Musik
Farin Urlaub: „Ich bin halt nicht Bono“

Montag, 04.05.2009, 16:00 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 04.05.2009, 16:00 Uhr

Letztes Jahr im November starteten Farin Urlaub und sein Racing Team (FURT) ihre „ Krachgartentour “. Im Mai setzt die Band ihre Tournee fort. Ende August ist der Ärzte-Sänger mit der zwölfköpfigen Combo beim Area4-Festival in Lüdinghausen . Unser Redaktionsmitglied Carsten Vogel sprach mit Farin Urlaub über die Unterschiede seiner beiden Bands und über das Rentenalter.

Vor drei Wochen habe ich Nagel von Muff Potter interviewt und gefragt, wen er live besser fände: Die Ärzte oder Farin Urlaub Racing Team. Was glauben Sie, hat er geantwortet?

Farin Urlaub: Ehrlich gesagt, glaube ich, dass er das Racing Team noch nicht live gesehen hat.

Stimmt. Wie würden Sie denn die Frage beantworten?

Urlaub: Das ist wie die Frage, was man lieber mag: Pizza oder Sushi? Man kann beides mögen. Oder keines von beiden (lacht). Ich erkläre das mal aus meiner Sicht: Das eine ist eine anarchische Dreimann-Kapelle, die beim Publikum viel Phantasie voraussetzt. Das, was von der Bühne kommt, ist mehr Anarchie als geballte Rockmusik. Beim Racing Team ist es weniger Anarchie, denn da stehen zwölf Leute auf der Bühne und davon sind sieben Frauen. Das ist ein ganz anderes Erlebnis, wenn da von zwölf Leuten gleichzeitig gespielter Lärm runterkommt.

Wo macht Ihnen denn die Arbeit mehr Spaß?

Urlaub: Das ist auch diese Pizza-Sushi-Geschichte. Wenn irgendwas mehr Spaß machen würde, dann hätte ich das andere schon gecancelt. Ich habe mehrere Interessen. Ich mag zum Beispiel Ska. Ska kann man mit den Ärzten nur in der rudimentärsten Form spielen: Zum Ska gehören eben Bläsersätze. Und ich mag Rock-Arrangements, die fast ans Theatralische grenzen: mit Frauenstimmen und großen Chören. Da stoßen wir bei den Ärzten schnell an unsere Grenzen. Wenn ich es pauschal sagen müsste: Wenn es um großen Rock geht, dann spiele ich live lieber mit dem Racing Team. Wenn es um den Spaß geht, spiele ich lieber mit den Ärzten.

Ich fand ja, dass das Racing Team auf der Bühne mehr Spaß vermittelt...

Urlaub: Das freut mich. Aber, es kommt auf die Tagesform an. Bei den Ärzten schwappt das auch rüber. Beide Bands haben Spaß. Let’s face it: Ich mache sehr gerne Musik. Und ich suche mir keine Leute, die man auf die Bühne prügeln muss.

Das Racing Team ist nicht Ihr erstes Solo-Projekt. Sie hatten früher ja bereits King Køng…

Urlaub: Moment, das sind ja keine Solo-Projekte. Racing Team ist eine richtige Band. Solo war nur mein erstes Album „Endlich Urlaub“. Alles, was danach kam, war mit Band.

Ich nenne es mal Projekt außerhalb der Ärzte. King Køng war nicht ganz so erfolgreich wie FURT jetzt.

Urlaub: King Køng war überhaupt nicht erfolgreich. Flop ist noch zu nett. Katastrophe könnte man sagen. Wir haben uns damals eingeredet, unserer Zeit weit voraus zu sein. Aber wenn ich mir die Platten heute anhöre, dann klingt das ein bisschen bemüht. Wir wollten wie unsere Vorbilder sein und trotzdem lustig bleiben. Es war weder Fisch noch Fleisch. Damals war das eine extrem frustrierende Erfahrung. Ich bin nicht heulend ins Bett gegangen, aber ich war wirklich frustriert. Ich dachte, dass wir was Tolles machen und keiner merkt es.

