Münsters musikalische Shootingstars
Messer machen sich locker

Münster -

Münsters Musikszene hat immer gute Bands hervorgebracht. Wenn sie es dann noch über den Tellerrand der hiesigen Medienberichterstattung schafft, ist es stets etwas Besonderes. Die TAZ und Spiegel Online haben dem Debütalbum des münsterischen Quartetts „Im Schwindel“ gute Noten gegeben. Intelligente Songtexte treffen auf Indiemusik (file under: Hamburger Schule trifft Post-Punk): geschliffen, geradeaus und gut. Unser Redakteur Carsten Vogel hat die Band getroffen.

Dienstag, 31.07.2012, 10:07 Uhr

Münsters musikalische Shootingstars : Messer machen sich locker
Die münsterische Band Messer, die gerade ihr Debütalbum „Im Schwindel“ veröffentlicht hat. Pogo (Bass), Pascal Schaumburg (Gitarre), Hendrik Otremba (Gesang) und Philipp Vuht (Drums) im Specops (v.l.). Foto: Carsten Vogel

Wie fühlt man sich, wenn man bei Spiegel Online als „furchteinflößend blickendes Abrisskommando aus Münster “ bezeichnet wird?

Hendrik: Das hat er wahrscheinlich an unseren offiziellen Promofotos festgemacht, die vielleicht ein wenig düster aussehen (lacht).

Vielleicht spielt der Autor Jan Wigger auch auf eure düsteren oder morbiden Texte an. Welche literarischen Einflüsse gibt es da?

Hendrik: Also der Text von „Abel Nema“ bezieht sich auf den Roman „Alle Tage“ von Terézia Mora . Der hat mich so beeindruckt, dass ich mehr daraus machen wollte, als ihn nur gelesen zu haben. Eine Hommage an einen schönen Roman. Ich würde unsere Texte auch nicht morbide nennen. Wir gehen mit offenen Augen durch Welt und erkennen das einiges nicht stimmt. Das ist kein Seelenstriptease, sondern der Blick auf etwas, was man sieht und erlebt. Nicht mal zwingend bei sich selbst, sondern auch bei anderen Menschen.

Worum geht es denn in dem Song „Mutmaßungen über Hendrik“?

Hendrik: Nicht über mich (lacht). Es bezieht sich auf den Roman „Mutmassungen über Jakob“ von Uwe Johnson. Letztendlich geht es um Leute, die mir am Herzen liegen und um die ich mich Sorge.

Plötzlich gibt es Artikel über euch in der Spex, in der Taz und bei Spiegel Online. Was macht das mit euch und steigen dadurch die Plattenverkäufe?

Philipp: Wir können zufrieden sein, wie die Plattenverkäufe laufen. Aber von der neuen Bekanntheit kann man nicht auf Absatzzahlen umrechnen. Sicherlich haben einige Leute jetzt etwas über Messer gelesen, aber wie viele davon das Album gekauft haben und es dann auch noch gut finden, kann man nicht sagen. Wir sind nie davon ausgegangen, Musik zu machen, die jedem gefällt. Was das mit uns macht? Wie haben keine Illusionen, sondern machen uns locker.

Lest ihr alle Rezensionen über euch?

Philipp: Wir lesen die Reviews und schauen, ob wir uns da wiederfinden und nehmen das mit Interesse war. Manchmal entdeckt man ja auch etwas in den Kritiken, was man selbst nicht vermutet hätte.

In einer Kritik stand „von Fremdschämen bis Massenpogo ist alles drin“...

Hendrik: Ich habe mich auch gefragt, was der gehört hat.

Philipp: Es steht uns aber nicht zu, zu sagen, dass die Empfindung falsch ist. Wir können aber sagen, dass wir auf einem Messer-Konzert noch keinen Massenpogo gesichtet haben. Und das Fremdschämen überlassen wir auch anderen, da sind wir nicht mit an Bord. (lacht).

Pogo: Als Nichtmuttersprachler nimmt man englische Texte eben nicht so genau wahr. Englisch ist als Deckmantel viel cooler. Bei deutschen Texten gibt es keine Barriere wie bei anderssprachigen, sodass man schneller zum Fremdschämen verleitet wird. Weil wir auf deutsch singen, machen wir uns verwundbarer.

Ich habe neulich in der Nachbarschaft Leute „Sexy“ von Westernhagen grölen hören. Das ist Fremdscham.

Philipp: Peinliche Texte können auch ihren Charme haben. Hendrik, Pascal und ich haben ein Faible für die Münchner Freiheit entwickelt. Nicht, weil das per se eine gute Band ist, sondern weil da immer mal wieder etwas Interessantes dabei ist.

Pascal: Sie treffen halt sehr direkte Aussagen über einfache Sachen wie Liebe und Dinge, mit denen man sich herumschlägt. Das spricht viele Leute an, aber manche eben auch unangenehm. Peinlich heißt ja auch erstmal, dass man jemanden mit einer Empfindung erreicht hat.

Hendrik: Es kann ja auch sein, dass jemand Scham empfindet, weil er in den Texten etwas über sich selbst entdeckt: "Ich schäme mich, weil dort Worte gefunden werden, die ich selbst nie sagen würde."

Philipp: Die Band sagt ja auch, sie sind die deutschen Beatles /Beach Boys.

Hendrik: Der Sänger war bei Amon Düül II.

Wie seid ihr auf den Bandnamen gekommen?

Hendrik: Wir wollten uns erst Splitter nennen.

Pogo: Davor war noch Urvogel 2 im Gespräch.

Hendrik: Dann kam uns aber mal ein Typ entgegen, der ein Splitter-T-Shirt anhatte und da war klar, dass das nicht geht. Im Zug nach Köln sind wir dann auf Messer gekommen. Der Name ist super. Der bedeutet nichts und alles. Das ist ein Bandname, der nicht viel erzählen will, der einfach da ist. Der ist scharf (lacht). Gut und böse, Werkzeug und Waffe. Hilfreich und zerstörend. Warum ist da im deutschsprachigen Raum niemand drauf gekommen? Im englischsprachigen Raum gibt es eine Band, die sich Messer nennt und ganz üble Musik macht. Ziegenbarthardrock.

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