Erdmöbel im Interview
„Ja, dann hör ich´s ja wohl“

Freitag, 05.11.2010, 12:11 Uhr

Münster /Köln - „ Erdmöbel “ ist die ostdeutsche Bezeichnung für Sarg. Aber auch eine Band, deren Mitglieder alle aus dem Münsterland stammen. Gegründet hat sich das Quartett vor 15 Jahren. Vor Kurzem ist ihr siebtes und von den Kritikern hochgelobtes Album „Krokus“ erschienen. Mit Liedern, die derzeit zum Intelligentesten und Schönstem gehören, was die deutsche Popmusik zu bieten hat.

Zeitgleich hat Sänger Markus Berges seinen Debütroman vorgelegt: „Ein langer Brief an September Nowak“. Unser Redaktionsmitglied Carsten Vogel sprach mit ihm und Gitarrist Ekki Maas über die Merkwürdigkeiten des Münsterlandes.

Warum zieht man vom Land weg?

Ekki Maas: Auf dem Land konnte ich es schon als Kind nicht aushalten. Aber ich bin auch der Extremste von uns. Ich bin in Ostbevern groß geworden und habe mich da sehr fremd gefühlt. Als ich 18 war, bin ich weg und nicht zurückgekehrt. Ich war da einfach fremd.

Wie kam es denn von „Ekki and the Toasters“ zu den Erdmöbeln?

Maas: So genau wissen wir das gar nicht. Wir kennen uns alle so lange. Vermutlich aber war die Initialzündung damals im Studio am Dahlweg in Münster, als die Vorgängerband das erste Mal mit deutschen Texten probte. Ich habe produziert und wusste, dass es das ist, was ich machen möchte. Die Gruppe hat sich seitdem nicht verändert. Auch Wolfgang - unser Keyboarder - war von Beginn an dabei, ist aber erst später festes Mitglied geworden.

Wer ist auf die Idee gekommen, sich nach dem ostdeutschen Begriff für Sarg zu benennen?

Markus Berges: Ich. Es war eine schnelle Entscheidung, weil das Wort schön ist.

Hat das was mit dem Germanistikstudium zu tun?

Berges: Im Studium wird man nicht auf den spielerischen Umgang mit Sprache gepolt, sondern auf einen wissenschaftlichen. Und der kann auch unkünstlerisch sein.

Haben Sie in Münster studiert?

Berges: Ja. Den Professor, den ich im Examen hatte, habe ich später mal auf Teneriffa getroffen. Dem habe ich ein bisschen was zu verdanken.

Maas: Ich habe meinen Professor auch mal im Urlaub getroffen. Das war sehr unangenehm. Das war ein richtig fieser Typ.

Ist der Albumtitel „Altes Gasthaus Love“ eine Anspielung an das bekannte Gasthaus in Münster?

Maas: Weniger als an die Streichholzschachtel, die Markus hatte. Wir haben die Aufschrift falsch gelesen.

Berges: Bei den Eltern meiner damaligen Freundin, die in Münster wohnten, habe ich die Streichholzschachtel entdeckt. Ehrlich gesagt kenne ich das Gasthaus Leve gar nicht.

Maas: Viele Sachen, die in unseren Songs vorkommen, kennen wir gar nicht. Wir waren noch nie zusammen im Gasthaus Leve. Genauso wenig waren wir im Hygienemuseum in Dresden. In der Rheinischen Post steht ein Artikel, der sich damit brüstet, dass wir den Niederrhein besingen. Geldern ist ganz stolz, dass es in einem Lied von uns vorkommt (lacht).

Berges: Es reimt sich einfach gut auf Feldern.

Manchmal muss man die Grammatik auch zwingen, oder?

Maas: Unsere Grammatikfehler sind alle beabsichtigt.

Im Interview mit der „Zeit“ stand ein Vergleich mit „wie“ anstatt mit „als“. . .

Maas: Das wurde mir unverschämterweise in den Mund gelegt. So rede ich nicht (lacht).

Zum neuen Album: Mir gefallen die Molltöne auf „Altes Gasthaus Love“ besser.

Maas: Ich glaube, dass „Krokus“ auf den zweiten Blick viel weniger versöhnlich ist. Wenn man damit Probleme hat, dann fällt es schwer, dieselbe emotionale Bindung aufzunehmen wie bei „Altes Gasthaus Love“. Letzteres hat mehr Schlagerschmalz.

Es ist aber auch musikalisch ganz anders. . .

Maas: Ja, das betrifft natürlich auch die Musik. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir ein Album machen wollten, das aggressiver ist. Auch, wenn das auf den ersten Blick gar nicht so scheint.

Welche Stimmung möchte denn die Band wiedergeben? Ist das vom Text abhängig?

