Europäische Internetplattform
Medientage: Wie Europa Facebook und Google kontern könnte

Internetriesen wie Google und Facebook sind in der Medienwelt Platzhirsche. Bei den 33. Münchner Medientagen sind sich Experten einig: Europa muss dem mehr - und Besseres - entgegensetzen.

Mittwoch, 23.10.2019, 15:58 Uhr aktualisiert: 23.10.2019, 16:02 Uhr
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich zum Start der 33. Medientage München für eine alternative europäische Internetplattform aus.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich zum Start der 33. Medientage München für eine alternative europäische Internetplattform aus. Foto: Felix Hörhager

München (dpa) - Gegen die Übermacht von US-Internetkonzernen helfen nach Einschätzung von Medienexperten und Politikern nur bessere Zusammenarbeit in Europa - und bessere Werte.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich am Mittwoch zum Start der 33. Medientage München für eine alternative europäische Internetplattform aus: «Entweder sind wir bereit, den Wettbewerb anzunehmen, oder wir werden am Ende nur Konsumenten sein von anderen Wettbewerbern.»

Söder warf in seiner Rede deutschen Medienhäusern und besonders der Medienpolitik mangelndes Reformtempo vor. Vieles gehe zu langsam. «Bis wir ein Fußballspiel anpfeifen, haben die anderen schon drei Ligen gespielt.» Die deutsche Medienordnung sei «anachronistisch» und «altbacken».

Der bayerische Regierungschef bekannte sich ausdrücklich zu den Öffentlich-Rechtlichen Sendern in Deutschland. Er kritisierte aber zugleich eine «unendliche Staatsvertrags-Mäanderei» und sprach sich für eine umfassende Reform der deutschen Medienordnung jenseits des gegenwärtig verhandelten neuen Medienstaatsvertrages aus. «Deutschland zögert» - und werde darum zunehmend abgehängt.

Die türkischstämmige Tech-Soziologin Zeynep Tufekci, Professorin an der Universität von North Carolina in den USA und Journalistin unter anderem für die «New York Times», zog gar Parallelen zum Kalten Krieg. Der Westen haben diesen gegen den Ostblock gewonnen, weil er einfach die besseren Werte, das bessere Lebensmodell angeboten habe. Dem seien die Menschen gefolgt. Ähnlich könne man das in der digitalen Welt mit Alternativen schaffen. Aus Sicht der Wissenschaftlerin haben Google und Facebook «autoritäre» Strukturen geschaffen, die derzeit «noch» für Kommerz und nicht für autoritäre Politik genutzt werden.

Ein Gegenmodell, das Gleiches anbiete, aber keine Daten sammle, sei die einzig denkbare Alternative, um die Macht der Konzerne zu zerschlagen. Vor allem eine Plattform wie Youtube, die Menschen mit dem Algorithmus hinter automatischen Videovorschlägen nicht nur in ihren Ansichten bestätige, sondern zunehmend radikalisiere, sei eine große Gefahr. «Wir werden auseinandergerissen - Bildschirm für Bildschirm», sagte Tufekci.

Andreas Briese (Director Youtube Partnerships Central Europe) betonte in einer anderen Gesprächsrunde, dass die Algorithmen von Youtube in den vergangenen Jahren verändert worden seien. Ursprünglich sollten Videos gefördert werden, die viele Klicks erzielen. Danach seien Videos mit langen Sehzeiten favorisiert worden. Jetzt gehe es darum, Inhalte zu fördern, die breit und vielfältig und nicht in Nischen sind. Im Frühjahr habe es ein Update gegeben, das sich dem Problem von Hassreden, der sogenannten Hate-Speech, widme.

Der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm betonte: «Es ist unverzichtbar, dass sich Europa seine Souveränität auch im Digitalen bewahrt.» Nahezu alle Plattformen sozialer Netzwerke über Cloud-Services werden demnach von Anbietern außerhalb Europas bestimmt. «Damit werden auch die Relevanz und Sichtbarkeit von Inhalten von Algorithmen gesteuert, deren Funktionsweise allein in den Händen von privaten Unternehmen liegt und deren Geschäftsmodell vor allem auf die gezielte Platzierung von Werbung ausgerichtet ist», sagte Wilhelm.

Bei den Medientagen diskutieren bis Freitag Medienschaffende und Experten über die großen Herausforderungen der Branche - vor allem geht es um digitalen Wandel. Verlage müssen seit Jahren im Print-Bereich hohe Auflagenverluste hinnehmen. Auch die Werbeerlöse sind ein Problem. Zugleich feilen sie daran, über Bezahlmodelle im Internet Kunden zu gewinnen.

Medienunternehmen sehen in Bezahlmodellen im Internet Chancen. Was funktioniere, sei guter und fundiert ausrecherchierter Lokaljournalismus - und nicht das Katzen-Video, sagte die Leiterin der Onlineredaktion der «Aachener Zeitung», Nina Leßenich, in einer Gesprächsrunde. Der Chefredakteur der «Augsburger Allgemeinen», Gregor Peter Schmitz, betonte, dass man sich zunehmend darüber Gedanken mache, Inhalte so aufzubereiten, dass sie für den Leser relevant sind. Es gehe auch darum, den Leser besser zu verstehen.

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