Interview mit Ildikó von Kürthy
„Dem Leben neue Farbe geben“

Münster/Hamburg -

Was für die Bundeskanzlerin vor drei Jahren noch das Internet war, ist für die Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy eine Reihe von Selbstversuchen, Neuland zu beschreiten. Über diese Experimente, Erziehung und Helga Feddersen hat sie mit uns gesprochen.

Freitag, 05.02.2016, 16:02 Uhr

Ildikó von Kürthy  
Für ihr neues Buch "Neuland" hat sich Ildikó von Kürthy die Haare blond gefärbt. Foto: Frank Grimm

Besitzen Sie einen eBook-Reader?

Ildikó von Kürthy: Ja, ich habe einen. 

Ich frage deshalb, weil Sie ja in Ihrem Buch „ Neuland “ auf einige Dinge – auch auf digitale – verzichtet haben.

von Kürthy: Ich bin altmodisch, und da ich in der Papier verarbeitenden Industrie arbeite, lese ich gar nichts auf meinem Reader. 

Dabei wäre es doch praktisch, wenn Sie viel auf Tour sind.

von Kürthy: Ich schleppe lieber Bücher mit. Ich würde für Bücher bei Flügen auch Übergewicht zahlen. Ich mag echte Bücher – gerne auch zerlesene mit Sonnenmilchflecken, die man am Pool liegen lassen kann. 

Für die Kanzlerin war vor drei Jahren das Internet Neuland. Was waren in Ihrem Leben – vom vergangenen Jahr und Ihrem Experiment abgesehen – „Neuland-Stationen“?

von Kürthy: Es gibt für jeden Menschen automatische Sollbruchstellen im Leben. Den Schulabschluss zum Beispiel, wenn man überlegen muss, wie es weiter geht. Neuland ist es auch, wenn man Kinder bekommt, den Beruf, den Partner oder die Stadt wechselt. Trennung, Krankheit, Tod – das alles führt uns in Neuland. 

In unserem Alter kommt da einiges zusammen...

von Kürthy: Gerade bei Frauen zwischen 40 und 50 ergibt sich so ohne weiteres nichts Neues mehr. Dann entsteht oft eine diffuse Sehnsucht, etwas anders zu machen – ohne jedoch genau zu wissen, was. Ich empfinde es als Geschenk und natürlich als Herausforderung, dass man es selbst in der Hand hat, seinem Leben eine neue Farbe zu verleihen. 

War das auch die Motivation für Ihr Buch „Neuland“?

von Kürthy: Ja, das war die Grundidee. Wobei bei mir der Wunsch nach Selbstentfaltung nicht so dramatisch ausgeprägt ist, weil meine Kinder noch recht klein sind. Üblicherweise sind die Kinder mit Ende 40 ja älter als meine und die Freiräume, die entstehen, größer. 

Dann ist es eher eine Beobachtung aus Ihrem Umfeld?

von Kürthy: In meinem Freundinnenkreis greift eine Art „Luxus-Unzufriedenheit“ um sich, obwohl man eigentlich allen Grund hätte, zufrieden zu sein. Immer vorausgesetzt, man hat keine schlimmen Krankheiten, lebt in keinem Krisengebiet und ist nicht an Leib und Leben bedroht. Aber es versteht sich von selbst, dass „Neuland“ nicht für Menschen in existenzieller Not geschrieben ist. Die haben andere Sorgen. Ich habe mich auf die Spur meiner Sehnsüchte gemacht – das war natürlich eine Luxusreise. 

Was war das Schlimmste beim Verzichtüben?

von Kürthy: Der Verzicht auf Zucker ist mir überhaupt nicht gelungen. Das hat mir komplett die Laune verdorben. Alles, was mit Ernährungsumstellung und mit Weglassen von leckeren Sachen zu tun hat, das ist nicht nur mir nicht, sondern auch meiner Ehe nicht bekommen. Andere Paare joggen zusammen - wir kochen zusammen. Da geht ein beachtliches Stück Lebensqualität verloren. 

Ich stelle mir das wie in klischeebehafteten Serien vor, in denen Kinder nölen, weil sie einen Bratling essen sollen.

von Kürthy: Keine Sorge! Meine Kinder haben immer ordentlich zu essen bekommen. Ich musste mich zusammenreißen, ihnen nicht das Mailänder Knusperschnitzel wegzuessen. 

Dann bin ich beruhigt.

von Kürthy: Manches ist mir auch so schwer gefallen, dass ich es bewusst abbrechen musste. Das Schweigekloster und das Wildniscamp zum Beispiel. Das Scheitern habe ich nicht als Versagen empfunden sondern als Erkenntnis, dass ich auf einem falschen Weg bin, den ich nicht zu Ende gehen muss. 

