Musik
1965 in Münster: Hilfe, die Stones kommen

Mittwoch, 13.06.2007, 15:06 Uhr

Eine Stadt im Ausnahmezustand: Wasserwerfer fahren vor der Halle Münsterland vor, britische und niederländische Militärpolizei rückt an, Ordner schirmen die vorderen Sitzreihen von den hinteren ab. Polizisten in Zivil hocken verstreut im Publikum, außerdem die Polizeipräsidenten aus Essen, Hamburg, Berlin und München. Sie rechnen vermutlich, wie so viele Skeptiker, mit dem Untergang des Abendlandes an diesem 11. September 1965 – dem Tag, an dem die Rolling Stones ihr legendäres erstes Deutschland-Konzert in Münster geben.

Zwei Mal 22 Minuten, zwei Mal acht Lieder, ein Mal um 17 und ein Mal um 20.30 Uhr – dann ist der Spuk vorbei. Währenddessen aber tobt ein Orkan in der Konzerthalle am Albersloher Weg, der sich in ohrenbetäubendem Lärm entlädt. Wer wie der damals 14-jährige Fritz Haver mittendrin sitzt, hat Pech: „Gegen das Gekreische des Publikums“, so erinnert sich der Musikjournalist aus Nordwalde, „kamen die schwachbrüstigen Verstärker nicht an.“

Es ist die Zeit, als junge Männer noch im Anzug und mit Schlips, die weiblichen Fans mit toupierter Helmfrisur und in gestärkter Bluse zum Konzert der Beatniks gehen. Die Rolling Stones haben gerade einen Hit mit ungewohnt anzüglichem Text in den Charts platziert, der sie – neben den Pilzköpfen aus Liverpool namens The Beatles – endgültig als britische Rock- und Popband bekannt macht. „I Can’t Get No Satisfaction“ schallt es in Münster aus 5000 und einer Kehle an diesem Tag. Und als Sänger Mick Jagger dazu noch mit seinem kleinen Hintern wackelt, kennt die Verzückung der Fans, aber auch die Verärgerung der braven Bürger über solch sittenloses Treiben, keine Grenzen mehr. Von „Mick Jagger und seinen jugendlichen Opfern“ spricht die „Wochenschau“ im Fernsehen nach den Konzerten.

Ekstase – sicher. Randale? Darauf warten diejenigen, die junge, unschuldige Menschen durch die Musikrebellen aufgewiegelt sehen, in Münster vergebens. Nur ein paar Stühle gehen durch aufgewühlte Zuhörer zu Bruch. Die Wasserwerfer aber können wieder abziehen. Der Berliner Polizeipräsident indes wiegt sich nach dem Erlebnis in Münster in trügerischer Sicherheit: Vier Tage später hauen die Fans beim Stones-Konzert das Mobiliar der Waldbühne kurz und klein und stecken es in Brand.

1972 kehren die „Stones“ noch einmal nach Münster zurück. Seither vermissen Musikfreunde Bands dieser Größenordnung schmerzlich im Programm der Halle Münsterland. Und die „Stones“? Sie touren noch immer durch die Welt, begeistern Zigtausende, obwohl sie inzwischen fast im Rentenalter sind.

Manchmal allerdings machen Anekdoten am Rande – zum Beispiel über Keith Richards Ausfall nach seinem seltsamen Palmensturz – mehr Schlagzeilen als die Konzerte an sich. Fast so wie damals in Münster.

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