Stärken der Schüler fördern
Waldorf-Pädagogik ist «Mehr als nur seinen Namen tanzen»

Es wird ständig gestrickt und danach tanzen die Schüler ihre Namen - Klischees über Waldorfschulen gibt es viele. Dennoch verbuchen sie 100 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung großen Zulauf - vor allem in einer Region.

Samstag, 07.09.2019, 04:27 Uhr
Öko und esoterisch - Klischees über Waldorfschulen gibt es viele. Dennoch verbuchen sie 100 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung großen Zulauf.
Öko und esoterisch - Klischees über Waldorfschulen gibt es viele. Dennoch verbuchen sie 100 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung großen Zulauf. Foto: Sebastian Gollnow

Stuttgart (dpa) - Das Schulorchester tritt auf, ehemaligeSchüler berichten auf einer Podiumsdiskussion über ihre Erfahrungen,und auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) schaut vorbei.

An diesem Samstag (7. September) feiert die nach eigenen Angaben weltweit älteste Waldorfschule, die Freie Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart, ihr hundertjähriges Bestehen. Hier nahm eine weltweite, pädagogische Bewegung ihren Anfang, mit der bis heute viele Klischees verbunden werden.

Ihre Namen haben die Waldorfschulen in Deutschland von der ehemaligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. Der Fabrikant Emil Molt wollte den Kindern seiner Arbeiter gute Schulbildung ermöglichen und gründete 1919 die erste Waldorfschule unter Leitung des umstrittenen Österreichers Rudolf Steiner (1861-1925). Steiners Lehre steht für die Orientierung des Menschen auf seine eigenen Stärken und ist bis heute maßgebend für die Waldorf-Pädagogik.

Weltweit 1150 Waldorfschulen

Der Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, HenningKullak-Ublick, sagt: «Rudolf Steiner hat keine Rezepte geliefert, wieman etwas machen soll.» Eine dogmatische Auslegung widerspreche sogardem Anspruch der Waldorfschule - denn Ausgangspunkt seien immer dieeinzelnen Kinder und die Zeit, in der sie lebten. 100 Jahre nach derGründung besuchen seinen Angaben nach etwa 88.000 Schüler die 245Freien Waldorfschulen in Deutschland - weltweit gibt es rund 1150.  

Schulforscher Till-Sebastian Idel von der Universität Bremen sagt:«Sie sind sehr unterschiedlich, man muss unterscheiden zwischenWaldorfpädagogik und der bestimmten Waldorfschule. Sicherlich findetman auch Schulen, die eher orthodox sind. Ich würde aber sagen, dassdas nur wenige sind, die meisten Waldorfschulen gehen mit der Zeit.»

15 Waldorfschulen gibt es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.Zum Vergleich: In Baden-Württemberg oder in Rheinland-Pfalz sind esum die 60 - jeweils. «Gerade im Osten ist die Waldorfschulbewegung inBewegung, da tut sich was», sagt Birgit Thiemann von der RegionMitte-Ost im Bund der Freien Waldorfschulen. Während der Markt imWesten gesättigt sei und die Schulen mancherorts um Schüler ringen,würden im Osten Schulen neu gegründet. Bundesweit haben die FreienWaldorfschulen laut Statistischem Bundesamt innerhalb von zehn Jahrenseit dem Schuljahr 2006/2007 einen Zuwachs von 16 Prozent erlebt.

Noten nur bei staatlichen Prüfungen

Heiner Barz, Professor für Erziehungswissenschaften und Autor vonWaldorf-Studien, sieht Waldorf als Gegenmodell zu einem Schulsystem,das zunehmend auf Leistung und Drill aus ist. «Ich beobachte eineVerschärfung des Leistungsklimas, es gibt immer mehr Tests.» VieleEltern schauten sich deshalb nach einer Alternative um. «NichtDressur, Training und Auswendiglernen ist ihnen wichtig, sondern dassdie Begabungen und Talente des Kindes individuell gefördert werden.» 

Im Stundenplan können dabei auch Stricken, Gartenbau und Korbflechtenstehen. «Der Ausgangspunkt ist immer: Selber tun, eigene Erfahrungenmachen, um sie dann zu gestalten und denkend zu verarbeiten», fasstes Kullak-Ublick zusammen. Die klassischen Fächer wie Mathe, Deutschoder Geografie unterrichtet bis zur achten Klasse in der Regel eineinziger Lehrer. Es gibt kein Sitzenbleiben und keine Noten - außerbei den staatlichen Abschlussprüfungen.

Keine anti-autoritäre Pädagogik

Schulforscher Idel sagt, anti-autoritär gehe es an den Schulen nichtzu. «Gerade in den ersten Schuljahren beanspruchen die Klassenlehrer,eine richtunggebende Autorität für die Kinder zu sein.» Dieursprüngliche Idee, eine Schule für alle Schichten zu sein, geradeauch für Arbeiterkinder, hat sich nach seinen Beobachtungen abernicht erfüllt.» Die Schüler kämen - wie an anderen Privatschulen auch- zu einem großen Teil aus der akademischen Mittelschicht.

Kullak-Ublick vom Bund der Freien Waldorfschulen räumt ein: «Unsgefällt das selbst nicht, weil unser Anspruch ist: Wir sind für alleKinder da.» Man könne zwar in sozial schwierigen Stadtteilen Schulengründen. Das sei aber nicht so einfach - weil die Eltern aufgrund derGesetzeslage zur Finanzierung der jeweiligen Schule beitragenmüssten. Grob gesagt beläuft sich der Beitrag der Eltern nach denWorten von Kullak-Ublick im Durchschnitt auf rund 200 Euro pro Monat,wobei die Summen im Einzelfall erheblich davon abweichen können.

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