Gelenkverschleiß
Odyssee in Sachen Knie

Münster/Nordwalde -

Gelenkverschleiß: Mit Mitte zwanzig fingen die Schmerzen an. Mit Ende 30 konnte Karin Höping nicht mehr Rad fahren, arbeiten oder schlafen. Nun lebt die Erzieherin aus Nordwalde mit zwei künstlichen Knien. Und das sehr gut.

Freitag, 13.03.2015, 13:03 Uhr

Gelenkverschleiß : Odyssee in Sachen Knie
Konsequent überwacht Dr. Ralf Dieckmann, wie viel Beweglichkeit Karin Höpings Knie nach der Operation bereits erlangt hat Foto: Jürgen Peperhowe

Die Schmerzen in den Beinen, die plagten Karin Höping bereits mit Mitte 20. „Sie waren so unbestimmt, dass ich sie damals auf Krampfadern zurückführte“, erzählt die 54-Jährige. Doch auch nach einer Krampfader-Operation mit Anfang 30 wurden die Beschwerden nicht besser. „Das strahlte ins ganze Bein aus, rauf und runter.“

Um die Schmerzen zu lindern, tat Karin Höping genau das Falsche: Sie setzte auf Jazzdance und Step-Arobic. „Das geht auf die Kniegelenke “, weiß die Nordwalderin heute. Ein Orthopäde empfahl eine Gelenksspiegelung des rechten Knies. Das Resultat: Arthrose und ein kaputter Meniskus. „Ich wusste: Irgendwann brauche ich ein neues Gelenk.“ Woher Karin Höping bereits mit 37 Jahren derart geschädigte Knie hatte? Sie selbst kann nur mutmaßen. „Ich hatte mit 18 einen Auffahrunfall“, erinnert sie sich. Doch Dr. Ralf Dieckmann von der Klinik für Allgemeine Orthopädie und Tumororthopädie am Uniklinikum Münster schüttelt den Kopf. „Über 20 Jahre mit einem kaputten Meniskus?“, fragt der Leiter des Endoprothetikzentrums. „Das hätten Sie gemerkt.“

Die Schmerzen strahlten ins ganze Bein aus, rauf und runter.

Karin Höping

Wo keine erbliche Vorbelastung vorliegt, kann der Beruf mit schuld sein: Karin Höping ist Erzieherin. „Da sitzt man auf kleinen Stühlen, kniet auf dem Boden – oder trägt Kinder herum“, überlegt sie. Tatsächlich, bestätigt ihr Arzt, gebe es degenerative Berufserkrankungen des Knies, die etwa Fliesenleger ereilen. Wo immer ihre Erkrankung herkommt, die Nordwalderin kämpfte lange drum, ohne Operation klarzukommen. Sie ging ins Fitnessstudio, stieg auf den Hometrainer, fuhr Rad. Setzte also auf Bewegung, die Muskeln stärkt, Mobilität verbessert und Schmerzen lindert. „Nach zehn Minuten wurde es meist besser“.

Von sogenannten Stop-and-go-Sportarten rieten die Ärzte ihr ab. Bei denen man lossprintet, schnell abbremst und wieder losläuft – wie etwa beim Tennis, Squash, Volley-, Fuß- oder Basketball. „Besser sind Inline-Skaten, Schwimmen oder auch Golf,“ nickt Dieckmann. Sport gegen Schmerzen, das ging eine Weile lang gut. Doch 2009 kam Karin Höping nicht mehr ohne regelmäßige Schmerzspritzen und -medikamente aus. 2010 ergab eine Spiegelung die weitere Schädigung ihres Knies. Die Nordwalderin entschied sich für die Behandlung mit Hyaluron-Spritzen. Die Säure schmiert das geschädigte Gelenk und fungiert als eine Art Stoßdämpfer. Wie wirkungsvoll das ist, darüber gehen die Meinungen auseinander.

