Burnout bei Müttern
Wenn der 16-Stunden-Tag normal ist

Münster -

Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen ist für die meisten Mütter zwar inzwischen die Regel, für Abertausende aber auch eine so starke Belastung, dass ernsthafte Erschöpfungszustände die Folge sind. Denn im Familienalltag fallen auch moderne Paare oft in alte Rollenmuster zurück. Von unsichtbaren Aufgaben und fehlender Anerkennung:

Sonntag, 12.05.2019, 12:40 Uhr
Burnout bei Müttern: Wenn der 16-Stunden-Tag normal ist
Voll berufstätige Frauen arbeiten pro Tag zweieinhalb Stunden mehr im Haushalt als ihre männlichen Pendants. Foto: Colourbox.de

Mutter und Hausfrau - diese klassische Rollenbeschreibung ist heute die Ausnahme.  Zwei von drei Müttern mit minderjährigen Kindern gingen 2017 in Deutschland laut Zahlen des statistischen Bundesamts arbeiten. Tendenz steigend.

Und auch die Einstellungen zu den Geschlechterrollen haben sich deutlich gewandelt: In einer repräsentativen Umfrage sprachen sich 75 Prozent der Befragten dagegen aus, dass die Frau die Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen sollte, wenn beide Partner arbeiten. Bloß: Die Wirklichkeit in Deutschlands Haushalten hinkt hinter diesem Wandel gewaltig hinterher.

Vor allem Hausarbeiten wie das Waschen und Putzen wird nach wie vor meistens von den Frauen erledigt, wie aus einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln hervorgeht.  

Erschöpft vom 16-Stunden-Tag

Selbst bei Paaren, bei denen beide Partner in Vollzeit arbeiten, liegt die Hauptlast daheim bei den Frauen, zeigen Daten einer Langzeitstudie. Diese Frauen leisten - so rechnet es das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vor - an einem Werktag zu Hause knapp drei Stunden mehr unbezahlte Arbeit als die Männer. Der Einsatz für Job, Kinderbetreuung und Haushalt summiert sich bei ihnen demnach durchschnittlich auf fast 16 Stunden. Für eigene Bedürfnisse ist da wenig Platz.

50.000 Kuren im Jahr

Viele Mütter macht das krank. Laut der aktuellen Familienstudie der AOK fühlt sich fast jede dritte psychisch stark belastet. Erschöpfungszustände, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen sind die Folge. In der letzten Bedarfserhebung des Familienministeriums im Jahr 2007 - eine neue wird gerade gestartet - kam heraus: Knapp zwei Millionen Mütter könnten sofort einen Kurantrag stellen. Doch diesen Schritt gehen nur wenige. Rund 50.000 Frauen versuchen jedes Jahr, in den Kurkliniken des Müttergenesungswerks wieder auf die Beine zu kommen.

Es zeigt sich ganz deutlich, dass die Belastung von Müttern zugenommen hat.

Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks

„Die Kliniken sagen uns, dass die Mütter kränker kommen“, berichtet Anne Schilling , Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. „Bei den ärztlichen Eingangsuntersuchungen sehen wir, dass die Indikationen für Erschöpfungszustände bis zum Burnout richtig stark zugenommen haben in den letzten zehn bis 15 Jahren.”

Dabei halten viele Frauen die belastende Situation so lange aus, wie es geht, beobachtet Schilling: „Die Mütter versuchen, ihren Alltag zu managen bis zum Anschlag.”

Das Müttergenesungswerk

Das spendenfinanzierte Müttergenesungswerk wurde 1950 von Elly-Heuss-Knapp, der Frau des ersten Bundespräsidenten, gegründet. Heute trägt es den Namen Elly Heuss-Knapp-Stiftung. Ziel und Zweck der Stiftung ist es unter anderem, Kuren für Mütter - und Väter, wenn sie den Großteil der Arbeit zu Hause übernehmen - zu ermöglichen. 

Der Weg zur Kur: Mütter, die sich belastet fühlen, können online einen anonymen Test machen, ob sie für eine Kur in Frage kommen. 1200 Stellen bei Wohlfahrtsverbänden (zum Beispiel beim Caritasverband und der Arbeiterwohlfahrt in Münster) bieten kostenlose Beratung. Mit einem ärztlichen Attest kann schließlich ein Antrag bei der Krankenkasse gestellt werden. Während der dreiwöchigen Kurmaßnahmen erlernen die Mütter  Techniken, um ihren Alltag zu strukturieren. Zudem werden sie medizinisch, physiotherapeutisch und psychosozial behandelt. Die Kosten für die Kurmaßnahmen werden von den Kassen übernommen, pro Tag gibt es einen gesetzlichen Eigenanteil von zehn Euro. Aus Spendengeldern gibt das Müttergenesungswerk bedürftigen Frauen einen Zuschuss.

