Musik
Achim Reichel: „Ein Exot im eigenen Land“

Freitag, 05.09.2008, 16:09 Uhr

<1>Achim Reichel ist Popstar der ersten Stunde. In den Sechziger Jahren waren er und seine Band The Rattles mit den Rolling Stones oder den Beatles unterwegs. Ende der Siebziger veröffentlichte Reichel sein Album „Regenballade“, auf dem er Lyrik deutscher Dichter vertonte wie Fontanes „Herr von Ribbeck “ oder Goethes „Der Zauberlehrling“. Unser Redaktionsmitglied Carsten Vogel sprach mit dem Sänger, der im kommenden Jahr 65 Jahre alt wird.

Herr Reichel, können Sie erahnen, wie mein Deutschlehrer versucht hat, uns in der 6. Klasse Lyrik schmackhaft zu machen?

Reichel: Herr von Ribbeck auf Ribbeck, oder? Eine der schönsten Geschichten dazu: Eine junge Mutter schrieb mir mal in einer E-Mail, dass ihr Sohn, als er zur Schule kam und die Ballade auswendig lernen musste, eine ganz tolle Note bekam, weil er sie bereits von der Platte aus seinem Elternhaus auswendig kannte. Und der Lehrer hat eigentlich nur eine Frage gehabt: „Wieso sagst du das in so einem komischen Rhythmus auf?“ (lacht).

Ihr letztes Album mit selbst geschriebenen Songs, „Entspann dich“, ist beinahe zehn Jahre alt. Seitdem vertonen Sie wieder hauptsächlich volkstümliche Lieder, deutsche Lyrik, Seemannslieder. Was genau reizt Sie daran?

Reichel: Oh. Da muss ich etwas weiter ausholen. Mit den Rattles habe ich in den sechziger Jahren englische Musik gemacht. Und auch in den Siebzigern mit AR & Machines und Grüne Reise. Aus dieser Zeit rührt auch die Beobachtung, dass in Amiland oder England Musik produziert wurde, die dort über die Jahre so gewachsen ist. Die gehen viel ungebrochener mit ihrem kulturellen Background und alten Liedern um. Es gab ja Gruppen wie Fairport Convention oder Steeleye Span, also eine richtige Folkrockwelle, in der sie auch Texte alte Dichter, alter Volkslieder gerockt haben. Und dann muss man sich überlegen, gehe ich das Wagnis ein, überhaupt auf Deutsch zu singen. Und ich sah es für mich als zwingend notwendig an, dieses Genre für unser Land mehr oder weniger neu zu erfinden.

Wurden Sie für Ihre Gedichtvertonungen belächelt?

Reichel: Ich wurde nicht nur belächelt. Das war streckenweise richtig übel. Es stand mal in einer Hamburger Zeitung über die Platte „Regenballade“: „Darf man unseren Dichtern und Denkern solch eine Musik überhaupt antun?“ Andere befürchteten, es könnte irgendwie braun angehaucht sein. Aus diesem Grunde erfand man hierzulande die Ersatzbefriedigung des volkstümlichen Schlagers, um dem Echten aus dem Weg zu gehen. Ich versuche, alte Volkslieder vorurteilsfrei zu betrachten, denn da gibt es einfach tolle, hochkarätige Melodien und Texte. Auch die Reaktion „Tolles Album, Achim, nur es gibt ja leider in ganz Deutschland kein Format, wo das reinpasst“, machte mich ziemlich nachdenklich. Ich sage dann immer scherzhaft, wenn ich Interviews gebe, dass ich mich manchmal wie ein Exot im eigenen Land fühle.

<2>Das haben Sie aber auch stets betont, oder? Radiotauglich hin oder her, Sie spielen nur die Musik, die Sie selbst gerne hören würden, nur gespielt wird sie nicht.

Reichel: Die Frage ist: will ich mich anbiedern? Oder sag ich einfach, das, was ich mache, ist sinnvoll? Das ist für mich mehr als einfach nur meine Art und Weise, Geld zu verdienen. Mir macht das viel mehr Spaß, als einen radiokompatiblen Rhythmus mit Mitsingrefrain zu schreiben, und fertig ist der Lack. Ich bin auch überzeugt davon, dass sich unsere Volkslieder nicht vor englischen, irischen, skandinavischen oder französischen zu verstecken brauchen. Wir haben einfach tolle Lieder, zum Beispiel aus der Zeit der deutschen Romantik, von der ich großer Fan bin.