Auf Alkohol zu verzichten war aber nicht so schwer, oder?

von Kürthy: Die Leute finden es befremdlich, wenn man nichts trinkt. Und manche Partys sind längst nicht so lustig gewesen, als wenn ich sie mir schön getrunken hätte. Dafür ist man effektiver, ausgeschlafener, frischer und hat nie einen Kater. Aber auch nie einen Rausch. Einen Preis muss man stets bezahlen. 

Gibt es denn weitere positive Effekte, die Sie in den Alltag übernommen haben?

von Kürthy: Vieles. Ich meditiere weiter, Yoga und Pilates habe ich in meinen Tagesablauf eingebaut: In meinem Alter ist das für die Lendenwirbelmuskulatur wichtig. Und der Mut, mehr auszuprobieren, ist mir geblieben. Ich will auch in diesem Jahr wieder ein paar Lesezeichen setzen, damit es unvergesslich wird. 

Ihre Kinder werden ja mit iPad und Internet groß. Wie rigide gehen Sie erziehungstechnisch damit um? Lassen Sie das einfach laufen?

von Kürthy: Einfach laufen lassen ist bei Kindern keine gute Idee. Außer bei Hausaufgaben, da schaue ich nur dann drauf, wenn sich ein Lehrer beschwert. Spielen dürfen sie auf dem iPad zweimal die Woche zwanzig Minuten. Fernsehen nur am Wochenende eine halbe Stunde. 

Und Smartphone?

von Kürthy: Ich habe gerade mit einem Pädagogen über Handynutzung gesprochen, weil ich da etwas ratlos war. Mein Neunjähriger hätte gerne eins. Da habe ich jetzt die klare Ansicht des Experten übernommen, dass kein Kind unter 14 Jahren ein internetfähiges Handy braucht. Mein Sohn bekommt wahrscheinlich im Oktober einen „Telefonapparat“, mit dem er tageweise telefonieren kann. Und abends um 18 Uhr geht das Handy dann ins Bett. Unsere übrigens auch. 

Smartphones lenken definitiv ab.

von Kürthy: Deshalb versuche ich meinen eigenen Medienkonsum zu beschränken. Ich bin da so leicht zu verführen: ein Jammerlappen in der Digitalwelt. Irgendwas ploppt immer auf und sofort habe ich vergessen, dass ich eine Kolumne schreiben wollte und beschäftige mich mit locker fallenden Tuniken eines internationalen Versandhauses. 

Pflegen Sie Ihre Facebook-Seite selbst?

von Kürthy: Leider ja. Das merkt man auch. Waren Sie da mal drauf? 

Der Facebook-Post wird geladen

Ja, ich habe Ihre Füße bei der Ice-Bucket-Challenge gesehen.

von Kürthy: Alle paar Monate poste ich etwas. Facebook wird zur Belastung, wenn man sich nicht tagtäglich damit beschäftigt. Immer wenn ich drauf schaue, haben sich wieder so viele Fragen von Fans angesammelt: Die sind dann zurecht etwas verwundert, wenn ich erst nach zweieinhalb Jahren antworte. 

Schauen Sie denn auch auf Kritiken? Ich habe mal bei Amazon die Bewertungen angeschaut. Machen Sie das auch? Belastet das nicht ebenso?

von Kürthy: Sehr! Deshalb versuche ich, solche Kritiken nicht zu lesen. Auch, weil ich Menschen nicht mag, die sich erstaunlich viel Zeit nehmen, um anonym im Internet über andere her zu ziehen. Manchmal macht mich das super sauer. Zum Beispiel hat sich mal eine darüber aufgeregt, dass ich immer dasselbe schreibe und mir nicht mal die Mühe mache, die Figur des Erdal Küppers – der in allen meinen Romanen vorkommt – umzubenennen. Ich stehe dann kurz davor wütend zurückzuschreiben. Aber das bringt nichts und ich möchte so einen dummen Unsinn nicht mit einer Antwort belohnen. Meine Feinde suche ich mir immer noch selbst aus. 

Erdal kenne ich nur als Schuhcreme.

von Kürthy: Erdal ist ein türkischer Vorname. Und Erdal Küppers ist meine Lieblingsfigur in jedem Buch. Aber das ist immer derselbe Mann, deshalb muss ich ihm natürlich auch keinen neuen Namen geben. Einem aufmerksamen Leser wäre das womöglich aufgefallen. 

Ich bin wahrscheinlich nicht Ihre Zielgruppe.

von Kürthy: Sind Sie nicht. Machen Sie sich bitte deswegen keine Vorwürfe. 