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Die Last der Verantwortung

Ein Belastungsfaktor wird dabei von Männern oft übersehen: die mentale Laste („Mental Load“), die meist von den Frauen getragen wird. Die Wechselwäsche für die Übernachtungsverabredung, die Einladungen für die Geburtstagsfeier, der Arzttermin für die Impfung, das Entschuldigungsschreiben für die Schule - die To-Do-Liste ist lang und „mit einem unglaublichen Automatismus“ im Kopf der Mutter und nicht des Vaters platziert, sagt Anne Schilling. Bei den Frauen, bei denen eine gesundheitliche Störung diagnostiziert ist, führe das zu einem Gefühl, „immer auf Tour zu sein“ und „nicht mehr runterzukommen“.

Die Verantwortung, auf alles Mögliche zu achten, werde selten von den Vätern getragen. Im Gegenteil: „Die Sorgearbeit, die die Mütter leisten, erstreckt sich sehr häufig auch auf den Partner und seine Bedürfnisse“, sagt Anne Schilling.

„Es sind so viele kleine und große Baustellen, die man im Kopf haben muss.“ Helen Heinemann, die das Institut für Burnout-Prävention in Hamburg leitet, kann die Probleme der überlasteten Frauen gut verstehen. Sie beschreibt die übliche Rollenaufteilung in modernen Partnerschaften so: „Wenn der Mann nett ist, hilft er. Aber wenn beispielsweise das Kind krank wird, ist es in der Regel die Frau, die sich verantwortlich fühlt und fragt: Wie bekommen wir das hin?“

Fehlende Anerkennung 

Dass all diese Arbeit nicht wahrgenommen wird, ist ein Punkt, der viele Frauen zusätzlich belastet. Jede vierte Mutter in einer Kurmaßnahme nennt mangelnde Anerkennung als Belastungsfaktor.

Darüber, dass ihre Arbeit in der Familie unsichtbar bleibt, müssten sich Väter keine Sorgen machen, meint Leila Prousch , die als „Münstermama“ über ihr Leben als berufstätige Mutter bloggt. Man müsse sich nur einmal anschauen, welche anerkennenden Reaktionen Väter erhalten, wenn sie alleine mit den Kindern einkaufen gehen oder einen Kuchen backen. Frauen bekämen dafür in der Regel keine Schulterklopfer. „Vielleicht müssen die Männer das auch mal geraderücken”, meint Prousch. „Wenn ein Vater ein Lob bekommt, wenn er mal geputzt hat, könnte er auch antworten: ‚Meine Frau macht das jeden Tag‘.“

Die Bloggerin stellt fest, dass alte Rollenvorstellungen auch dann an Paare herangetragen werden, wenn sie für sich eine ganz andere Regelung gefunden haben: „In vielen Köpfen steckt noch: Dafür ist die Mama verantwortlich“. Zum Beleg berichtet die „Münstermama“ von einem Kollegen, der sein Kind nach einem Unfall ins Krankenhaus begleitet hat. Die zwei Stunden später dazustoßende Mutter wurde von der Krankenschwester mit dem Spruch begrüßt: „Ach, dann ist die Mama jetzt endlich auch da.“

Klare Absprachen, gesenkte Ansprüche

Wie kann eine besser Aufgabenverteilung zwischen den Partnern gelingen? „Er ist doch kein Kind, das muss er doch selber sehen!“ Von diesem Ausspruch hält Helen Heinemann nichts. Schließlich gebe es auch Aufgaben, die nur die Väter im Blick hätten. Sie rät den Frauen in ihren Seminaren, klare Absprachen mit ihren Partnern zu treffen. „Nicht nur sagen: Du könntest ja auch mal was machen, sondern ganz konkret Aufgaben abgeben, wie beispielsweise das Packen des Schulranzens.“ Zudem sollten die Mütter dann auch nicht kontrollieren, was der Mann macht, ihn notfalls auch scheitern lassen: „Und wenn das Kind mal nicht ganz so warm angezogen ist, wenn es mit Papa auf den Spielplatz geht, na und? Das Schlimmste, was passiert, ist ein Schnupfen. Viel schlimmer für das Kind ist doch, wenn die Eltern sich zoffen.“

Man darf sich nicht so versklaven und immer alles hundertprozentig machen wollen.

"Münstermama" Leila Prousch

„Von beiden Seiten muss der Wille da sein, dass es gut läuft“, meint Leila Prousch. Auch die Ansprüche sollte man manchmal in Frage stellen: „Wie perfekt muss es sein? Und zu welchem Preis?“ Für die halbe Stunde auf dem Spielplatz müsse man nicht unbedingt noch Apfelschnitze vorbereiten. Dabei sollte man auch darauf achten, wie sehr man die Aufgabe als Belastung wahrnimmt. „Mir macht es großen Spaß, den Kindergeburtstag meines Sohns vorzubereiten“, erzählt die Münsteranerin. „Und wenn ich die Zeit dafür habe, ist es ja auch schön. Aber man darf sich nicht so versklaven und immer alles hundertprozentig machen wollen. Da geht ja jeder kaputt.”

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