Romantik, ist ein gutes Stichwort. Wie hat man sich die Songauswahl für Ihre Alben vorzustellen? Haben Sie einen Romantik-Almanach im Schrank stehen?

Reichel: Ich habe das seltene Glück, dass mich das ungemein interessiert. Früher in der Schule, da hat man uns auch den ollen Ribbeck als Auswendiglernübung verordnet. Da ging es auch nur darum: fehlerfrei aufgesagt, setzen, gute Note, der Nächste. Als ich dann die Platte „Regenballade“ gemacht habe, da wurde mir klar: „Pidder Lüng“, das ist nicht nur ein geiler Text, das ist Action-Kino hoch drei. Das ist keine verstaubte Dichter-und-Denker-Poesie. Dann habe ich mich nach alten Gedichtbüchern und Balladensammlungen umgeschaut, in Hamburg im Staatsarchiv rumgestöbert. Klar, heute gibt es das Internet, das ist ja schon eine große Hilfe.

Zum neuen Album: Ist „Michels Gold“ als Kultur- bzw. Zeitkritik zu verstehen?

Reichel: In gewisser Weise: ja. Das Übel ist ja, dass wir heute in einer Zeit leben, die allein darauf ausgerichtet ist, Kasse, Auflage oder Quote zu machen. Es wird alles formatiert. Insofern sind meine „Timetunnel-Aktionen“, in denen ich mir aus unserem kulturellen Fundus Volkslieder herauspicke und diese mit heutigen musikalischen Sichtweisen verbinde, so etwas wie Hausaufgaben, die alle europäischen Nachbarn schon gemacht haben, nur wir eben nicht. Ob das nun jeder versteht, ist mir dann ehrlich gesagt egal, da schwingt natürlich eine gewisse Art der Verweigerung mit.

Klingt da Globalisierungskritik mit an?

Reichel: Klar. Rockmusik war lange eine unbändige wilde Sache, bis die Plattenfirmen darin das Big Business witterten. Ab da funktionierten diese genauso wie Rundfunk- oder auch Fernsehstationen: Alles wird strategisch durchleuchtet nach massenwirksamen Erfolgskriterien zusammengestellt, nach denen die Künstler zu handeln haben. Das mag ich nicht. Da bin ich lieber 'ne Art Freigeist.

<3>Glauben Sie, dass zu wenig deutsche Musik im Radio gespielt wird?

Reichel: Ich glaube eher ungezügeltes unternehmerisches Denken nimmt zu wenig Rücksicht auf kulturelle Identität. Fakt ist, es wird gern von Vielfalt geredet und das ist pure Augenwischerei! Den Leuten wird doch sehr viel Interessantes vorenthalten.

Wenn jetzt einige Ihrer Alben bei iTunes zum Download angeboten werden, müssen die sich ja auch verkaufen. Ist es dann nicht widersprüchlich zu sagen, Sie würden versuchen, solchen Strategien entgegenzuwirken?

Reichel: Nein, ich halte ja mit meinen Inhalten dagegen. Man kann die Titel ja anklicken und anhören und hat weiterhin die Freiheit zu sagen, ob das einem gefällt oder nicht. Downloadbörsen sind in Ordnung und eine Facette der Zeit. Ich kann die Zeiten ja nicht zurückdrehen. Ich persönlich habe trotzdem lieber etwas in der Hand. Ein Booklet, in dem etwas steht, in dem ich blättern kann, in dem ich lese. Da bin ich eher oldschool.

Bei Ihren Konzerten ist ja so ziemlich jede Generation vertreten.

Reichel: Ja! In meinen Konzerten sehe ich auch Eltern mit ihren Kindern. Die lieben es, den Ribbeck von vorne bis hinten mitzusingen und sagen hinterher: Endlich tut das mal jemand! – Ich sehe darin durchaus einen kulturpolitischen Ansatz. - Und so lange mir das Spaß macht, mache ich das auch weiter.

Das merkt das Publikum aber auch. Wenn die Band auf der Bühne Spaß hat, dann springt das auf das Publik über.

