Interview mit Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch
Der realistische Romantiker

Münster/Hamburg - Ihr zehnjähriges Bandjubiläum feierten Kettcar im Dezember noch im Gleis 22. Ort des allerersten Konzertes. Jetzt legt das Quintett das vierte Album vor. "Zwischen den Runden" ist stark beeinflusst von der Akustik-Tour, die die Hamburger 2009 gestartet haben. Unser Redakteur Carsten Vogel sprach mit Sänger Marcus Wiebusch über Streicherarrangements, Serien und Sabberfäden.

Freitag, 10.02.2012, 22:02 Uhr

Interview mit Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch : Der realistische Romantiker
Die Hamburger Band Kettcar um Sänger Marcus Wiebusch (M.) Foto: Andreas Hornoff

Marcus Wiebusch : Meine Frage zuerst: Wie findest du denn das neue Album?

Ich finde, dass sich der Vorgänger „Sylt“ gegen „Zwischen den Runden“ wie ein Punk-Album verhält. Wie ist das passiert?

Wiebusch: Die Band wollte eine Gegenbewegung einschlagen. Und natürlich haben wir die Streichertour gemacht. 2009 haben wir unsere lauten Songs in ein leises Gewand gehüllt. Das Konzept ist aufgegangen, und die Tour war ein voller Erfolg. So haben wir beim Songwriting das enge Korsett, das wir uns bei „Sylt“ auferlegt haben – also laut, düster, krachig – verlassen und haben uns gesagt, dass alles offen und möglich sein muss.

Denkst du denn beim Songwriting jetzt automatisch die Streich-Arrangements mit?

Wiebusch: Nein. Man darf die Streicher, auch wenn man sie sehr prominent auf dem Album hört, nicht als Kern eines Songs missinterpretieren. Er basiert immer auf der Akustikgitarre, der Stimme und dem Text. Auf der kommenden Tour lassen wir bei einigen Songs – zum Beispiel bei „Schwebend“ – die Streicher komplett weg und dann sieht man, dass sie auch ohne funktionieren.

Ist die Homogenität des Albums eine Essenz aus elf Jahren Bandgeschichte?

Wiebusch: Das nächste Album könnte auch Elektropunk sein. Nein, wir sind an einem Punkt unserer Karriere angekommen, an dem wir nicht zwei Mal hintereinander das gleiche Album machen wollen.

Woher nimmst du die textlichen Inspirationen?

Wiebusch: Die Texte brauchen immer die eine Idee und dann erschließt sich alles andere. Ich gehe in Ausstellungen, ich lese sehr viele Bücher, ich gehe in Filme und gute TV-Serien sind für mich sehr inspirierend.

Welche zum Beispiel?

Wiebusch: Die beste Serie, die es gibt, ist für mich „The Wire“. Die ist grandios.

Aber nur im Original, oder?

Wiebusch: Ja, immer nur im Original. Und solchen Serien wie „ Breaking Bad “ finde ich toll.

Ich schaue gerade „Dexter“…

Wiebusch: „Dexter“ ist auch toll. TV-Serien sind für mich die neue Literatur. „The Wire“ ist wie eine Art Sittengemälde. Und solche Serien inspirieren mich bei der Ideen-Findung für neue Songs und Texte: Manches wird aufgeschrieben, manches wieder gestrichen.

„Rettung“, der erste Song eures neuen Albums, enthält die Zeile „Es ist nicht nur das, was man fühlt, nicht was man voller Sehnsucht sucht, Liebe ist das, was man tut.“ Das klingt zwar sehr romantisch, aber das Lied ist es eigentlich überhaupt nicht. Ist es dieser Spagat, der eure Lieder von denen anderer Bands hervorhebt?

Wiebusch: Eigentlich ist es ja ein stumpfes Liebeslied. Aber es gibt die unterschiedlichsten Interpretationen. Wir haben den Song als erstes veröffentlicht. Man kann sich das Video auch bei Youtube anschauen. Da gibt es Kommentare, die sagen, dass es ja wohl das romantischste sei, was es gibt, die kotzende Freundin nach Hause zu schleppen. Wenn wir ein Liebeslied schreiben, dann verbinden wir damit eben auch solche Dinge wie Sabberfäden oder Kotze im Haar. Das ist eben unsere Art.

Bist du selbst romantisch?

Wiebusch: (lacht) Schon, aber ein realistischer Romantiker.

In dem Lied „In deinen Armen“ heißt es „Lass uns doch einfach alles geben“. Kann man das für die Band so stehen lassen?

Wiebusch: Es ist ein persönliches, ja, ein Liebeslied. Der Song ist von Reimer [Bustorff, Bassist von Kettcar , Anm. der Redaktion]. Und der Satz ist sehr stark. Man sollte ihn als Lösung der Problematik verstehen, um die es in dem Lied geht. Deshalb ist das schlecht auf die Band übertragbar.

Nervt es, wenn Journalisten irgendwelche Zitate aus Liedern einwerfen und nach Interpretationen fragen?

Wiebusch: Wir wollen halt nicht immer alles erklären. Und bei einzelnen Phrasen fällt es mir schon schwer, Interpretationen zu geben.

Hast du dir schon mal überlegt, einen Roman zu schreiben?