Warum funktioniert es denn jetzt mit dem Racing Team besser?

Urlaub: Böse Zungen könnten sagen, es entfernt sich nicht weit von den Ärzten. King Køng war zudem auf Englisch, denn es sollte nie wieder Deutsch sein. Das Experiment habe ich mir diesmal geschenkt. Texte, die ich auf Englisch schreibe, sind so wie viele andere. Ich spreche zwar fließend englisch, aber ich glaube, ich habe eine Art Talent, das nur auf Deutsch funktioniert. Texte, die ich auf Deutsch schreibe, sind anders. Deswegen habe ich mich darauf besonnen. Vielleicht ist auch die Zeit eine andere. Ich genieße es einfach.

Mick Jagger hat mal gesagt, dass er lieber tot sei, als mit 45 noch „Satisfaction“ zu singen. Jetzt sind Sie ja in dem Alter...

Urlaub (lacht): Ich bin 45, aber ich schwöre Ihnen, ich spiele nie „Satisfaction“...

... aber vielleicht „Claudia“...

Urlaub: „Claudia“ haben wir bereits in den 90ern nicht mehr gespielt. Wir haben eine Trennungslinie gezogen zwischen den Ärzten der 80er und der 90er. Live ist das etwas anderes: Ein Stück wie „Zu spät“ werden wir wahrscheinlich noch auf dem allerletzten Ärzte-Konzert, wann immer das sein wird, spielen. Das Set bei den Ärzten verschiebt sich in Richtung der neuen Platten. Beim Racing Team habe ich das Problem nicht.

Machen Sie sich Gedanken über die Zeit danach? Was kommt?

Urlaub: Ja, schon sehr. Kennen Sie den Film „Pappa ante portas“? Vicco von Bülow verpackt das Thema zwar humorig, aber das ist eine wichtige Frage. Die Musik ist ein großer Teil meines Lebensinhalts. Klar kann ich sagen, ich habe genug Geld verdient, setze mich auf meine Terrasse und warte darauf, dass die Sonne scheint. Aber das ist auch kein Leben. Andererseits will ich den Leuten nicht als alter Sack auf die Nerven gehen. Ja, ich mache mir da schon Gedanken.

Sie könnten ja wie Nagel von Muff Potter ein Tourtagebuch schreiben oder eine Biografie…

Urlaub: Tatsächlich liegt gerade neben mir „Inside/Out - A personal history of Pink Floyd “ von Nick Mason. Pink Floyd war nie meine Lieblingsband. Die haben ein paar tolle Songs gehabt, aber das war mir zu pompös. Umso überraschter war ich, als ich dieses Buch in die Hände bekommen habe. Mason schreibt so gut, mir kommen regelmäßig die Tränen. Vor Lachen. Ich bin erst beim ersten Drittel. Aber dafür, dass das eine der erfolgreichsten Bands der Welt war, nimmt der das überhaupt nicht ernst. Wenn ich mir zutrauen würde, so gut schreiben zu können, dann würde ich darüber nachdenken. Ich werde eher in absehbarer Zeit den zweiten Teil meines Reisebands herausbringen.

Neulich war Wolfgang Niedecken in der Redaktion und hat über sein Uganda-Projekt gesprochen. Sie waren gerade in Afrika. Was haben Sie dort gemacht?

Urlaub: Darüber rede ich nicht gerne. Irgendwann, wenn ich wieder in die Gegend reise, schreibe ich mal ein Buch darüber. Jetzt habe ich aus verschiedenen Gründen nicht genug Material.

Reisen und Fotografieren ist ja ein Hobby von Ihnen. Wäre das etwas für die Zeit nach den Ärzten?