Berges: Wir arbeiten gemeinsam an einem Song. Jeder bringt seine Sicht als Musiker ein. Man kann das als Prozess begreifen, der sich stets verändert. Wenn Wolfgang beispielsweise mit einem überraschenden Klavierthema um die Ecke kommt, dann kann sich auch die Stimmung des gesamten Songs ändern. Wir arbeiten so lange daran, bis keiner mehr etwas zu meckern hat.

Maas: Die Grundkomposition kommt aber von Markus, der ein Demotape mit Text und Akkorden einreicht.

Kann man von Plattenverkäufen heute noch leben?

Maas: Wir leben in einer Zeit, in der Bands wie „Juli“ klagen, dass sie zu wenig Geld verdienen. Es ist aber auch bezeichnend, wie wenig Musik heute noch wert ist.

Wie ist denn der Münsterländer an sich?

Maas: Der Münsterländer ist wie der Rheinländer: Der möchte viel erzählen. Aber aus irgendeinem Grund macht er das nicht. Ich kenne ganz viele Münsteraner, die jetzt in Köln leben und die erleichtert sind, dass sie so viel labern können. Eine typische Szene im Münsterland ist: Die Familie kommt zusammen, schweigt den ganzen Nachmittag und am Ende sagt die Oma: „Ja, dann hör ich´s ja wohl.“

Woran liegt das?

Maas: Seitdem wir weg sind, hat sich das etwas geändert (lacht). Mittlerweile kann man Brötchen holen gehen und wird auch mal etwas gefragt. Ich habe 20 Jahre im Münsterland gewohnt und kann mich nicht erinnern, morgens mit jemandem gesprochen zu haben, den ich nicht gut kannte.

Herr Berges, warum kommt die Hauptfigur aus Ihrem Roman aus Warendorf ?

Berges: Ich komme ja aus Telgte. Die Kreisstadt ist Warendorf und die kenne ich gar nicht so gut. Aber die Verhältnisse, dieses jämmerliche Mittelzentrum-mäßige kenne ich. Warendorf ist genau die richtige Mischung, der richtige Abstand. Ich hatte die ganze Zeit eine Adresse im Kopf, von der ich dachte, sie sei besonders schäbig. Letztes Jahr war ich in Warendorf, um mir einen Überblick zu verschaffen. Und da habe ich festgestellt, dass diese Adresse, wo ich Betty wohnen lassen wollte, eine total noble ist. Ich bin dann verzweifelt zu Fuß durch Warendorf gelaufen, um eine geeignetere Straße zu finden. Das war gar nicht zu schaffen, ich musste wieder ins Auto steigen und habe dann doch eine ausfindig gemacht. Warendorf ist anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Allein der abgebrannte Bahnhof, den man nie wieder aufgebaut hat: Das ist so traurig. Und was für ein Zustand, dass eine Stadt dieser Größe keinen Bahnhof hat.

Maas: Warendorf ist eine absonderliche Stadt. Ich habe da Fahrprüfung gemacht. Telgte ist ganz anders.

Berges: Ich wollte etwas beschreiben, was ich beurteilen kann und von einer Atmosphäre, die ich kenne. Und natürlich auch aus ein paar Quellen schöpfen. Aber ich wollte nicht von mir und meinem Elternhaus erzählen.

Was ist der Unterschied zwischen dem Schreiben eines Romans und eines Songs?

Berges: Das ist sehr unterschiedlich, weil ich bei einem Song viel mit Verdichtung arbeite. Dadurch, dass wir einen Song musikalisch emotionalisieren, funktioniert er sinnlich und einfach. Würde ich mit dieser Herangehensweise einen Roman schreiben, wäre da ein extrem kompakter und kaum zu konsumierender Text. Ich lese selbst gerne anspruchsvolle Literatur, aber gute Romane müssen auch unterhalten und eine spannende Geschichte erzählen.

Maas: Das Buch ist - und das ist ein gutgeschriebener Text eigentlich immer - ein bisschen musikalisch. Ich glaube aber, dass Leute Probleme bekommen, wenn sie bei unseren Songs nur die Texte lesen, ohne die Musik zu hören.

Der letzte Song auf dem neuen Album heißt ja fast wie das Buch „September Nowak“. Wie kam es denn dazu?

Berges: Ein halber Zufall. Ein Freund der Band hatte die Idee, dass wir mal ein Instrumental machen sollten. Die Idee war für uns völlig fern, insbesondere auf diesem Album. Diese Nummer dann ausgerechnet „September Nowak“ zu nennen, ist zunächst nur aufgepfropft, weil es viel zu nahe lag, diese Verbindung herzustellen. Aber mittlerweile kennt jeder in der Band auch den Roman und wir finden, der Song ist einfach „September-Nowak“-mäßig.

Wie gefällt der Band denn der Roman?

