Internet studiert. Wozu?

Ja, das empfehle ich jedem Musiker, sich diese Musikseiten im Internet für Gehörbildung anzuschauen. Sehr wenige verstehen wirklich Musiktheorie. Muss man vielleicht auch nicht, um Musik zu machen. Ich habe meine Platte auch mit gefährlichem musikalischen Halbwissen absolviert. Aber ich bin immer daran interessiert, mich weiterzubilden. 

Deine Platte hast du mit Tomte-Bassist Nikolai Potthoff produziert. Wie ergänzt ihr euch? 

Wir haben uns gesucht und gefunden. Grundsätzlich ist Niko ein sehr euphorischer Mensch, der ganz schnell sagt, „das ist geil“ und durchs Studio tanzt. Ich bin realistischer. Bis ich dachte, „das ist geil“, mussten wir erst den Plattenvertrag unterschreiben. Bis dahin dachte ich, das machen wir jetzt und dann gucken wir mal. Niko wusste von vornherein, das wird richtig geil. Bei der Zusammenarbeit gab es keine bestimmte Aufteilung – bis auf die Texte, die sind komplett von mir. Er hat sich natürlich mehr musikalisch eingebracht. Das habe ich aber auch. 

 Ich habe mich nie gefragt, wie positioniere ich mich mit der Platte, wie möchte ich mich vermarkten, bin ich jetzt die deutsche Soulsängerin oder jemand anderes?

Leslie Clio

Die meisten reagieren überrascht, wenn sie feststellen, dass du deutsch bist. Sie verorten dich eher in Großbritannien. Wie erklärst du dir das?

Darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Ich habe mich nie gefragt, wie positioniere ich mich mit der Platte, wie möchte ich mich vermarkten, bin ich jetzt die deutsche Soulsängerin oder jemand anderes? Das überlasse ich anderen. Ich bin einfach ich. Ich habe mit deutscher Musik einfach nichts am Hut, meine Wurzeln sind amerikanisch und britisch. Vielleicht klingt das durch. Ich komme zwar aus Deutschland, aber für meine Ohren hat das wenig Zusammenhang. 

Du denkst sogar auf Englisch. 

Beim Songwriting findet deutsche Sprache im meinem Kopf gar nicht statt. Wenn ich ein Gefühl habe und eine Melodie kommt, dann finde ich dafür englische Worte. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern meine Einflüsse waren einfach alle englisch. 

Und mit deiner zweijährigen Weltreise nach dem Abitur hat das auch nichts zu tun?

Nö, ich bin ja nicht musikalisch gereist, sondern für mich. Für mich persönlich und das Songwriting hat es eine Rolle gespielt. Aber mit der Sprache gibt es keinen Zusammenhang. 

Leslie Clio lebt seit vier Jahren in Berlin.

Leslie Clio lebt seit vier Jahren in Berlin.

Dein Debüt-Album „Gladys“ schaffte auf Anhieb Platz elf der Album-Charts. Hat sich seit diesem Senkrechtstart viel für dich verändert?

Gar nicht, ich kriege ihn auch nicht mit. Ansonsten bin ich sehr glücklich, mit dem was ich mache und dass ich die Möglichkeit habe, jetzt auf Tour zu gehen und dass sie ausverkauft ist. Aber ich werde jetzt nicht auf der Straße erkannt, google mich selbst oder feiere mich ab. 

Und du gehst nicht mehr kellnern und kannst von der Musik leben. 

Genau. Ich freue mich einfach, dass ich jetzt so gut gestellt und ausgelastet bin. Also dass ich jetzt jeden Tag mit Proben, Drehs, Konzerten oder im Studio beschäftigt bin. Es ist ein großer Segen, dass die Musik jetzt mein Vollzeitjob ist. Darüber bin ich sehr glücklich

Vieles habe ich mir damals natürlich nicht so vorgestellt, als ich im Studio saß. Dass ich jetzt immer im Frühstücksfernsehen singe, in Fernsehshows auftrete und ganze Promo-Tage habe. 

Leslie Clio

Meinst du, der Erfolg könnte dir mal über den Kopf wachsen? 