Urlaub: Was ist das für ein Ziel? Es ist doch wie in der Rockmusik. Es gibt doch schon 20.000 Fotografen. Es wartet doch niemand ausgerechnet auf mich. Sicher, ich habe den Vorteil, dass mich meine Reisen dahin führen, wo viele Leute nicht hinkommen. Das ist auch der Ansatz, den ich verfolge: keine abgelutschten Fotos zu machen vom schiefen Turm von Pisa oder zum fünfzigsten Mal den Eiffelturm.

Bei Gerd Ruge hat wahrscheinlich auch keiner darauf gewartet, dass der mal verreist, aber der hat genau wie Sie einen Namen, der sich verkauft...

Urlaub: Ach, das würde ich nicht überschätzen. Die Fotografie hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben. Ein Leben ohne Fotos kann ich mir nicht mehr vorstellen. Aber eine Zukunftsvision ist das nicht.

Im Mai wird die Krachgarten-Tour fortgesetzt…

Urlaub: Ja. Ich bin am 16. Mai in Bochum im Ruhrcongress. Bin ich vorbereitet? (lacht)

Das kann ich überprüfen. Am 23. August spielen Sie in Lüdinghausen. Können Sie das geographisch einordnen?

Urlaub: Es ist nicht weit weg von Bochum (lacht). Es ist in Westfalen (lacht). Wir haben ja bereits auf dem Area4-Festival gespielt. Ich weiß schon, wo das ist. Ich würde sogar ohne Navi hinfinden. Na, bin ich gut? (lacht)

Diesmal sind es die Toten Hosen Headliner. Gibt es da Spannungen?

Urlaub: Nein, es gibt private Kontakte. Zwar nicht so, dass wir uns ständig sehen, aber es ist nicht die früher heraufbeschworene Feindschaft. Es gab eine kurze Zeit der Antipathie, weil Bela sich mit Teilen der Band wegen einer Frau geprügelt hat. Das ist aber so lange her, dass die meisten Leute inklusive der Beteiligten sich nicht mehr erinnern können.

Thema Greentouring. Das Area4-Festival hat ja mit „Viva con Agua“ eine Charity-Partnerschaft für Trinkwasser- und Klimaschutzprojekte.

Urlaub: Wir erheben auf unsere Tickets einen CO2-Aufschlag. Da haben wir unsere Fans gar nicht vor die Wahl gestellt. Und es hat sich keiner darüber beschwert. Das ist eine gute Sache. Heutzutage kann man ja direkt beim Buchen online sehen, wie viel Schadstoffe bei Kurz-, Mittel- oder Langstreckenflügen freigesetzt werden. Natürlich muss man darauf achten wie glaubwürdig das ist und wer dahinter steckt. Forest Steward Councilship (FSC) zum Beispiel sind zertifiziert und vertrauenswürdig.

Auch sonst sind Sie sehr engagiert: Reporter ohne Grenzen, Ärzte ohne Grenzen...

Urlaub: Ich verdiene viel Geld und ich spende, ja. Aber das will ich nicht an die große Glocke hängen. Ich bin halt nicht Bono.

Zum Glück…

Urlaub: ... obwohl, der hat die Nummer von Cheney in seinem Handy. So schlecht ist das auch nicht (lacht). Trotzdem möchte ich nicht mit dem tauschen.

Irgendwer sagte neulich, wenn Bono sich nicht soviel um Politik kümmern würde, dann bekäme er auch mal wieder einen guten Song hin...

Urlaub (lacht): Das war wahrscheinlich jemand aus seiner eigenen Band.

Ich glaube, es war Neil Tennant von den Pet Shop Boys. Inwiefern sind Ihre Ansagen bei Konzerten vorbereitet?

Urlaub: Überhaupt nicht. Das kann ich nicht vorbereiten. Ich bin niemand, der sich seine Ansagen aufschreibt und vorher googelt oder bei Wikipedia nachliest. Ich mache so etwas immer spontan. Es gibt auch Situationen, da geht das total in die Hose. Wenn ich Quatsch erzähle, den keiner versteht oder etwas, was völlig falsch ist (lacht).

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