Wiebusch: Ah (lacht)! Das werde ich oft gefragt in letzter Zeit. Ich bin nicht frei von dem Gedanken, mich mal zurückzuziehen, wenn ich Zeit habe, und zu schreiben. Aber ein Roman ist die Königsdisziplin. Wenn ich anfange zu schreiben, dann mit Kurzgeschichten. Ich glaube, man merkt aber, dass ich Stories zu erzählen habe. Sieben von den zwölf neuen Songs sind Storytelling, wo die Protagonisten etwas erleben und die Handlung vorangetrieben wird. Mich interessieren aber auch Filme und ihr dramaturgischer Aufbau. Mein Herz schlägt etwas in die Richtung, sich mal an ein Drehbuch zu wagen.

Lakonisch, melancholisch: Das sind Attribute, die häufig bei eurer Musik fallen.

Wiebusch: Das sind Stimmungen, die wir aufgreifen. Du hast ja gerade gesagt, das neue Album sei homogen. Da würde ich Einspruch erheben. Ein  Song wie „Schrilles, buntes Hamburg “ ist so düster und bitter, dass er auch auf „Sylt“ hätte landen können. Dann gibt es positive Lieder wie „Schwebend“, aber auch todtraurige wie „Zurück aus Ohlsdorf“. Die stehen diametral zueinander. Deshalb würde ich das Album auch eher heterogen nennen. Wobei Homogenität einem Album immer gut zu Gesicht steht.

Auf dem neuen Album sind sieben Songs von dir und fünf von Reimer. Ist das eine Form der Demokratisierung innerhalb der Band?

Wiebusch: Wenn du so willst, ja. Ich habe es als entlastend empfunden. Das ist eine angenehme und natürliche Entwicklung gewesen. Und wenn die Leute jetzt nicht auseinanderhalten können, welches Lied von Reimer oder von mir ist, dann spricht das für ein gesamtes und in diesem Sinn tatsächlich auch homogenes Werk.

Euer Jubiläumskonzert war im Dezember in Münster . Was müsste Münster für dich haben, dass es attraktiver wäre als Hamburg?

Wiebusch: Fiese Frage. Hamburg ist aufgrund seines Hafens eine sehr spezielle Stadt. Der Hafen macht etwas mit der Stadt. Er ist eine Art Assoziationspunkt, zu dem man immer zurückkehren kann. Auf der anderen Seite mag ich das Norddeutsche. Dass man eben nicht jedem direkt in die Arme fällt. Und dass Hamburg nicht so aggressiv und unfreundlich wie Berlin ist. Und trotz aller strukturellen Schwächen, die man auch mal benennen muss, hat Münster keine Chance.

Dabei hat Münster auch einen Hafen…

Wiebusch: Ich will mich nicht weit aus dem Fenster lehnen, aber ich glaube, der kann mit Hamburg nicht mithalten. (lacht)

Du sprichst es ja selbst gerade an: Wie ist denn deine Meinung zu Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter und zum Stichwort Gentrifizierung?

Wiebusch: Du spielst damit auch auf den Song „Schrilles, buntes Hamburg“ an, oder?

Darauf wollte ich hinaus…

Wiebusch: Gentrifizierung ist in Hamburg ein großes Thema. In dem Song „Schrilles, buntes Hamburg“ wird das Thema zwar gestreift, aber in erster Linie geht es um Verwertungslogiken und die Rolle des Künstlers in der modernen Gesellschaft. Ich zeichne in dem Lied ein bitteres Bild: Es wird sowohl der Ausverkauf thematisiert als auch das düstere Szenarium, dass man in der Hafencity oft Kunstevents veranstaltet, um gleichzeitig Perlenkettenpläne zu erfüllen. Gentrifizierung spielt dabei insofern eine Rolle, als dass Künstler immer zuerst auch sogenannte first mover sind, die in solche maroden Viertel ziehen und es damit aufwerten. Wenn ich es politisch formulieren müsste, würde ich sagen, das wir alle –  mit den Politikern zusammen – , einen Zeitgeist schaffen sollten, der das Grundübel Verwertungslogiken in Frage stellt und die Rolle der Kunst anerkennt. Das ist in dieser Stadt mit seinem Leuchtturmprojekt „Elbphilharmonie“ zusehends schwieriger. Deshalb unterstützen wir auch die Bewegung „Recht auf Stadt“.

Thees Uhlmann ist ja in die unfreundliche Stadt Berlin gezogen…

Wiebusch: … und will wieder zurück. (lacht)

Jetzt hat er ein Soloalbum gemacht. Hast du selbst schon mal darüber nachgedacht?

Wiebusch: Nein, jetzt schreibe ich erst ein Buch oder mache einen Film. (lacht)

Hypothese: Welche Musiker müssten auf deinem Soloalbum unbedingt vertreten sein?

Wiebusch: Am Schlagzeug Bruce Springsteen, an der Mundharmonika Tom Waits, am Bass Leonard Cohen und an der E-Gitarre Suzanne Vega. (lacht) Gute Band eigentlich, oder?

Ja, ist gekauft. Und in der Zwischenzeit warten wir auf Buch und Film. Vielen Dank für das Gespräch.

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