Leonard Cohen in Oberhausen
Der alte Mann und das "Mehr"

Oberhausen -

Wie Hemingway ist Leonard Cohen ein Aficionado: ein Liebhaber. Was für Ernest Hemingway der Stierkampf, war für Leonard Cohen jahrelang der Wein. Drei Flaschen pro Tag waren nötig, um die Nervosität bei seinen Tourneen in den Griff zu bekommen.

Montag, 03.11.2008, 01:13 Uhr
Leonard Cohen in Oberhausen: Der alte Mann und das "Mehr"
Leonard Cohen live in Oberhausen. Foto: Gunnar A. Pier

Aber damals, so erzählt der kanadische Poet und Performer, als er das letzte Mal in Deutschland war, sei er noch ein Kind gewesen. Das war vor 14 Jahren. Da war Cohen 60 Jahre alt. Selbstironie ist eine der Säulen, die diesen Konzertabend tragen. Dazu gesellen sich Cohens altersweise Lässigkeit und Eleganz. Und die Kunst, in der Oberhausener Arena trotz der 9.000 Zuschauer eine intime Atmosphäre zu erzeugen. Dafür sorgt das stimmungsvoll wechselnde Licht, das die Musiker zwischen den Songs wie schematische Scherenschnitte vor einem Theatervorhang erscheinen lässt.

Es ist immer eine Frage, ob Künstler in Würde altern, oder ob sie zu einem Schatten ihrer selbst werden. Der kanadische Songwriter aber schafft mehr als nur eine Balance, die das Konzert nicht zur Karikatur werden lässt. Mit der Grandezza eines Grandseigneurs und einer noch sonorer gewordenen Stimme trägt er – unterbrochen von einer kurzen Pause - insgesamt 26 Songs vor. Beim Singen schließt er die Augen, als wolle er beweisen, dass er die Texte noch auswendig kennt und spickt dabei gelegentlich auf den Monitor.

Der Kanadier ist nicht nur Komponist, sondern auch Visionär. Bereits 1992 besang er in dem Lied „The Future“ den Horror, der neun Jahre später am 11. September eintreffen sollte. Und so klingt sein Statement anlässlich der bevorstehenden US-Wahl, dass Demokratie auch mal nach Amerika komme, zwar hoffnungsvoll, aber zugleich zynisch. Insbesondere weil seine Band ihn mit militärischem Rhythmus begleitet und kurz in den „Yankee Doodle“ verfällt.

<2>Seine ganz persönliche Bankenkrise erlebte der Kanadier, als seine Managerin und damalige Lebensgefährtin sein Vermögen durchbrachte: Der Grund dafür, noch einmal auf Tour zu gehen. Natürlich spielt er seine bekanntesten Hits wie „Suzanne“, „So Long, Marianne“ und „First We Take Manhattan“. Weitere Glanzlichter sind „Who By Fire“ (mit einem wunderbaren Kontrabass-Solo) und das schöne „Famous Blue Raincoat“ vom 1971er Album „Songs Of Love And Hate“. Manches schrammt knapp am Kitsch vorbei, doch Cohen kriegt stets die Kurve.

Der Höhepunkt des Abends aber ist „Hallelujah“. Cohen wandelt sich bei dem Lied zum Prediger. Mit geballter Faust und mit Inbrunst beschwört er das Publikum. Seine drei Backgroundsängerinnen werden zum Gospelchor und der Saal zum Sakralbau. Das gleißende Licht der Bühne verstärkt den erhabenen Eindruck: die Arena wird zur Kirche. Cohen betont, dass er nicht nach Oberhausen gekommen sei, um die Menschen hier auf den Arm zu nehmen. Keiner hätte das vermutet: der Spaß, den er auf der Bühne hat, ist ehrlich und echt. Seiner Band um den musikalischen Leiter Roscoe Beck begegnet er mit viel Respekt und zieht ein ums andere Mal den Hut.

Zweimal stellt er sie vor: Niels Larsson an der Hammond-B3-Orgel, den Schlagzeuger und „Prinzen der Präsizion“ Rafael Gayol, den Saxofonisten und „Meister des Atems“ Dino Soldo, die Gitarristen und „Architekten des Arpeggios“ Bob Metzger und Javier Mas, an dessen spanischen Note Hemingway seine wahre Freude gehabt hätte. Komplettiert wird das Ensemble durch Co-Autorin und Sängerin Sharon Robinson, sowie Charley und Hattie Webb, die nicht nur den Gesang, sondern auch Akrobatik und Harfenspiel beherrschen.

Nach drei Stunden bittet der Chansonnier schließlich zur „Closing Time“, Zeit zu gehen. Da ihm der Abschied von der Bühne aber schwer fällt, kommt er noch einmal zurück: er habe es ja versucht, singt er in „I Tried To Leave You“. Jedes Bandmitglied darf noch mit einem Solo im Rampenlicht stehen, bevor der Zeremonienmeister den Abend zusammenfasst: „Here’s a man still working for your smile“. Das Publikum bedankt sich und hätte seinerseits gewiss den Hut vor diesem großen Künstler und diesem großartigen Abend gezogen.

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