Reichel: Jaja, das merkt es. Da sind Energie, Spielfreude, Virtuosität und hohes handwerkliches Vermögen versammelt. Da geht wirklich auf der Bühne was ab! Was die Musiker da spielen ist ein Teil ihrer Welt. Ein Akkordeonist aus Holland, ein Geiger aus England oder Frank Wulff, der früher bei der Band Ougenweide war: Wenn alle ihren Folk-Background zusammenschmeißen, dann kommt da immer etwas Freudvolles heraus. Dieses Gefühl ist auch der Grund dafür, warum es von meinem aktuellen Album zwei Versionen gibt. Eine Studioversion und eine so genannte Deluxe Edition mit einem einstündigen Live-Konzert auf der zweiten CD. Wer vergleicht, erkennt sofort: das ist nicht nur Musik, die im Studio ausgetüftelt wurde, sondern die funktioniert auch auf der Bühne.

Jüngst sagte mal ein Fan nach einem Ihrer Konzerte, das Sie der erste Punkrocker Deutschlands seien. Wenn man sich die Texte von den Rattles anhört, könnte man ihm durchaus recht geben, oder?

Reichel: Naja, wir waren früher wilde ungezogene Jungs, die auf ihre Gitarren eindroschen, dass es nur so krachte. Das war reine Energie. Aber wichtiger noch als die Energie war unsere Attitüde. Und die ist eben auch eine Botschaft. Klar haben wir dann auch zu einfachen Ausdrucksformen gegriffen. Da hießen die Lieder einfach nur „La La La“, „Come On And Sing“ oder „Zip-A-Dee-Doo-Dah“. „Minimal-Art“, wenn man so will. Ich bin da aber dennoch eher zurückhaltend mich als Punkrocker zu sehen.

<4>Sie beobachten ja offenbar die Musikszene sehr genau. Wie ist es denn Ihrer Meinung nach um die deutsche Musikszene bestellt: Silbermond, Wir sind Helden, Sportfreunde Stiller...

Reichel: Das sind ja Späteinsteiger in die Popmusikhistorie. Deren junge Sichtweise, Stilistiken durcheinanderzuschmeißen, ist zwar nicht unbedingt „my cup of tea“, aber trotzdem schon mal ein gehöriger Schritt. Das ist schon mal gut. Meine Heroen kommen allesamt aus der Rhythm & Blues Ecke. Als meine Tochter mit Hiphop-Scheiben ankam, war ich überrascht: Musiker verzichten plötzlich auf Melodien und sprechen ihre Texte im Rhythmus! Das kann es doch nicht sein! Bis meine Tochter mich aufklärte und sagte, dass sei ja auch ihre Musik, da hätte ich ja überhaupt keine Ahnung von (lacht).

Nun ja, es gibt ja auch gute deutsche Bands, die Hiphop machen.

Reichel: Ja, klar. Die versuchten ja zunächst auch nicht so zu tun, als kämen sie aus der Bronx, sondern artikulierten sich in unserer Sprache. Auf der anderen Seite haben sie anfangs Arbeiter- oder Sportklamotten getragen und zwei Jahre später trugen sie die von teuren Designern zum dreifachen Preis.

Könnten Sie sich vorstellen, mit solchen Bands zu kooperieren, wie beispielsweise Udo Lindenberg und Jan Delay?

Reichel: Das ist eine Entscheidung, die oft nicht allein von künstlerischen Aspekten getragen wird. Da stehen auch Marketingbetrachtungen hinter. Das haben uns ja die Amis vorgemacht: Singt ein Farbiger mit einem Weißen ein Duett, dann bedient man sowohl den Black Market als auch den White Market. Und wenn heute ein älterer Künstler mit einem jüngeren Künstler zusammenarbeitet, dann ist da immer auch der Cleverschädel dahinter. Und ich sagte ja schon, ich bin keiner, der nur seinen Taschenrechner anwirft. Wenn die Vertreter der Hamburger Hip Hop – Szene auf dem Geburtstag meiner Tochter auftauchten, dann waren die zwar immer sehr daran interessiert was ich als Alterfahrener zu sagen hatte, aber ich hatte trotzdem das Gefühl zu stören und habe mich da eher zurückgehalten.

Als Sie mit den Rolling Stones auf Tour waren, war Ron Wood ja noch nicht in der Band. Der bringt sich ja gerade ins Gerede, bestimmt auch, um seine neue Autobiographie zu promoten...