Maas: Wir finden ihn alle gut. Es war anfangs schwer, weil wir Markus so gut kennen und wussten, woher die Inspirationen kamen. Das störte beim Lesen. Nach der Hälfte aber hat mich das Buch so gepackt, dass es nicht mehr störte.

Gefällt Ihnen eigentlich Ihre Gesangsstimme?

Berges: Interessante Frage. (lacht)

Maas: Ihm muss die nicht gefallen, mir gefällt die.

Berges: Es gab Phasen, in denen mir meine Gesangsstimme nicht gefiel und ich dachte: Vielleicht muss ich Songs für jemand anderen schreiben. Als Experiment. Mich irritiert die Frage, weil ich mit dieser Befindlichkeit noch nie hausieren gegangen bin. Im Moment aber mag ich meine Stimme sehr gern.

Maas: Die meisten Sänger haben im Studio das Problem, wenn sie ihre eigene Stimme auf Band hören, gefällt sie ihnen nicht.

Als ich neulich das neue Erdmöbel-Album gehört habe, sagte meine Freundin nämlich: nicht schon wieder Blumfeld.

Maas: Nein! Interessant, denn die Stimmen sind echt verschieden.

Berges: (lacht) Das Beste (und zwar mit Abstand) an Blumfeld ist doch die Stimme von Jochen Distelmeyer. Das ist wirklich interessant, weil die Stimmen nicht sehr verwandt sind.

Maas: Das ist aber ein typisches Phänomen, wenn etwas in Deutschland gut läuft, dann ist es immer ähnlich wie Udo Lindenberg, ähnlich wie Element of CrimeFür jemanden, der sich damit beschäftigt - und das könnte man vom Publikum auch erwarten - ist das so absurd, weil die Sachen grundverschieden sind. Man kann vielleicht noch behaupten Lindenberg und Jan Delay haben das gleiche Polypensystem, aber das war es dann auch schon (lacht).

Apropos: Werden nicht auch sofort Parallelen zwischen Erdmöbel und Element of Crime gezogen, jetzt da Markus Berges einen Roman geschrieben hat?

Maas: Das ist in der Tat schon sehr nachahmenswert, was Sven Regener gemacht hat. Aber dann hätte Markus ein ganz anderes Buch schreiben müssen: über sich selbst. Auch wenn Herr Lehmann eine Kunstfigur ist, erlebt er doch das, was Sven Regener erlebt hat. Die Vermutung liegt nahe, dass er sich sehr stark an seinem Leben orientiert hat.

Das war aber nicht der Grund, sich bewusst für eine weibliche Hauptperson zu entscheiden?

Berges: Die Tatsache, dass erfolgreiche Musiker Bücher schreiben, ist für mich kein Ausgangspunkt gewesen. Als wir „Altes Gasthaus Love“ gemacht haben, sagte unsere Plattenfirma so halb als Witz: Markus, du musst ein Buch schreiben!

Maas: Zunächst dachte ich auch, dass die Verlage Sven Regeners Erfolg wiederholen wollen, aber dann hatte ich doch den Eindruck, dass sie Fans von Markus Textarbeit sind.

Spielen Sie auf der Tour denn wieder in Münster?

Maas: Am 12. Dezember in den Städtischen Bühnen. Kleines Haus. Es ist ja furchtbar, wenn sich alles immer wiederholt wie die Konzerte im Gleis. Nichts gegen den Laden, der hat eine tolle Bühne, nette Leute. Aber wir haben da bestimmt zehn Mal gespielt und wollten das nicht noch mal machen. Es passt besser zu uns, wenn wir nicht in einem Rock´n´Roll-Laden spielen. In einem Theater bekommen wir mehr Aufmerksamkeit. Ich weiß aber nicht, ob es da Bier gibt.

Berges: Es ist ein Traum für uns, da zu spielen. Seit Jahren haben wir das nur so vor uns hin gesagt, aber jetzt ist es endlich soweit.

Maas: Ich habe da mal einen Inder mit seiner Sitar gesehen. Der konnte überhaupt nicht spielen, aber es waren viele Leute da (lacht).

Gibt es denn Läden, die gar nicht zu Ihnen passen?

Maas: Wir haben mal in den schmutzigsten Läden überhaupt gespielt und haben die Leute zum Sitzen gezwungen. Das war für alle ein Riesenspaß. Die Leute haben sich erst geziert, haben dann aber mitgemacht. Ein sehr extremes Erlebnis. Wir haben auch gesessen und sehr leise gespielt. Also wenn wir irgendwo nicht hingehören, macht uns das eigentlich viel Spaß. Wir haben mal im ZDF-Fernsehgarten gespielt. Das war auch totaler Quatsch.

Berges: Das passte definitiv nicht, aber genau deshalb war es auch gut. Wenn es einen Ort geben würde, von dem es heißt, der sei total erdmöbelig, dann würden wir da bestimmt nicht hingehören.

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