Tocotronic im Interview
Die Lars von Trier der Musik

Münster/Berlin -

Ende Januar haben Tocotronic ihr neues Album „Wie wir leben wollen“ veröffentlicht. Heute präsentiert das Quartett die neuen Songs im Jovel. Unser Redakteur Carsten Vogel hat mit Sänger Dirk von Lowtzow gesprochen.

Donnerstag, 14.03.2013, 08:03 Uhr

20 Jahre Popgeschichte auf dem Buckel: Tocotronic haben Anfang des Jahres ihr zehntes Album aufgenommen. Am 14. März spielt die Band im Rahmen ihrer Tournee im Jovel: Arne Zank, Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Rick McPhail.
20 Jahre Popgeschichte auf dem Buckel: Tocotronic haben Anfang des Jahres ihr zehntes Album aufgenommen. Am 14. März spielt die Band im Rahmen ihrer Tournee im Jovel: Arne Zank, Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Rick McPhail. Foto: Michael Petersohn

Tocotronic hat ein Jahr pausiert. Was hat dir die Pause persönlich und was hat sie der Band gebracht?

Dirk von Lowtzow : Es war zwar geplant, das Sabbatjahr sehr orthodox durchzuziehen. Es wurde aber aufgeweicht und war ein großer Luxus. Zur Hälfte des Jahres war klar, wie wir das neue Album würden aufnehmen wollen, nämlich mit einer Vier-Spur-Technik. Darauf mussten wir uns sehr intensiv vorbereiten, deshalb ging die zweite Hälfte des Jahres dafür drauf, Arrangements zu schreiben. Denn diese Art der Aufnahmetechnik bringt es mit sich, dass man nicht schummeln kann. Jedes Instrument muss seinen Platz haben und man muss genau wissen, was man spielt.

Aber war der Hintergedanke nicht auch, Tocotronic Tocotronic sein zu lassen und die anderen Bandmitglieder mal nicht zu sehen?

von Lowtzow: Wir haben uns nie zu 1000 Prozent als Musiker im eigentlichen Sinn verstanden. Es ist grundsätzlich bei uns so – und deshalb gibt es uns vielleicht auch bereits seit 20 Jahren in unveränderter Besetzung –, dass wir wissen, wann wir Zeit für uns brauchen. Jeder für sich. Oder für andere Projekte.

Ich habe viel gelesen über die Aufnahmetechnik, habe aber das Problem, dass ich das selbst gar nicht heraushöre. Was mir aber auffällt ist, dass trotz der Laufzeit von 70 Minuten, die Songs knackiger komponiert sind.

von Lowtzow: Was soll ich dazu sagen, wenn du das nicht hörst (lacht). Zeitgenössische Rockproduktionen sind oft auf Lautstärke getrimmt, haben einen extrem komprimierten Klang. Vielleicht ist das bei uns jetzt auch Nerderei und wenn du das jetzt nicht hörst, ist es – auf gut Deutsch gesagt – Wurst: Man soll ja die Lieder und die Texte hören und es soll einen berühren. Es hängt aber alles mit allem zusammen. Und uns und unseren Produzenten Moses Schneider hat es immer interessiert, ein technisches und musikalisches Konzept zu haben. Wie ein Dogma. Wir sind da die Lars von Trier der Musik (lacht). Das war bei unserer Berlin-Trilogie so, wo wir pro Platte in jeweils größeren Räumen aufnehmen wollten. In diesem Fall war es eben das Aufnahmegerät. Und wenn es dazu geführt hat, dass die Songs knackiger wirken und es deshalb Spaß macht, dann ist das die Hauptsache.

Wenn man vom Feuilleton nur hofiert wird, steigt einem das zu Kopf?

von Lowtzow: Was Kritiken betrifft, geht jeder in der Band damit anders um. Rick liest das deutsche Feuilleton gar nicht. Ich finde es neurotisierend, wenn ich mal etwas lese. Je hochklassiger das Feuilleton ist, desto mehr versteift es sich auf eine These. Egal, ob Lob oder Kritik: Es erfasst uns selten in der Gänze. Das ist natürlich auch schwierig. Es gibt kaum zwei Berufe, die weiter von einander entfernt sein könnten als Künstler und Journalist. Unsere Hauptbeschäftigung ist es, Geheimnisse zu schaffen. Wenn es keine Geheimnisse in der Rockmusik gibt, dann ist es Schlager oder Quatsch. Und die Hauptaufgabe des Journalisten ist es, diese Geheimnisse zu lüften. Und das korrespondiert nicht so gut miteinander (lacht).