„Es gibt Studien, die zeigen, dass Hyaluronsäure hilft – und Studien, die das Gegenteil besagen“, so Dieckmann. Für ihn steht fest: „Ob Hyaluronsäure, Antirheumatika oder Akupunktur: Wenn ich so jung wäre wie Frau Höping, hätte ich auch alles ausprobiert, um den Verschleiß aufzuhalten.“

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Das künstliche Gelenk besteht aus Kobalt-Chrom mit einer Keramik-Beschichtung. Wie Dr. Ralf Dieckmann seiner Patientin erklärt, übernimmt ein Puffer aus Polyethylen die Funktion des Meniskus. Foto: Jürgen Peperhowe

Irgendwann wurden ihre Schmerzen so unerträglich, dass die passionierte Erzieherin ihren Beruf aufgeben musste, nicht mehr radfahren und schlafen konnte. „Bei Wanderungen mit Freunden hatte ich Angst, nicht mithalten zu können – und musste mich mitten auf der Strecke abholen lassen.“ Nach einer erneuten Spiegelung stellte sich Höping, die inzwischen als Angestellte der örtlichen Postfiliale arbeitet, im Juli 2012 am Uniklinikum vor.

Die gute Nachricht: Der Ersatz des eigenen Kniegelenks durch ein künstliches ist – anders als bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung – „ein Wahleingriff“, wie Ralf Dieckmann betont. Wann und an welcher Klinik man sich operieren lässt, entscheidet der Patient selbst. „Die meisten tun das, wenn die Lebensqualität zu stark eingeschränkt ist. Sie müssen bereit sein für die OP.“

Bei Ausflügen und Wanderungen mit Freunden hatte ich oft Angst, nicht mithalten zu können.

Karin Höping

Für Karin Höping war es im Sommer 2014 so weit. Erst erhielt sie im rechten Knie ein künstliches Gelenk aus Kobalt-Chrom mit Keramikbeschichtung. Vor acht Wochen folgte das linke. Bereits am ersten Tag nach dem Eingriff hielt Ralf Dieckmann seine Patientin an, die Beweglichkeit des Gelenks zu trainieren und ihre Muskel aufzubauen. Ziel war es, das Knie wieder voll zu strecken. „Wer keine Treppen steigen kann, verlässt diese Station nicht“, mahnt der Mediziner. Denn er weiß: Die Mobilität, die ein Patient am Anfang nicht erwirbt, holt er auch in der Reha nicht auf. Um das operierte Knie indes beschwerdefrei bewegen zu können, nutzen Patienten am UKM einen Schmerzkatheter, über den sie die Medikamente selbst dosieren. Für Karin Höping eine wertvolle Option: „Mit den Schmerzen habe ich auch die Angst ausgeschaltet, diese Bewegung nicht leisten zu können“. Schließlich hatten sich Jahrzehnte lang gewisse Schonhaltungen eingeschlichen.

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Auf dem Röntgenbild ist das künstliche Gelenk in Karin Höpings Knie gut zu erkennen. Foto: Jürgen Peperhowe

Sechs Wochen nach der ersten OP fuhr Höping in die Reha nach Bad Iburg. Seither geht es für sie bergauf. Sicher, „ab und an spüre ich, dass da ein Fremdkörper ist, in meinem Knie.“ Dennoch macht ein Leben ohne Schmerz vieles wett und eröffnet ihr neue Chancen. In ihren alten Beruf wiedereinzusteigen beispielsweise.

 

FAKTEN RUND UMS KNIE

2013 wurden bundesweit 127 000 Knieprothesen eingesetzt. 14 Prozent der Patienten waren zwischen 50 und 59 Jahre alt. Unter 50 Jahre waren nur 2,8 Prozent. Die Prothesen bestehen aus Kobalt-Chrom und sind mit Keramik beschichtet. Dazwischen übernimmt ein Puffer aus Polyethylen die Funktion des Meniskus. Das Einsetzen des künstlichen Gelenks dauert 60 bis 90 Minuten. In der Woche implantiert Dr. Ralf Dieckmann an der Allgemeinen Orthopädie und Tumororthopädie des Universitätsklinikums Münster drei bis vier künstliche Kniegelenke. Patienten reisen aus einem 150-Kilometer-Radius an. Nach der OP weist Dieckmann darauf hin, dass das Gelenk ein mechanisches Teil ist, das einer gewissen Abnutzung unterworfen ist. 90 Prozent der Prothesen sind heutzutage noch nach 17 Jahren intakt.

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