Ausgebrannt bin ich noch lange nicht. Ich bin ja auch erst am Anfang. Vieles habe ich mir damals natürlich nicht so vorgestellt, als ich im Studio saß: Dass ich jetzt immer im Frühstücksfernsehen singe, in Fernsehshows auftrete und ganze Promo-Tage habe. Aber da bin ich jetzt drin, das gehört zum Job dazu, den ich ganz pragmatisch sehe, und ich habe viel dazugelernt. Ich bin mit allem einverstanden und zufrieden. 

Erfolg akzeptiert Leslie nur zu ihren eigenen Bedingungen, heißt es in deinem Pressetext. Welche Bedingungen sind das?

Dass ich mir nicht in meine Kunst reinreden lasse. Es gibt ja dieses Klischee, dass Plattenfirmen dich machen und du springen musst und geformt und verbogen wirst. Davon habe ich nie etwas mitgekriegt. Das hat in meinem Fall gar nicht stattgefunden. Die (Anm. v. d. Red.: Universal Music Domestic Rock/Urban) haben die Platte so abgekauft und haben auch mich so genommen, wie ich bin. Ich habe damals so ausgesehen und geredet wie heute. Das meine ich mit Erfolg zu meinen Bedingungen: Ich würde mich nicht verbiegen und und eine Rolle spielen, um Verkaufszahlen zu steigern. Ich verkaufe lieber fünf Platten weniger, behalte aber meine Haarfarbe. 

Du lebst sehr reduziert mit nur so viel Hab und Gut, das in einen Sprinter passen würde. Was ist der Vorteil für dich?

Dadurch bin ich flexibel und kann jederzeit sagen, ich könnte jetzt weg. Oder wenn alle Stricke reißen, ich ziehe nach Australien. Ich will mich nicht von Besitz binden lassen. Das macht träge. Was ich mir im Alter vorstellen kann, aber noch nicht in jungen Jahren, ist, mein Geld in Möbel und Besitz zu investieren. Ich gebe mein Geld nach wie vor für Reisen aus. Ich lese sehr viel, gebe Bücher aber auch wieder weg. Ich horte nicht. Ich finde das für ein Freiheitsgefühl wichtig. 

 Ich war immer so ein Freigeist, ein freier Vogel, bin auch sehr unorthodox erzogen worden von meiner Mama. 

Leslie Clio

Du lebst seit vier Jahren in Berlin. Hat dich die Stadt verändert?

Nein, ich bin hier hergekommen, weil es meinem Lebensgefühl am besten entspricht. Berlin passt zu mir als Person. Ich habe mich eher durchs Leben an sich verändert, durch Erfahrung. 

Woher kommt dieser Mut, nicht den klassischen Weg einzuschlagen: Schule, Ausbildung, Bürojob? 

Weil ich nicht so bin. Ich war immer so ein Freigeist, ein freier Vogel, bin auch sehr unorthodox erzogen worden von meiner Mama. Wir sind viel gereist. Ich war auch im Internat. Aber auch da habe ich nie drüber nachgedacht. Bin nach dem Abi losgeflogen und war zwei Jahre mit dem Rucksack unterwegs. Ich habe auch nie Angst gehabt, dass ich nicht ankomme. Ich bin auch nicht auf der Suche, sondern weiß einfach, dass alles gut wird und der liebe Gott einen Weg für mich hat, im spirituellen Sinne, nicht im religiösen. 

Arbeitest du bereits an einer neuen Platte?

Ja, nach der Platte ist vor der Platte. Ich schreibe die ganze Zeit. Abends im Hotelzimmer ist man immer am Komponieren, Denken und Schreiben. Die Puzzleteile zu sammeln, findet die ganze Zeit statt. Je mehr Puzzleteile man hat, desto schneller geht es im Studio mit dem Zusammenfügen. Ich möchte aber nicht an den Punkt kommen, wo es dann heißt, „Los Leslie, mach mal eine zweite Platte“, und dann hat man Zeitdruck und hat gar nichts. Das wird nicht passieren, weil ich die ganze Zeit am Schreiben bin.  

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