Wenn du Schlager und Quatsch in einem Atemzug nennst, wie ist es dann, wenn man sieht, dass in den Charts Matthias Reim und Heino vor einem stehen?

von Lowtzow: Ich glaube, Andrea Berg war auf Platz zwei, als wir auf drei eingestiegen sind (lacht). Das ist eben Deutschland . Und in Deutschland kann man Schlager nicht schlagen (lacht). Das ist aber nicht schlimm und auch nicht frustrierend. Jedes Land hat die Musik, die es verdient (lacht). Die deutsche Popmusik ist eben nicht die beste der Welt, wie auch der deutsche Film. Es gibt andere Bereiche, wo die Deutschen besser sind. Ich bin ja weit davon entfernt Nationalist zu sein und hasse das sogar, aber die deutsche bildende Kunst, Theater und Literatur sind sehr gut. Was Popmusik angeht, ist Deutschland etwas kartoffelig. Frustrierend finde ich, wenn etwas Rockmusik sein soll, aber trotzdem nur Schlager ist.

Du hättest auch fragen können, warum hat Heino uns nicht gecovert?

von Lowtzow: Das ist eine sehr interessante und gute Frage. Ich glaube, wir sind nicht kompatibel genug für so etwas. Nach 20 Jahren sei mir mal etwas Eigenlob gestattet: Wir sind so kompromisslos, dass wir eben nicht vereinnahmbar sind. Nicht von Heino, nicht vom Bierzelt und nicht von TV-Shows. Das macht mich fast ein bisschen stolz. Dafür bezahlen wir aber auch den Preis des geringen Erfolges. Im Feuilleton nehmen wir zwar viel Platz ein, aber was Verkaufszahlen angeht, ist das nur ein Bruchteil von dem, was Bands wie die Sportfreunde Stiller so verkaufen.

Deine Texte sind mitunter kryptisch. „Ich will für dich nüchtern bleiben” – heißt das vierte Lied auf dem neuen Album. Teile der Texte hören sich wie Liebeserklärungen an und ich frage mich immer: an wen?

von Lowtzow: Für mich sind die Texte nicht so kryptisch (lacht). In diesem Fall kann ich es aber klar beantworten. Es geht tatsächlich um die von mir geliebte Person – da werde ich jetzt aber keine Namen nennen (lacht) – und es ist eins der persönlichsten Stücke. Ist doch ganz klar: Für einen exzessiven Menschen – wie ich einer bin – ist es eine große Liebeserklärung, seine Sucht oder das Begehren nach der Suchtbefriedigung, für jemanden, den man liebt, sein zu lassen (also in diesem Fall, nüchtern zu bleiben). Liebe und Sucht sind fast gleich starke Emotionen oder Begehren. Man begehrt natürlich das, was man liebt, aber natürlich auch die Substanz, der Einfachheit halber jetzt mal Alkohol genannt oder auch jede andere Substanz, die ein Suchtmolekül in sich trägt. Schokolade meine ich jetzt aber nicht (lacht). Eigentlich ist es ein kleines Liebeslied über jemanden, der zwei Dinge abwägen muss: einerseits die Liebe und andererseits die Sucht.

Auch „Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools” ist eine Liebeserklärung, wenngleich eine etwas morbide. Fast wie in “There Is A Light That Never Goes Out” von The Smiths.

von Lowtzow: Es ist so wahnsinnig schwierig, über Texte zu sprechen. Weil darin Seiten zum Vorschein kommen, die man sich sonst nicht auszusprechen trauen würde. Während in dem Lied mit der Nüchternheit exzessiver Drogenkonsum und Suchtverhalten thematisiert wird, sind es beim „Swimmingpool“ suizidale Tendenzen. Das sind Seiten, über die man selbst erschrickt. Das finde ich aber wichtig, weil solche Ungeheuerlichkeiten in der Rockmusik sehr leicht ausgesprochen werden können und diese so magisch macht. Paradoxerweise habe ich kein Problem, darüber ein Lied zu schreiben, das dann 50 000 Leute hören. Im Gespräch aber hätte ich damit große Probleme, weil ich dazu zu gehemmt wäre.

20 Jahre Tocotronic

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  • Dirk von Lowtzow, Rick McPhail, Arne Zank und Jan Müller sind Tocotronic.

    Foto: Sabine Reitmeier
  • Am 25. Januar hat die Band mit „Wie wir leben wollen“ ihr zehntes Studioalbum veröffentlicht.

