Interview mit dem Berliner Restaurantkritiker und Autor Thomas Platt
"Feinschmeckerei kann man lernen"

Münster -

Von Sauerkraut aus Dosen bis hin zu Haute Cuisine: Gastronomiekritiker Thomas Platt aus Berlin probiert sich durch Deutschlands Spitzenlokale ebenso wie durch Großküchen und Kühlregale. Wo Essen aufhört und Genuss anfängt und ob er Fast Food für genießbar hält, erzählt der Drehbuchautor („Werner“, „Asterix“ und TV-Serien) und Maler im Interview.

Montag, 16.09.2013, 15:09 Uhr

Interview mit dem Berliner Restaurantkritiker und Autor Thomas Platt : "Feinschmeckerei kann man lernen"
Maler, Restaurantkritiker und Drehbuchautor: Thomas Platt. Foto: Florian Bolk

Wo hört Essen auf und fängt Genießen an?

Thomas Platt : Genießen ist etwas sehr Bewusstes. Beim Genuss geht es um das, was nicht landläufig gemacht, sondern verfeinert wurde. Und genau diese Sorgfalt bei der Zubereitung sollte man nicht als selbstverständlich sehen, sondern sich sagen: Da haben sich Leute Mühe gemacht. Aber: Man wird nicht als Feinschmecker geboren. Um im Leben Qualität und Schönheit genießen zu können – das ist beim Essen wie bei der Musik oder der Malerei –, brauchen Sie ein Unterscheidungsvermögen. Das kann man regelrecht lernen. 

Platt Restaurant-Tipps:
  • Restaurant und Vinothek „Le Moissonnier“ in Köln  
  • Althoff Schlosshotel Lerbach in Bergisch Gladbach
  • Restaurant „Victorian“ in Düsseldorf 
...

Wie gut können die Deutschen genießen?

Platt: Besser als früher. Man muss sich nur mal vor Augen führen, dass Knoblauch früher verpönt war und Olivenöl als unfein galt, weil es einen Beigeschmack hatte. Wenn Sie sich dagegen angucken, was es heute im Supermarkt gibt, sehen Sie, dass es viel mehr Obst und Gemüse und Verarbeitungen gibt. Eine rote Zwiebelmarmelade – wo hätten Sie das früher gekriegt? Oder wann gab‘s schon mal Quittenmarmelade? In vielen Lebensbereichen ist das Leben kulinarischer geworden. Meine Frau ist Italienerin, und mit welcher Selbstverständlichkeit die dem etwas besseren Essen begegnen, das ist erstaunlich. Die machen es sich immer ein bisschen schöner. 

Geht Genuss nur in der Freizeit oder kann man auch im Alltag genießen?

Platt: Natürlich kann man das. So wie man ja auch Arbeit genießen kann. Ich liebe meine Arbeit. Meistens male ich ja Bilder, das ist für mich auch ein Genuss. Oder sich etwas ausdenken und dann zu Papier bringen.<

Kann man auch Fast Food genießen?

Platt: Ich war heute bei McDonald‘s (lacht). Ich hatte vor allem ein bisschen Appetit. Das ist schon gut gemacht, es folgt immer bestimmten Qualitätsstandards. Da braucht man keine große Konzentration. Man mümmelt das halt so rein.

Haben Sie Rituale, bevor Sie bewusst genießen?

Platt: Vorher esse ich den ganzen Tag so gut wie nichts und trinke viel grünen japanischen Tee, meistens Sencha. Dann esse ich sehr langsam und trinke keinen Alkohol dazu. Bei der Feinschmeckerei geht es um feine Stufen. Wenn man das nachschmeckt und ertastet, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass ein starkes Lebensmittel wie Alkohol das fördern kann. Ich bin dann wirklich sehr aufs Essen gespannt und konzentriert und versuche, die Sprache des Kochs zu begreifen. Als Kritiker muss man natürlich auch Gerichte probieren, die eine gewisse technische Anforderung haben. Fleisch oder Fisch, aber auch Gemüse und vor allem Soßen stellen hohe Anforderungen.

Woran merke ich als Nicht-Gourmet, dass ich gutes Essen bekomme?

Platt: Ihr Körper reagiert positiv darauf, Ihre Stimmung hellt sich auf, Sie werden fröhlicher. Das sind ganz feine Dinge, da müssen Sie sich nur ein bisschen beobachten. Absolute Ausnahmeköche versetzen einen in Staunen und Rührung. Darüber gibt es dann auch keine zwei Meinungen.

Ihr Tipp für den ultimativen Genuss:

Platt: Grundvoraussetzung ist, dass man beim Essen denken lernt, dass man sich sozusagen selbst zuschaut. Dass man nicht einfach alles schluckt, sondern langsamer und mehr kaut und dabei registriert: Was ist das, was fühle ich?</p>

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