125 Jahre Schallplatte
... und sie dreht sich noch

Der Amerikaner Thomas Edison hat herausgefunden, wie man auf einer Walze Töne aufzeichnen kann. Der deutsche US-Einwanderer Emil Berliner verbesserte das Konzept und ersetzte die Walze durch eine rotierende Scheibe. Am 4. Mai 1887 ließ er sein Patent anmelden: Die Schallplatte war geboren. Mit dem Erscheinen der CD Mitte der 80er Jahre ging der Verkauf der schwarzen Scheibe zurück. Doch seit ein paar Jahren steigen die Absätze von Vinyl wieder.

Mittwoch, 16.05.2012, 10:05 Uhr

Für manch einen ist die Welt nach wie vor eine Scheibe. Und zwar eine kreisrunde, schwarze mit einem Loch in der Mitte und einer spiralförmige Rille. Es knistert und knackt, wenn man den Tonarm auf sie legt. Manchmal hüpft und springt sie. Und doch fühlt man sich mit ihr genauso wohl, wie vor einem Kaminfeuer.

125 Jahre später spielt die Platte nur noch eine untergeordnete Rolle . Offiziell soll es lediglich ein Prozent des Umsatzes auf dem deutschen Musikmarkt ausmachen. „Die Zahlen sind völlig falsch“, weiß Radiomoderator und Rolling-Stone-Autor Wolfgang Doebling. Es dürfte sich wohl um das Zehnfache handeln, denn seit ein paar Jahren werden wieder mehr Langspielplatten verkauft. „Viele Leute haben das Artwork und das Haptische vermisst“, sagt Mark Franko . Er ist Plattenhändler bei Jörgs CD-Forum in Münster. Vor sieben Jahren hat der Laden wieder angefangen, die schwarzen Scheiben zu verkaufen. Heute bekommt man dort nahezu jede Neuerscheinung, die auf Vinyl erscheint.

Die Nachfrage steigt definitiv

Mark Franko

Die Spannweite von „Vinylisten“, also LP-Liebhabern, gehe von Käufern ausgefallener Singles über hochwertig aufgenommenen Platten bis hin zu Raritäten: „Eine Portion Freakness zeichnet jeden Plattenliebhaber aus“, behauptet Franko. Natürlich ist die Schallplatte ein Nischenprodukt. Etwas für Musikfreunde und Sammlerkunden. Trotzdem erlebt die LP eine Renaissance. „Die Nachfrage steigt definitiv“, sieht auch Mark Franko.

Viele Leute trauern heute ihrer Sammlung hinterher, die sie zugunsten von CDs verkauft haben. Auch der Musikjournalist Ernst Hofacker . Wie viele andere, die ihren Speicher entrümpelt haben und auf alte Platten gestoßen sind, ist auch er auf den Trichter gekommen, sich einen neuen Plattenspieler zu kaufen: „Eine Plattenseite von 20 Minuten kommt meiner Hörgewohnheit entgegen“. Als Beispiel dafür nennt der ehemalige Chefredakteur der Musikzeitschrift „Sounds“ das Rolling Stones Album „Exile on Main St.“, auf dem jede Albumseite unter einem eigenen Thema steht. Die zweite Seite, die mit „Sweet Virginia“ beginnt, ist akustisch gehalten: „Das sind Feinheiten, die völlig untergehen, wenn man eine CD komplett am Stück hört“, meint Hofacker.

Eine LP ist mehr als jeder andere Tonträger die Visitenkarte eines Künstlers. In seinem jüngst erschienenen Buch „Von Edison bis Elvis“ setzt sich Hofacker auch mit der Tonträger-Krise auseinander. Er schreibt, dass die digitale Revolution die Konsumgewohnheiten nachhaltig verändert hat: „Wozu noch vor zwanzig Jahren ein ganzer Plattenschrank nötig war, das passt heute locker auf den Speicherchip“. Vielen jüngeren Leuten ist das Hören von Schallplatten eine bewusste Gegenbewegung zur CD. „Sie haben zwar einen iPod, um mobil Musik hören zu können, aber sie wollen sich abgrenzen und hören somit auch Vinyl“, sagt Mark Franko. Heute ist es wegen des iTunes-Stores und wegen Amazon leicht, einzelne Lieder herunterzuladen.

Auch deshalb greifen viele, wenn sie ein ganzes Album kaufen wollen, wieder zur 33er. Denn der Klang ist dynamischer und gegenüber einer CD weniger steril. Die steigenden Absatzzahlen belegen auch, dass es CDs und insbesondere MP3-Dateien an Sinnlichkeit mangelt. Und natürlich wissen Plattenlabels, was ihre Kundschaft möchte. So legen einige Firmen den Alben einen digitalen Downloadgutschein bei. Oder sie bieten die Kombination von Platte und CD an, erhöhen dafür aber die Preise. Ein Ärgernis, findet auch Radiomoderator und Plattenexperte Wolfgang Doebeling.

Er sieht die Entwicklung der Platte allerdings positiv und glaubt, dass sich in Zukunft ein duales System aus Vinyl und Download entwickeln wird. Doch, um es mit Frank Wonneberg zu sagen, der das dickleibige Buch „Labelkunde Vinyl“ herausgegeben hat: „Schallplatten kommen in die Welt in der Hoffnung, erfolgreich zu sein.“ Schließlich will man in der Branche Geld verdienen. Hofacker indes möchte nicht von einem Comeback der Schallplatte sprechen. Dennoch sieht auch er viele Gründe, warum die LP gefragter ist als noch vor ein paar Jahren. Sein Resümee lautet simpel: „Vinyl ist einfach nicht totzukriegen“.

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