    Foto: Michael Petersohn
  • Mittlerweile ist die Band seit 20 Jahren im Geschäft.

    Foto: Michael Petersohn
  • Mit ihrem aktuellen Album im Gepäck kommt die Band auch nach Münster.

    Foto: Sabine Reitmeier

Es ist doch aber für dich auch einfach, Assoziationen, die ich oder andere Journalisten in deine Liedtexte interpretieren, als tatsächlich gewollt darzustellen. Zum Beispiel, wenn ich behaupte, das Lied „Im Keller“ erinnere mich spontan an Thomas Bernhard.

von Lowtzow: Ich würde das in die Reihe des Zufalls verweisen. Das Wort Keller ist ja auch nicht gerade abseitig. Tatsächlich gibt es das Buch „Im Keller“ von Jan Philipp Reemtsma über seine Entführung. Der Keller bei Bernhard ist ja ein Lebensmittelhandel im Souterrain, wo er seine Ausbildung gemacht hat. Das hat mit dem Lied ja gar nichts zu tun. Da geht es um eine Pflanze, in der eine zweite Version von einem heranwächst. Vielleicht näher an „Invasion of the Bodysnatchers“ oder David-Cronenberg-Filmen als an Thomas Bernhard (lacht).

Das Lied beginnt mit „Hey, hey, ich bin jetzt alt/hey, hey, bald bin ich kalt”. Eine Anspielung auf Neil Young?

von Lowtzow: Neil Young ist wichtig für mich. Ich habe aber gar nicht daran gedacht. Sicherlich hat es parodistische Züge, vor allem weil Neil Young in dem Lied „Hey, hey, my, my“ auch „it‘s better to burn out than to fade away“ singt. Natürlich gestatten wir uns in unseren Liedern auch immer kleine Witzchen. Wir hatten ja mal das Stück „Dieses Jahr Hey Hey, My My, Manchmal wünschte ich, dieser Quatsch wär schon vorbei“. Das sind solche Seitenhiebe gegen Onkel Neil, den ich persönlich aber total verehre.

Thema Komponieren: Kempowski hat ja ein Zettelkastensystem gehabt. Wie ist das bei dir? Solche Parolen wie „Und wir müssen jetzt bereits in uns die Streiks organisieren”, schreibst du auf?

von Lowtzow: Nee, das kommt ad hoc. Ich bin das genaue Gegenteil von Walter Kempowski oder Arno Schmidt. Ich bin überhaupt kein Notierer, Notizenmacher: Wenn ich etwas schreibe, dann in einem runter. Ich muss aber dazu sagen, dass ich ein gutes Gedächtnis habe. Sachen, die mir auffallen, kann ich mir merken oder sie aus dem hinteren Teil meines Gehirns hervorzaubern. Aber es passiert schon mal, dass ich nachts aufwache, weil ich Texte geträumt habe und die dann direkt aufschreibe.

Hat sich denn dein Musikgeschmack in den vergangenen Jahren geändert? Würdest du sagen, dass sich der Einfluss dementsprechend auch auf eure Songs verändert hat?

von Lowtzow: Teilweise ja und teilweise nein. Bei Neil Young ist das und bleibt das auch so, wie sich seine Lieder auch nicht ändern, die bestehen auch immer aus den gleichen drei Akkorden (lacht). Das ist eine gewisse Stoizität, die ich toll finde. Andererseits gibt es aber auch Einflüsse von Musik, die ich früher nicht so gehört hätte. Bei diesem Album, auch wenn man das vielleicht nicht so heraushört, sind es viele Jazzplatten gewesen. Trompetenmelodien von Miles Davis beispielsweise, die in die Gesangsmelodien eingeflossen sind. Oder die Kastagnetten in „Warm und grau“, die an „Sketches of Spain“ erinnern.

 

Könnt ihr die Leute, die ihr vor 20 Jahren erreicht habt, heute auch noch erreichen?

von Lowtzow: Keine Ahnung. Wir haben ja noch keine soziologischen Studien über uns in Auftrag gegeben. Wer weiß, vielleicht gibt es das aber bereits an irgendeiner Uni. Ein Luhmann-Schüler in Bielefeld vielleicht (lacht). Ich weiß es nicht, aber ich bin unendlich dankbar, dass unser Publikum so heterogen ist, was sowohl Männer als auch Frauen angeht. Das ist nicht selbstverständlich. Bei der sehr guten Band Slayer beispielsweise gibt es einen deutlichen Männerüberschuss (lacht). Was wir auch festgestellt haben, dass gleich viele Jüngere und Ältere bei unseren Konzerten sind. Also welche zwischen 18 und 25 Jahren, die uns neu entdeckt haben, und eben etwas ältere, die mit uns groß geworden sind und uns von Anfang an gehört haben. Wir haben neulich in Dresden gespielt, da war eine Familie mit ihrer zehnjährigen Tochter, die ein „Kapitulations-T-Shirt“ getragen hat. Das bekommt dann so etwas „Grateful-Dead-mäßiges“ (lacht).

