Andrere + Northern Dancer
Herbst-Pop: Max Riegers all diese gewalt und Stella Sommer

Anspruchsvoller Pop aus Deutschland für dunklere Wochen gefällig? Die neuen Alben von Nerven-Frontmann Max Rieger mit seinem Projekt all diese gewalt und von Stella Sommer passen perfekt in die Zeit.

Montag, 30.11.2020, 14:00 Uhr aktualisiert: 30.11.2020, 14:02 Uhr
Max Rieger hält sich gerne im Hintergrund auf.
Max Rieger hält sich gerne im Hintergrund auf. Foto: Bettina Theuerkauf

Berlin (dpa) - Es ist vielleicht ein Zufall, dass diese beiden Alben kürzlich fast gleichzeitig erschienen sind. Aber es passt.

Max Rieger , der nun unter dem Projektnamen all diese gewalt auftritt, und Stella Sommer sind zwei der interessantesten Indiepop-Stimmen aus Deutschland. Ihre neuen Werke bieten ambitionierte Herbst-Musik, und sie haben auch sonst einiges miteinander zu tun.

«Andere» (Glitterhouse/Indigo) von ALL DIESE GEWALT ist eine zwar nur knapp 40 Minuten lange, gleichwohl monumentale Platte. Melancholische Piano-Balladen, elektronische Klanggemälde und düsteres Postpunk-Dröhnen treffen eindrucksvoll zusammen. Riegers Texte vibrieren vor Dringlichkeit, etwa in «Blind», das mit einer herrlichen Trompeten-Melodie von Max Kraft endet.

Man fühlt sich in den elf seit 2016 entstandenen Liedern an die besten Leistungen von Tocotronic oder Blumfeld erinnert. Auch wenn Rieger natürlich nicht der «Hamburger Schule» angehört, sondern aus dem Schwäbischen stammt, wo er vor zehn Jahren mit einer Noise- und Indierock-Band startete.

«Bei Die Nerven haben wir kollektive Gedanken und teilen jede Reaktion durch drei», sagt der 28 Jahre alte Musiker, Produzent (Drangsal, Ilgen Nur) und Soundtrack-Komponist («Berlin Alexanderplatz»). «Dort bin ich viel angriffslustiger und deutlich weniger verletzlich. Bei all diese gewalt entscheide ich allein, stehe aber auch allein in der Verantwortung.»

Im Gegensatz zu Dirk von Lowtzow (Tocotronic) und Jochen Distelmeyer (Blumfeld), die sich klar als Frontmänner positionierten, bleibt Rieger bisher gern im Hintergrund. «Ich fühle mich nicht wichtig oder relevant genug als eine Stimme, die irgendjemanden repräsentiert. Das können andere Leute besser», sagte er in einem Porträt von «Spiegel Online». Er brauche auch «keine Bestätigung von außen, dass mich Leute toll finden».

Oder, wie es in einem der neuen, musikalisch sehr zugänglichen Songs seines Quasi-Solo-Projekts heißt: «Nichts kommt mir zu nah/Zweifel immer da». Das Cover-Artwork scheint zu dieser Stimmung zu passen: eine in schmeichelndes rotes Tuch gehüllte Gestalt - mit einem Schnellfeuergewehr.

«Ich bin sehr stolz auf 'Andere', weil es hat mich fast kaputt gemacht, und doch habe ich es zuende gebracht. Alles ist genau so wie es sein soll», schrieb Rieger auf Facebook. «Jetzt endlich aber kann, muss und werde ich es loslassen. Es wird höchste Zeit.» Kein Widerspruch. Mit all diese gewalt hat er eines der stimmigsten, klügsten deutschen Pop-Alben des Jahres abgeliefert.

Dass Rieger auch ein toller Produzent ist, beweist er abermals auf «Northern Dancer» (Northern Dancer Records/The Orchard), der neuen Platte von STELLA SOMMER. Die von Piano, Synthie und dunklem Gesang getragenen Lieder setzt der Stuttgarter genau so reduziert und schwebend in Szene wie nötig.

Sommer, die Frontfrau des (wie Die Nerven) vor zehn Jahren gestarteten Indie-Deutschpop-Projekts Die Heiterkeit, hatte schon 2018 ein englischsprachiges Soloalbum vorgelegt - «13 Kinds Of Happinesse» begeisterte viele Kritiker. Ihre zwischen zartem Folk, Chanson und Sixties-Pop oszillierenden Lieder klingen jetzt erst recht äußerst eigenständig, die üblichen Nico-Vergleiche lohnen immer weniger.

«Northern Dancer» markiert erneut eine Weiterentwicklung von Stella Sommer als Singer-Songwriterin mit internationalem Anspruch. Das charmante «7 Sisters» hat gar das Zeug zum Indiefolk-Hit. Vermehrt kommen klassische Instrumente zum Einsatz - so spielt Oliver Heinrich (Drangsal) Horn, der in Berlin lebende kanadische Songwriter-Kollege Sam Vance-Law ist an der Geige zu hören.

Der Sound bleibt damit wunderbar transparent, ohne jemals karg oder dürr zu sein. «I hope it brings you some comfort in these strange times» (Ich hoffe, es bringt Euch ein bisschen Wohlgefühl in diesen sonderbaren Zeiten), sagt Sommer auf Facebook über ihr zweites Soloalbum. Ganz bestimmt. «Northern Dancer» ist ein starkes Statement einer talentierten Songwriterin und ihres ebenso fähigen Produzenten.

© dpa-infocom, dpa:201122-99-423380/4

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