Ich habe Literaturwissenschaften studiert.

von Kürthy: Dann erst recht nicht. 

Apropos Til Schweiger. Haben Sie mal „Der bewegte Mann“ gesehen? Ich frage deshalb, weil es Bücher oder Filme gibt, die man einst richtig gut gefunden hat und jetzt eher zum Fremdschämen findet.

von Kürthy: Den „bewegten Mann“ fand ich nie gut. Aber ich stehe voll zu dem, was ich früher mochte. Ich gucke immer noch „Mary Poppins“, „Elliot, das Schmunzelmonster“, bis heute unerreicht, und „Tod in Venedig“, um mal etwas für den Literaturwissenschaftler zu sagen. 

Und auf die eigenen Werke bezogen. Gibt es Sachen, die Sie heute anders machen würden?

von Kürthy: Erstens: Ja, die gibt es. Zweitens: Schämen tue ich mich dafür nicht. Das ist so, als würde ich mir Fotos aus den 80ern von mir anschaue, mit Schulterpolstern oder Sweatshirts mit abgeschnittenen Ärmeln: Das würde ich heute auch nicht mehr anziehen, aber dafür schäme ich mich nicht, weil es in der Zeit, in der ich es gemacht habe, völlig in Ordnung war. 

Würden Sie bei weiteren Verfilmungen Ihrer Bücher mehr Einfluss nehmen wollen?

von Kürthy: Ich habe ein Theaterstück geschrieben. Kommende Woche gehe ich zum ersten Mal da zu den Leseproben. Ich weiß nicht, wie sehr ich da Einfluss nehmen kann oder wie sehr jemand beleidigt ist, wenn ich es tue. Auch, wenn die Versuchung groß ist, so bin ich doch kein Profi. Und noch weniger beim Film. Die Verfilmung von Mondscheintarif fand ich sehr gelungen. Im schlimmsten Fall müsste im Abspann „sehr frei nach“ und „nicht mit Unterstützung von“ stehen. 

Es erscheint ja alle zwei Jahre ein neuer Roman von Ihnen. Wie sieht es denn damit aus?

von Kürthy: In diesem Moment würde ich sagen, ich schreibe nie wieder und schule um auf irgendwas, was nichts mit Sprache zu tun hat. Wenn Sie ihre Frau eine halbe Stunde nach der Geburt fragen würden, wann sie das nächste Kind bekommen will, dann scheuert Sie Ihnen auch eine. So ist das ungefähr. Aber ich bekomme bestimmt noch ein Kind, zumindest in Romanform. 

Jörg Thadeusz begleitet Sie einmal mehr auf der Tour. Was haben die Zuschauer und Zuhörer denn zu erwarten?

von Kürthy: Ich habe jetzt vier Lesungen gemacht und ich kann nicht genug davon schwärmen, wie lustig es ist. Sobald ich mein großes Lampenfieber abgelegt habe, ist die Show Jörg zusammen ein großer Spaß. Jörg liest die langen Monologe und ich mache die lustigen Sachen, trete als Helene Fischer auf, wir zitieren aus „Der Schuh des Manitu“ und zünden ein Lagerfeuer an. Es ist eine szenische Lesung mit einigen Kostümwechseln. Je weniger ich ich selbst bin auf der Bühne, desto weniger Angst habe ich. 

Lesung

Sonntag, 20 Uhr, Bürgerhaus Kinderhaus, Münster. Es gibt noch Restkarten im WN-Ticket-Shop .

Buchcover von "Neuland".

Buchcover von "Neuland". Foto: Frank Grimm

...

Stellen Sie sich vor, ein großer Regisseur käme auf Sie zu und würde Ihnen die Rolle einer berühmten Frau in einem Biopic zuschustern. Wen würde er anbieten, dass Sie ohne mit der Wimper zu zucken, die Rolle annehmen würden?

von Kürthy: Das müsste eine lustige, selbstironische Frau sein, die ich gerne verkörpern würde. Schwierig. Wer könnte das sein? Es ist echt schon schlimm, dass ich jetzt schon so lange überlegen muss... 

Mir fällt spontan Helga Feddersen ein...

von Kürthy: Helga Feddersen ist lustig oder Heidi Kabel. 

Helga Feddersen war doch toll.

von Kürthy: Ich würde sofort Helga Feddersen spielen. Tun Sie bitte so, als sei das meine Idee gewesen. 

Ich baue das so ein.

von Kürthy: Danke. Meine Ideen sind einfach immer die besten.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3787717?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F198%2F4841114%2F4841118%2F
Nachrichten-Ticker