Dein Gesang hat sich ja stark verändert und verbessert. Was machst du, um deine Stimme zu trainieren?

von Lowtzow: Das kann ich dir nicht sagen, weil ich nichts mache. Das ist über die Jahre so gekommen. Learning by doing. Für mich ist das selbst schwer zu klassifizieren. Es gehört mit zum Schrecklichsten, seine Stimme auf alten Liveaufnahmen zu hören (lacht). Die Musik ist eine andere geworden und sie verlangt eine andere Form des Singens. Für mich ist es eine natürliche Entwicklung. Es ist sehr unmittelbar, intuitiv und autodidaktisch. Ich bin kein professioneller Sänger im Sinne des Opernbetriebs, in dem Techniken erlernt werden.

Jon Bon Jovi hat sich letztens geäußert, am meisten freue er sich bei der anstehenden Tour auf Berlin. Wahrscheinlich hat er das zu allen Städten gesagt. Aber von dir möchte ich jetzt hören, du freust dich am meisten auf Münster, weil...

von Lowtzow: (sehr langes und lautes Seufzen, gefolgt von einem lauten Lachen) Jetzt hast du mich ertappt: Ich kenne Münster gar nicht so gut, aber ich freue mich immer auf Münster, weil wir schon früh während unserer Karriere in Münster gespielt haben. Und es hat immer Spaß gemacht, in Münster zu spielen. Aber ich kann mir jetzt leider keinen Satz über die Spezialitäten Münsters aus den Rippen schneiden, dazu kenne ich die Stadt zu wenig.

„Ich habe nichts gewollt, das Glück hat mich verfolgt” - heißt es ebenso im ersten Lied: Ist das so? Siehst du das für dich so?

von Lowtzow: Ja, eigentlich schon. Ich hatte sehr viel Glück im Leben. Im Sinne von Zufall. Allein die Tatsache, dass ich völlig ambitionslos nach Hamburg gegangen bin und da Jan Müller und Arne Zank getroffen habe, war reinster Zufall. Aber auch großes Glück. Wenn ich zurückblicke, dann sehe ich, dass mir in den letzten 20 Jahren viel in den Schoß gefallen ist. Natürlich bringt das Künstlerdasein auch sehr viel Unglück, Leid und Qualen mit sich. Das kann einen in den Wahnsinn treiben und ist dem Seelenheil nicht zuträglich. Aber natürlich ist es auch ein großes Glück, weil ich gar nicht gewusst hätte, was ich sonst hätte machen sollen, weil ich keine Vorstellung oder Perspektive hatte. Und ich hätte auch gar nichts großartig anderes gekonnt, insofern würde ich sagen, die Aussage trifft in Teilen zu (lacht).

Mich verfolgen ja Tocotronic-Textzeilen in allen Lebenslagen. Beim Spiel Schalke gegen Fürth fiel mir in der 93. Minute direkt „Neues vom Trickser“ ein: „Eines ist doch sicher, eins zu eins ist jetzt vorbei“.

von Lowtzow: Okay (lacht). Das ist literaturwissenschaftlich sehr interessant. Da fand eine Aneignung, eine Appropriation statt. Auf Fußball war die Aussage garantiert nicht gemünzt (lacht). Aber so soll es doch funktionieren. Das ist doch das Allerschönste. Das ist der gesündeste Umgang, wie man mit Texten oder mit Popkultur überhaupt umgehen kann. Dass man sich etwas nimmt und es sich einverleibt. Das ist viel sinnvoller, als das ewige Heruminterpretieren oder dem Suchen nach dem tieferen Sinn. Ich würde das, was wir machen immer als Angebot verstehen, wie einen Baukasten. Damit kann man spielen wie ein Kind mit seinem Lego: neu zusammensetzen und damit etwas erfinden oder auf sein eigenes Leben anwenden. So hat Popmusik seit jeher funktioniert und das, finde ich, ist das Faszinierende an Popmusik. Wunderbar (lacht).

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