Reichel: Moment: Wir glauben doch nicht wirklich, dass Keith Richards von einer Palme gefallen ist. Der kommt doch gar nicht hoch auf eine Palme, es sei denn, dass er mit einem Hydraulik-Aufzug dort hochgehievt wurde. Das ist genauso lanciert pressewirksam wie mit Ron Wood und irgendeiner Russin. Mich hat auch mal eine große deutsche Sonntagszeitung gefragt, um mein Album besser promoten zu können, ob ich nicht mal etwas über Drogen erzählen könne oder ob ich nicht zufällig ein Verhältnis mit meiner Putzfrau habe. Also bitte: Ich will zwar Erfolg haben, aber nicht um jeden Preis. Da bin ich gern altmodisch.

<5>… und Sie sind ja jetzt auch fast im Rentenalter, haben Sie schon daran gedacht, eine Autobiographie zu schreiben?

Reichel: Ich gebe gerne zu, das im Ansatz versucht zu haben, aber ich bin da eher wie ein Liedtexter und kann mich stundenlang mit einem Satz beschäftigen. Ich müsste mir wie Joachim-Ernst Behrendt, dieser alte Jazzjournalist, eine Kabine auf einem Frachter mieten, um die Welt kutschieren und dabei Ruhe finden. Im Moment bin ich noch zu hibbelig und ungeduldig dazu. Ich habe auch nicht das Gefühl der 65-Jährige im klassischen Sinne zu sein.

Dann wagen wir doch mal einen Ausblick: Die DVD „100% Leben“ aus dem Jahr 2003 war ja auch ein Rückblick und ein Resümee. Mittlerweile haben Sie bereits zwei weitere Alben veröffentlicht. Was sind Ihre weiteren Pläne? Was ist von Achim Reichel noch zu erwarten?

Reichel: Ich rede ja ungern über ungelegte Eier. Da wird man hinterher nur drauf festgenagelt. Mein Job erfüllt mich und wenn ich an John Lee Hooker denke, der mit 80 noch auf der Bühne geklampft hat, dann sage ich, ich höre nicht auf, so lange ich eine Gitarre halten kann. Ich möchte möglichst lange der bleiben, der ich bin.

Ihre Tournee führt nicht nach Münster. Können wir uns im nächsten Jahr auf Sie freuen?

Reichel: Noch weiß ich gar nicht, was ich mache, wenn ich nächstes Jahr 65 werde. Vielleicht nehme ich meinen Koffer und behaupte einfach, nicht da zu sein. Oder aber, um mal doch über ungelegte Eier zu reden: Mich könnte es reizen, wie Ray Davies von den Kinks auf Tour zu gehen. Als so eine Art Storyteller, wo ich Songs meiner Karriere spiele und zwischendurch erzähle, wie die in der jeweiligen Zeit zustande kamen. Das werde ich irgendwann mal tun, da bin ich mir ganz sicher. Nach dem Motto: ein Mann, eine Gitarre und seine Lebensgeschichte.

Sie waren ja schon häufiger in Münster...

Reichel: ... ja, bei Steffi (Stephan) im Jovel.

… zuletzt mit der Volxlieder Tour 2006. Was verbinden Sie mit Münster?

Reichel: Also eure Altstadt, die kann ich schon mögen. Da ziehe ich auch gern mal um die Häuser. Und publikumsbezogen: Beim letzten Mal, in dieser komischen Kongress- oder Mehrzweckhalle war die Atmosphäre so, als würde am nächsten Tag ein Zahnärztekongress stattfinden. Vor dem Konzert war ich richtig heiser. Mein Tourneeleiter hat mich dann zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Münster geschickt, der hat mit Rachenpinseln etc. meine Stimmbänder wieder hinbekommen. Aber die Münsteraner gehen gut ab, für die spiele ich richtig gerne.

Nach dem Motto: Ein Mann, eine Gitarre und seine Heiserkeit.

Reichel: (lacht) Ja, „100% Leben“. Das mag ich gar nicht erzählen, aber auf der letzten Tour war es so, da waren neben drei Roadies sogar eine Physiotherapeutin dabei, die uns alten Herren immer Massagen gab, damit die Knochen auch geschmeidig sind. Live-Konzerte sind das ehrlichste, was es gibt. Jedenfalls werde ich auf der Bühne nicht verloren gehen.

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